In die Trauer mischt sich Wut

Brand­ka­ta­stro­phe Die Zahl der Op­fer nach dem Flam­men­in­fer­no im Lon­do­ner Gren­fell To­wer ist auf min­des­tens 30 ge­stie­gen. Und sie steigt wei­ter. Die An­woh­ner for­dern nun Ant­wor­ten

Donauwoerther Zeitung - - Panorama - VON KA­TRIN PRI­BYL

Lon­don Der An­blick des ver­kohl­ten, schwar­zen Ge­rip­pes lässt ei­nen er­schau­dern. „Ein Mo­nu­ment des Hor­rors“, ent­fährt es dem Bri­ten Jon, ein Pas­sant aus der Ge­gend, als er zum ers­ten Mal den Gren­fell To­wer in West-Lon­don in der Rea­li­tät statt am Fern­seh­bild­schirm sieht. Die­ser ragt nach dem ver­hee­ren­den Brand am frü­hen Mitt­woch­mor­gen wie ein Gr­ab­mal in den blau­en Him­mel. Vie­le kön­nen nicht an­ders, als an die ver­brann­ten Lei­chen zu den­ken, die sich noch in dem Mon­strum be­fin­den.

Wie vie­le sind es wohl? Be­rich­ten zu­fol­ge leb­ten zwi­schen 400 und 600 Men­schen in dem 24 Stock­wer­ke ho­hen So­zi­al­bau. Kei­ner weiß das so genau, die Ber­gung ge­stal­tet sich „auf­grund des ge­fähr­li­chen Zu­stands des Ge­bäu­des“als schwie­rig, teilt die Po­li­zei am Frei­tag mit. Stän­dig zei­gen die Men­schen auf den Wohn­block, wei­nen, er­zäh­len von dra­ma­ti­schen Ge­schich­ten, von Ver­lust und Ver­zweif­lung. Es ist herz­zer­rei­ßend. In den Stra­ßen des Vier­tels North Ken­sing­ton sind dut­zen­de Lon­do­ner zu se­hen, vie­le tra­gen T-Shirts mit den Fo­tos von Ver­miss­ten, dar­un­ter et­li­che Kin­der. Min­des­tens 30 Men­schen sol­len bei dem Brand ge­stor­ben sein, heißt es. Doch die Be­hör­den er­war­ten, dass die Zahl der Op­fer wei­ter steigt. „Ich hof­fe, dass sie nicht drei­stel­lig wird“, sagt der zu­stän­di­ge Be­am­te.

Zu den To­ten ge­hört die 24-jäh­ri­ge Fo­to­gra­fin Kha­di­ja Saye, die ih­re Ar­bei­ten erst kürz­lich bei der Bi­en­na­le in Ve­ne­dig aus­ge­stellt hat. Sie pos­te­te in der Un­glücks­nacht auf Face­book, dass sie nicht aus ih­rer Woh­nung kom­me, weil der Rauch zu stark sei. Auch der 23-jäh­ri­ge sy­ri­sche Flücht­ling Mo­ham­med Al­ha­ja­li wur­de als Op­fer iden­ti­fi­ziert. Vor drei Jah­ren war er mit sei­nem Bru­der aus dem Bür­ger­kriegs­ge­biet ge­flo­hen und stu­dier­te In­ge­nieurs­wis­sen­schaf­ten.

Für die Op­fer des Groß­bran­des, die zwar über­lebt, aber al­les ver­lo­ren ha­ben, ste­hen im Schat­ten des ausgebrannten Wohn­blocks pro­vi­so­risch auf­ge­stell­te Ti­sche mit Kar­tons vol­ler Spen­den – Es­sen, Klei­dung, Ge­trän­ke, Toi­let­ten­ar­ti­kel. An fast je­dem Baum, je­der Wand und je­der Te­le­fon­zel­le kle­ben Ver­miss­ten-Mel­dun­gen mit Fo­tos und Be­schrei­bun­gen von Be­woh­nern, von de­nen An­ge­hö­ri­ge und Freun­de seit der Ka­ta­stro­phe kein Le­bens­zei­chen mehr er­hal­ten ha­ben.

„Es er­in­nert mich an die Ta­ge nach dem 11. Sep­tem­ber“, sagt ei­ne New Yor­ke­rin, die Spen­den sor­tiert und seit Ta­gen kaum ge­schla­fen hat – wie so vie­le frei­wil­li­ge Hel­fer auf den Stra­ßen und in den Not­un­ter­künf­ten. Kö­ni­gin Eliz­a­beth II. und ihr En­kel Prinz Wil­li­am be­such­ten am Frei­tag ein um­funk­tio­nier­tes Fit­ness-Cen­ter na­he des Un­glücks­orts und tra­fen Über­le­ben­de, Ret­tungs­kräf­te und Eh­ren­amt­li­che.

