Gu­te Aus­sich­ten auf dem Zahn­arzt­stuhl

Me­di­zin Wenn der Boh­rer surrt, be­kom­men vie­le Men­schen Angst­zu­stän­de. Ei­ne bri­ti­sche Stu­die zeigt, wie ei­ne vir­tu­el­le Wan­de­rung an der Küs­te Ab­hil­fe schaf­fen kann

Donauwoerther Zeitung - - Panorama - VON MAR­KUS BÄR

Augs­burg Schon in der An­ti­ke und im Mit­tel­al­ter ha­ben die Men­schen Schweiß­aus­brü­che be­kom­men, wenn sie an ei­nen be­vor­ste­hen­den Be­such beim Zahn­rei­ßer oder Ba­der dach­ten. Als dann ab dem 19. Jahr­hun­dert Lach­gas zur Be­täu­bung und spä­ter ab 1905 Pro­cain zur Lo­kala­n­äs­the­sie ein­ge­setzt wur­de, schmä­ler­te dies den Schre­cken si­cher­lich ein we­nig. Aber selbst heu­te im 21. Jahr­hun­dert führt ein an­ste­hen­der Zahn­arzt­be­such im­mer noch nicht au­to­ma­tisch zu Freu­den­tau­mel. Doch viel­leicht än­dert sich dies nun. Im­mer ver­sier­ter wer­den näm­lich die Ablen­kungs­me­tho­den, die Zahn­ärz­te ein­set­zen, um ih­ren Pa­ti­en­ten die Angst vor dem Sur­ren des Boh­rers zu neh­men.

In man­chen Pra­xen wer­den gar Vi­de­o­bril­len ein­ge­setzt, mit de­nen die Men­schen in an­de­re Wel­ten oder Land­schaf­ten ver­setzt wer­den. Ei­ne bri­ti­sche Stu­die be­legt nun, dass ins­be­son­de­re ein vir­tu­el­ler Spa­zier­gang an der Küs­te hilft, die ge­fürch­te­te Tor­tur im Zahn­arzt­stuhl zu über­ste­hen. Wis­sen­schaft­ler der Uni­ver­si­tät im süd­west­eng­li­schen Ply­mouth ha­ben ins­ge­samt 70 Zahn­arzt-Pa­ti­en­ten in drei Grup­pen ein­ge­teilt. Ei­ne Grup­pe durf­te wäh­rend der Be­hand­lung mit­hil­fe ei­ner Vi­deo-Bril­le an der Küs­te von Wem­bu­ry im Sü­den von Ply­mouth un­ter­wegs sein. Die Pro­ban­den konn­ten da­bei selbst steu­ern, wo­hin sie in der vir­tu­el­len Rea­li­tät ge­hen.

Die zwei­te Grup­pe er­kun­de­te auf ähn­li­che Wei­se ei­ne städ­ti­sche Um­ge­bung. Ei­ne drit­te Grup­pe muss­te oh­ne vir­tu­el­le Rea­li­tät aus­kom­men. Die Be­hand­lung, die ei­ne Fül­lung, die Ent­fer­nung ei­nes Zah­nes oder bei­des um­fass­te, dau­er­te nicht mehr als 30 Mi­nu­ten, wo­bei al­le Teil­neh­mer ört­lich be­täubt wur­den.

Nach dem Ein­griff muss­ten die Pa­ti­en­ten den Schmerz und den Stress, den sie wäh­rend der Be­hand­lung hat­ten, be­wer­ten. Das Re­sul­tat: Die­je­ni­gen, die am Strand ent­lang spa­zier­ten, wa­ren we­ni­ger ge­stresst und hat­ten we­ni­ger Schmer­zen als die Pro­ban­den mit vir­tu­el­lem Rund­gang in der Stadt und als die Pa­ti­en­ten oh­ne Son­der­be­hand­lung.

Auch ei­ne Wo­che nach dem Ein­griff er­in­ner­ten sich die Stu­di­en­teil­neh­mer, die per Vi­de­o­bril­le an den Strand ge­schickt wor­den wa­ren, po­si­ti­ver an ih­ren Zahn­arzt­be­such zu­rück: Sie stuf­ten ih­ren Schmerz viel schwä­cher ein. Zu­dem wur­de die Küs­ten­re­gi­on at­trak­ti­ver, er­hol­sa­mer und stär­ken­der ein­ge­schätzt als die ur­ba­ne Um­ge­bung. „Es reicht nicht aus, den Pa­ti­en­ten nur ab­zu­len­ken“, sagt Sa­bi­ne Stahl, ei­ne CoAu­to­rin der Stu­die. „Viel­mehr muss die Um­ge­bung ein­la­dend und ent­span­nend sein.“

Ist ei­ne sol­che vir­tu­el­le Wan­de­rung nun so ein­drucks­voll, dass man sich künf­tig gar auf den Zahn­arzt freut? Das mag die Zu­kunft zei­gen. Stan­dard ist die Vi­de­o­bril­le in den meis­ten Pra­xen na­tür­lich noch nicht. Man­che Zahn­ärz­te las­sen auch ei­nen Film in ei­nem TV-Ge­rät an der Pra­xis­de­cke lau­fen, um ih­re Pa­ti­en­ten ab­zu­len­ken. Dem ei­nen Pa­ti­en­ten mag Ka­ra­te-Ac­tion hel­fen, dem an­de­ren et­wa Ro­sa­mun­de Pil­cher-Schmon­zet­ten oder Do­kus über künf­ti­ge Mond­lan­dun­gen. Von dem Kon­sum des Films „Der Ma­ra­thon-Mann“mit Dus­tin Hoff­mann sei an die­ser Stel­le aber ab­ge­ra­ten. Wer er­in­nert sich nicht an je­ne schau­er­li­che Stel­le, als ein al­ter Na­zi-Zahn­arzt Hoff­mann oh­ne Be­täu­bung im Mund her­um­bohr­te. Die­ser Strei­fen wä­re viel­leicht die fal­sche Ablen­kung.

Fo­to: Uni­ver­si­ty of Ply­mouth, dpa

So sieht die vir­tu­el­le Küs­ten­land­schaft aus, durch die Teil­neh­mer der bri­ti­schen Stu­die strei­fen durf­ten. Die Wan­de­rung am Meer ließ die Pa­ti­en­ten den Stress auf dem Zahn arzt­stuhl gut über­ste­hen.

Fo­to: Sa­bi­ne Pahl, dpa

Wäh­rend die Zahn­ärz­tin ih­re Ar­beit ver rich­tet, ist die­ser Pa­ti­ent per Vi­de­o­bril­le in ei­ner ganz an­de­ren, vir­tu­el­len Rea­li­tät un­ter­wegs.

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