Paul Aus­ter: Die Brook­lyn Re­vue (85)

Donauwoerther Zeitung - - Wetter | Roman -

Als mir be­wusst wur­de, wo­hin mich das führ­te, er­kann­te ich, das war die al­ler­wich­tigs­te Idee, die ich je­mals ge­habt hat­te, ei­ne Idee von so ge­wal­ti­gem Aus­maß, dass sie mich je­de St­un­de je­des Ta­ges bis ans En­de mei­nes Le­bens be­schäf­ti­gen wür­de. Ich selbst war nie­mand. Rod­ney Grant war nie­mand. Omar Has­sim-Ali war nie­mand. Ja­vier Ro­d­ri­guez – der acht­und­sieb­zig­jäh­ri­ge ehe­ma­li­ge Zim­mer­mann, der um vier in das Bett ge­legt wur­de – war nie­mand. Am En­de wür­den wir al­le ster­ben, und wenn man un­se­re Lei­chen weg­brach­te und in die Er­de bet­te­te, wür­den nur un­se­re Freun­de und An­ge­hö­ri­gen wis­sen, dass wir nicht mehr da wa­ren. Ra­dio und Fern­se­hen wür­den nicht über un­se­ren Tod be­rich­ten. Die New York Ti­mes wür­de kei­nen Nach­ruf brin­gen. Man wür­de kei­ne Bü­cher über uns schrei­ben. Ei­ne sol­che Eh­re bleibt den Mäch­ti­gen und Be­rühm­ten vor­be­hal­ten, den au­ßer­or­dent­lich Ta­len­tier­ten. Wer aber macht sich die Mü­he, Bio­gra­phi­en ge­wöhn­li­cher,

un­be­sun­ge­ner, all­täg­li­cher Men­schen zu ver­öf­fent­li­chen, von de­nen wir doch kaum No­tiz neh­men, wenn sie auf der Stra­ße an uns vor­über­ge­hen? Die meis­ten ver­schwin­den ein­fach. Ein Mensch stirbt, und nach und nach ver­lie­ren sich al­le Spu­ren sei­nes Le­bens. Ein Er­fin­der lebt in sei­nen Er­fin­dun­gen wei­ter, ein Ar­chi­tekt in sei­nen Bau­wer­ken, aber die meis­ten Men­schen hin­ter­las­sen we­der Mo­nu­men­te noch dau­er­haf­te Leis­tun­gen: ein Re­gal mit Fo­to­al­ben, ein Zeug­nis aus dem fünf­ten Schul­jahr, ei­nen Bow­ling-Po­kal, ei­nen Aschen­be­cher, ge­klaut aus ei­nem Ho­tel­zim­mer in Flo­ri­da am letz­ten Mor­gen ei­nes in­zwi­schen fast schon ver­ges­se­nen Ur­laubs. Ein paar Ge­gen­stän­de, ein paar Do­ku­men­te, ein paar Ein­drü­cke, die man bei an­de­ren Leu­ten hin­ter­las­sen hat. Die­se Leu­te er­zäh­len zwar stän­dig Ge­schich­ten über den Ver­stor­be­nen, ver­wech­seln da­bei aber häu­fig Da­ten oder las­sen Fak­ten ein­fach weg, so­dass die Wahr­heit zu­neh­mend ver­zerrt wird, und wenn dann wie­der­um die­se Leu­te ster­ben, ist es auch um die meis­ten ih­rer Ge­schich­ten ge­sche­hen.

Mei­ne Idee war fol­gen­de: Ich woll­te ei­ne Ge­sell­schaft grün­den, die Bü­cher über die Ver­ges­se­nen her­aus­brin­gen soll­te; ich woll­te ih­re Ge­schich­ten, Fak­ten und Do­ku­men­te si­chern, ehe sie ver­schwin­den konn­ten, und sie zu ei­ner zu­sam­men­hän­gen­den Er­zäh­lung bün­deln, zur Darstel­lung ei­nes Le­bens.

Freun­de und Ver­wand­te des Be­trof­fe­nen gä­ben die Bio­gra­phi­en in Auf­trag, und die Bü­cher er­schie­nen in klei­nen pri­va­ten Auf­la­gen von fünf­zig bis drei- oder vier­hun­dert Ex­em­pla­ren. Ich stell­te mir vor, die­se Bü­cher selbst zu schrei­ben, aber falls die Nach­fra­ge zu stark wer­den soll­te, konn­te ich im­mer noch zu­sätz­li­che Mit­ar­bei­ter an­heu­ern: erfolglose Dich­ter und Schrift­stel­ler, ehe­ma­li­ge Jour­na­lis­ten, ar­beits­lo­se Aka­de­mi­ker, viel­leicht so­gar Tom. Es wür­de ei­ni­ges kos­ten, die­se Bü­cher zu schrei­ben und dru­cken zu las­sen, aber mei­ne Bio­gra­phi­en soll­ten nicht nur für die Rei­chen er­schwing­lich sein. Für we­ni­ger be­mit­tel­te Fa­mi­li­en er­sann ich ei­ne neue Art von Ver­si­che­rung, in die je­den Mo­nat oder je­des Quar­tal ein be­stimm­ter ge­ring­fü­gi­ger Be­trag ein­zu­zah­len war, so­dass sie am En­de die Kos­ten des Bu­ches tra­gen wür­de. Kei­ne Haus­rat- oder Le­bens­ver­si­che­rung – son­dern ei­ne Bio­gra­phie­ver­si­che­rung.