Die Wut der Be­woh­ner des Vier­tels rich­tet sich mitt­ler­wei­le ge­gen Ver­tre­ter „der Ob­rig­keit“, die im rei­chen Be­zirk „Ken­sing­ton und Chel­sea“jah­re­lang vor al­lem Im­mo­bi­li­en­spe­ku­lan­ten und aus­län­di­sche In­ves­to­ren ho­fier­ten und sich we­nig für die Ar­bei­ter­klas­se in­ter­es­sier­ten, so die Kri­tik. Hun­der­te De­mons­tran­ten ver­sam­mel­ten sich am spä­ten Frei­tag­nach­mit­tag vor dem Be­zirks­rat­haus und for­der­ten Ant­wor­ten. Meh­re­re tau­send Men­schen nah­men an ei­ner So­li­da­ri­täts­kund­ge­bung für die Brand­op­fer im Re­gie­rungs­be­zirk West­mins­ter teil. Mit Ban­nern und Pla­ka­ten zo­gen sie Rich­tung Dow­ning Street und skan­dier­ten „May muss ge­hen!“.

Wer ist Schuld an dem De­sas­ter? War der Brand­schutz tat­säch­lich man­gel­haft, wie die Gren­fell-Mie­ter­initia­ti­ve be­reits seit Jah­ren be­klagt? Hat die kürz­lich im Zu­ge der Sa­nie­rungs­ar­bei­ten an­ge­brach­te Fas­sa­den­ver­klei­dung den Brand erst zum In­fer­no wer­den las­sen? Meh­re­ren Me­dien­be­rich­ten zu­fol­ge wur­de für die Um­man­te­lung ent­flamm­ba­res, güns­ti­ges Ma­te­ri­al be­nutzt an­statt der teu­re­ren, feu­er­fes­ten Aus­füh­rung.

Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May kün­dig­te ei­ne un­ab­hän­gi­ge Un­ter­su­chung an. Doch die Er­mitt­lun­gen kön­nen sich Mo­na­te hin­zie­hen. Zu­dem wird es lan­ge dau­ern, bis Spe­zi­al­kräf­te das Hoch­haus voll­stän­dig durch­sucht und al­le Op­fer ge­bor­gen ha­ben. Der­zeit kom­men da­zu Droh­nen und Spür­hun­de zum Ein­satz.

Und mit je­dem Tag wächst der Är­ger. May be­such­te am Don­ners­tag zwar den schwer ge­zeich­ne­ten Ort, sprach aber le­dig­lich mit Po­li­zis­ten, Feu­er­wehr­leu­ten und Sa­ni­tä­tern. Dass sie of­fen­bar kei­ne Zeit für ei­ne Be­geg­nung mit den Op­fern hat­te, lös­te ei­nen Sturm der Em­pö­rung aus. „Hier ist der Be­weis, dass die Queen Be­woh­ner trifft, be­vor The­re­sa May dies schafft“, über­schrieb die re­nom­mier­te Ta­ges­zei­tung The Guar­di­an Fo­tos des ade­li­gen Staats­ober­haupts im Ge­spräch mit Ge­mein­de­mit­glie­dern.

The­re­sa May re­agier­te. Und be­such­te noch am Frei­tag­nach­mit­tag Über­le­ben­de in ei­nem Kran­ken­haus – „end­lich“, mein­te das Bou­le­vard­blatt Dai­ly Mail. Die wü­ten­den Be­woh­ner um den Gren­fell To­wer konn­te sie mit die­ser Ges­te kaum be­ru­hi­gen.

„Es er­in­nert mich an die Ta­ge nach dem 11. Sep­tem­ber.“Ei­ne aus New York stam­men­de Hel­fe­rin

Fo­tos: Do­mi­nic Li­pin­ski, dpa/dpa (2)

Die bri­ti­sche Kö­ni­gin Eliz­a­beth II. traf am Frei­tag Be­trof­fe­ne der Brand­ka­ta­stro­phe in ei­ner Not­un­ter­kunft. Auch ihr En­kel Prinz Wil­li­am war vor Ort. Das kam bei Über­le­ben­den, Ret­tungs­kräf­ten und Hel­fern gut an.

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