Paul Aus­ter: Die Brook­lyn Re­vue (48)

Donauwoerther Zeitung - - Wetter | Roman -

Sie macht uns, wie von St­an­ley ver­hei­ßen, ein aus­ge­zeich­ne­tes Abend­es­sen. Brun­nen­kres­se­sup­pe, Schwein­e­len­den­bra­ten, Boh­nen mit Man­deln, zum Nach­tisch Crè­me ca­ra­mel, da­zu reich­lich Wein. Nun tut mir Pa­me­la mit ih­rem ver­hin­der­ten Fest­mahl doch ein we­nig Leid, auch wenn ich be­zweif­le, dass uns in Bur­ling­ton ein üp­pi­ge­res Mahl er­war­tet hät­te als das, was uns im Chow­der Inn auf­ge­tischt wird. Die sieg­rei­che Lu­cy, er­löst von dro­hen­der Knecht­schaft, hat sich zum Es­sen um­ge­zo­gen; sie trägt ihr rot­weiß ka­rier­tes Kleid, die schwar­zen Lack­schu­he und wei­ße Söck­chen mit Spit­zen­saum. Schwer zu sa­gen, ob St­an­ley sich nicht für das Ver­hal­ten an­de­rer Men­schen in­ter­es­siert oder ob er ein­fach nur über­aus takt­voll ist, je­den­falls hat er zu Lu­cys Schwei­gen noch nichts ge­sagt. Es ist sei­ne scharf­sich­ti­ge Toch­ter, die nach zehn Mi­nu­ten un­ver­blümt dar­auf zu spre­chen kommt.

„Was hat sie?“, fragt sie. „Kann sie nicht spre­chen?“

„Na­tür­lich kann sie“, ant­wor­te ich. „Aber sie will nicht.“

„Sie will nicht?“, sagt Ho­ney. „Was soll das hei­ßen?“

„Das ist ein Test“, plat­ze ich mit der erst­bes­ten Lü­ge her­aus, die mir in den Kopf kommt. „Lu­cy und ich ha­ben ges­tern dar­über ge­spro­chen, was ei­nem be­son­ders schwer fällt, und wir fan­den bei­de, so ziem­lich das Schwers­te ist es, ein­fach den Mund zu hal­ten. Und dann ha­ben wir ei­ne Ab­ma­chung ge­trof­fen. Lu­cy hat er­klärt, sie wer­de drei Ta­ge lang kein Wort sa­gen. Für den Fall, dass sie das schafft, ha­be ich ihr fünf­zig Dol­lar ver­spro­chen. Stimmt’s, Lu­cy?“Lu­cy nickt. „Und wie viel Ta­ge sind noch üb­rig?“, fah­re ich fort. Lu­cy hebt zwei Fin­ger. Aha, den­ke ich, na bit­te. Jetzt hat sie’s end­lich aus­ge­spuckt. Noch zwei Ta­ge, dann hat die Qu­al ein En­de.

Ho­ney kneift die Au­gen zu­sam­men, ih­re Mie­ne drückt Zwei­fel und Be­sorg­nis aus. Kin­der sind schließ­lich ihr Ge­schäft, und sie spürt, da stimmt et­was nicht. Aber da ich ihr fremd bin, stellt sie mich nicht we­gen des frag­wür­di­gen, be­denk­li­chen Spiels zur Re­de, das ich mit die­sem klei­nen Mäd­chen trei­be, son­dern geht das Pro­blem von ei­ner an­de­ren Sei­te an.

„War­um ist das Kind nicht in der Schu­le?“, fragt sie. „Heu­te ist Mon­tag, der fünf­te Ju­ni. Die Som­mer­fe­ri­en be­gin­nen erst in drei Wo­chen.“

„Weil …“, grei­fe ich krampf­haft nach dem nächs­ten Stroh­halm, „Lu­cy ei­ne Pri­vat­schu­le be­sucht … und dort ist das Schul­jahr kür­zer als sonst. Bei ihr war schon am Frei­tag Schluss.“

Wie­der bin ich über­zeugt, dass Ho­ney mir nicht glaubt. Um ein Haar hät­te sie die Gren­ze zur Un­höf­lich­keit über­schrit­ten, und jetzt gibt sie es auf, mich we­gen Din­gen zu ver­hö­ren, die sie nichts an­ge­hen. Ich mag die­se stäm­mi­ge, un­ge­nier­te Frau, und ich mag auch ih­ren Va­ter, der mir ge­gen­über schwei­gend sein Es­sen kaut und sei­nen Wein trinkt, aber es liegt mir fern, sie in die Ge­heim­nis­se un­se­rer Fa­mi­lie ein­zu­wei­hen. Nicht dass ich mich un­se­ret­we­gen schä­me - aber, mein Gott, sa­ge ich mir, was sind wir nur für ei­ne Fa­mi­lie. Was für ein bun­ter Hau­fen ver­pfusch­ter, ge­schun­de­ner See­len. Was für Mus­ter­ex­em­pla­re mensch­li­cher Un­voll­kom­men­heit. Ein Va­ter, des­sen Toch­ter nichts mehr mit ihm zu tun ha­ben will. Ein Bru­der, der seit drei Jah­ren nichts mehr von sei­ner Schwes­ter ge­hört hat. Und ein klei­nes Mäd­chen, das von zu Hau­se weg­ge­lau­fen ist und sich wei­gert, auch nur ein Wort zu sa­gen. Nein, ich ha­be nicht vor, den Chow­ders die Wahr­heit über un­se­ren ka­put­ten, nichts­nut­zi­gen Clan zu er­zäh­len. Nicht heu­te Abend. Nicht heu­te Abend, und ganz ge­wiss auch nicht spä­ter.

Tom sieht das of­fen­bar ähn­lich, denn er schal­tet sich has­tig ein und ver­sucht das Tisch­ge­spräch in ei­ne an­de­re Rich­tung zu len­ken. Als Ers­tes fragt er Ho­ney nach ih­rer Ar­beit. Wie lan­ge sie das schon macht, aus wel­chen Mo­ti­ven her­aus sie über­haupt Leh­re­rin ge­wor­den ist, was sie vom Schul­we­sen in Bratt­le­bo­ro hält und so wei­ter. Sei­ne höf­lich ge­lang­weil­ten Fra­gen sind von ei­ner ge­ra­de­zu lach­haf­ten Ba­na­li­tät, und wäh­rend er mit Ho­ney spricht, se­he ich ihm an sei­ner Mie­ne an, dass er kei­ner­lei An­teil an ihr nimmt - sie in­ter­es­siert ihn we­der als Frau noch als Mensch. Aber Ho­ney ist zu ab­ge­brüht, als dass Toms Gleich­gül­tig­keit sie da­von ab­hal­ten wür­de, ihm klug und char­mant zu ant­wor­ten, und bald hat sie das Ge­spräch an sich ge­ris­sen und über­häuft un­se­ren Jun­gen nun ih­rer­seits mit Fra­gen. Ih­re Ag­gres­si­vi­tät bringt Tom für kur­ze Zeit aus der Fas­sung, doch als er be­greift, dass sei­ne Ge­sprächs­part­ne­rin es in­tel­lek­tu­ell mit ihm auf­neh­men kann, zeigt er sich der Si­tua­ti­on ge­wach­sen und teilt eben­so viel aus, wie er ein­ste­cken muss. Mehr oder we­ni­ger stumm, aber ziem­lich amü­siert ver­fol­gen St­an­ley und ich den ver­ba­len Schlag­ab­tausch, der sich da vor un­se­ren Au­gen ab­spielt. Wie kaum an­ders zu er­war­ten, kom­men sie auch auf Po­li­tik und die im No­vem­ber an­ste­hen­den Wah­len zu spre­chen. Tom zieht ge­gen die Macht­über­nah­me durch die Rech­ten vom Le­der. Er nennt den bei­na­he ge­lun­ge­nen Ver­nich­tungs­feld­zug ge­gen Cl­in­ton, die Ma­chen­schaf­ten der Ab­trei­bungs­geg­ner, die Waf­fen­lob­by, die fa­schis­ti­sche Pro­pa­gan­da in den Dis­kus­si­ons­sen­dun­gen man­cher Ra­dio­sen­der, die Feig­heit der Pres­se, die Ge­setz­ge­bung ein­zel­ner Bun­des­staa­ten, wo­nach die Evo­lu­ti­ons­leh­re nicht mehr an den Schu­len un­ter­rich­tet wer­den darf. „Wir mar­schie­ren rück­wärts“, sagt er. „Tag für Tag ver­lie­ren wir ein wei­te­res Stück un­se­res Lan­des. Wenn Bush ge­wählt wird, wird nichts mehr üb­rig blei­ben.“Zu mei­ner Über­ra­schung stimmt Ho­ney ihm hun­dert­pro­zen­tig zu. Für an­nä­hernd drei­ßig Se­kun­den herrscht Frie­den, und dann er­klärt sie, sie wer­de ih­re Stim­me Na­der ge­ben.

„Tun Sie das nicht“, sagt Tom. „Je­de Stim­me für Na­der ist ei­ne Stim­me für Bush.“

„Falsch“, sagt Ho­ney. „Ei­ne Stim­me für Na­der ist ei­ne Stim­me für Na­der. Au­ßer­dem ge­winnt in Ver­mont so­wie­so Go­re. Wenn ich das nicht ge­nau wüss­te, wür­de ich mei­ne Stim­me ihm ge­ben. So aber kann ich mei­nen klei­nen Pro­test be­kun­den und Bush trotz­dem aus Washington fern hal­ten.“

„In Ver­mont ken­ne ich mich nicht aus“, sagt Tom, „aber fest steht, die Wahl wird äu­ßerst knapp aus­ge­hen. Und wenn in den jetzt noch un­ent­schie­de­nen Bun­des­staa­ten ge­nug Leu­te so den­ken wie Sie, wird Bush die Wahl ge­win­nen.“

Ho­ney kann nur mit Mü­he ein Lä­cheln un­ter­drü­cken. Tom ist so ver­dammt ernst, dass es sie in den Fin­gern juckt, ihn mit ir­gend­ei­ner ver­rück­ten, bi­zar­ren Be­mer­kung von sei­nem ho­hen Ross zu ho­len. Ich se­he den Witz schon kom­men und drü­cke bei­de Dau­men, dass es ein gu­ter wird.

„Wis­sen Sie, was pas­siert ist, als das letz­te Mal ei­ne Na­ti­on auf ei­nen Busch ge­hört hat?“, fragt Ho­ney. Nie­mand sagt ein Wort. „Die Men­schen sind für vier­zig Jah­re in die Wüs­te ge­gan­gen.“

Tom kann nicht an­ders, er muss laut la­chen.

Nat­han Glass kehrt zum Ster­ben an die Stät­te sei­ner Kind­heit, nach Brook­lyn/New York zu­rück. Was ihn er­war­tet, ist das pral­le Le­ben... Deut­sche Über­set­zung von Wer­ner Schmitz; Co­py­right (C) 2005 Paul Aus­ter; 2006 Ro­wohlt Ver­lag Gm­bH, Rein­bek bei Hamburg

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