War ich ver­rückt, da­von zu träu­men, dass aus ei­nem sol­chen, an den Haa­ren her­bei­ge­zo­ge­nen Pro­jekt et­was wer­den könn­te? Ich glau­be nicht. Wel­che jun­ge Frau wür­de nicht gern die de­fi­ni­ti­ve Bio­gra­phie ih­res Va­ters le­sen – selbst wenn die­ser Va­ter bloß Fa­b­rik­ar­bei­ter oder stell­ver­tre­ten­der Di­rek­tor ei­ner Bank­fi­lia­le auf dem Land ge­we­sen war? Wel­che Mut­ter wür­de nicht gern die Le­bens­ge­schich­te ih­res Soh­nes le­sen, der als Po­li­zist mit vier­und­drei­ßig Jah­ren im Di­enst er­schos­sen wur­de? In je­dem Fall wür­de es um Lie­be ge­hen. Ei­ne Ehe­frau oder ein Ehe­mann, ein Sohn oder ei­ne Toch­ter, Va­ter, Mut­ter, Bru­der oder Schwes­ter – nur die stärks­ten Bin­dun­gen kä­men in Fra­ge. Sechs Mo­na­te oder ein Jahr nach dem Tod des ge­lieb­ten Men­schen wür­den sie zu mir kom­men. In­zwi­schen hät­ten sie den Ver­lust ver­ar­bei­tet, wä­ren aber noch nicht ganz dar­über hin­weg, und nun, da für sie wie­der der All­tag ein­ge­kehrt wä­re, ge­lang­ten sie zu der Er­kennt­nis, dass sie nie­mals dar­über hin­weg­kom­men wür­den. Sie wür­den den ge­lieb­ten Men­schen ins Le­ben zu­rück­ho­len wol­len, und ich wür­de mir je­de er­denk­li­che Mü­he ge­ben, ih­nen die­sen Wunsch zu er­fül­len. Ich wür­de die­se Per­son in Wor­ten wie­der­auf­er­ste­hen las­sen, und wenn das Buch ge­druckt und die Ge­schich­te in ei­nen fes­ten Ein­band ge­bun­den wä­re, hät­ten sie et­was in der Hand, woran sie ihr Le­ben lang fest­hal­ten konn­ten. Und nicht nur das, son­dern auch et­was, das sie über­le­ben wür­de, das uns al­le über­le­ben wür­de. Man soll­te die Macht von Bü­chern nie un­ter­schät­zen.

Ex ist das Ent­schei­den­de

Die Er­geb­nis­se der ab­schlie­ßen­den Blut­un­ter­su­chung ka­men kurz nach Mit­ter­nacht. Da es zu spät war, mich aus dem Kran­ken­haus zu ent­las­sen, blieb ich bis zum nächs­ten Mor­gen und be­schäf­tig­te mich, wäh­rend ich den vor Er­schöp­fung im Bett ne­ben mir ein­ge­schla­fe­nen Ja­vier Ro­d­ri­guez be­ob­ach­te­te, fie­ber­haft mit De­tail­pla­nun­gen für mein neu­es Un­ter­neh­men. Ich wälz­te ver­schie­de­ne Na­men hin und her, die den Geist der vor mir lie­gen­den Ar­beit aus­drü­cken soll­ten, und ent­schied mich am En­de für das neu­tra­le, aber an­schau­li­che Bi­os. Et­wa ei­ne St­un­de spä­ter stand mein Ent­schluss fest, als Ers­tes mit Bet­te Dombrowski in Chi­ca­go Kon­takt auf­zu­neh­men und sie zu fra­gen, ob sie mir nicht den Auf­trag er­tei­len wol­le, die Bio­gra­phie ih­res Ex­man­nes zu schrei­ben. Es schien mir an­ge­mes­sen, dass das ers­te Buch der Samm­lung von Har­ry han­deln soll­te. Dann lie­ßen sie mich ge­hen. Als ich in die küh­le Mor­gen­luft hin­aus­trat, war ich so froh, am Le­ben zu sein, dass ich hät­te schrei­en mö­gen. Der Him­mel über mir war vom al­ler­reins­ten, tiefs­ten Blau. Wenn ich schnell ge­nug ging, wür­de ich es zur Car­roll Street schaf­fen, ehe Joy­ce zur Ar­beit muss­te. Wir wür­den uns in die Kü­che set­zen, zu­sam­men ei­ne Tas­se Kaf­fee trin­ken und zu­se­hen, wie die Kin­der um­her­wu­sel­ten, wäh­rend ih­re Müt­ter sie für die Schu­le zu­recht­mach­ten. Dann wür­de ich Joy­ce zur U-Bahn be­glei­ten, sie in die Ar­me neh­men und mich mit ei­nem Kuss von ihr ver­ab­schie­den. Es war acht Uhr, als ich auf die Stra­ße trat, acht Uhr am Mor­gen des 11. Sep­tem­ber 2001 – sechs­und­vier­zig Mi­nu­ten be­vor das ers­te Flug­zeug in den Nord­turm des World Tra­de Cen­ter ras­te. Nur zwei St­un­den spä­ter trieb der Rauch von drei­tau­send ver­brann­ten Lei­bern auf Brook­lyn zu und reg­ne­te als wei­ße Wol­ke aus Asche und Tod auf uns her­nie­der. Aber noch war es erst acht Uhr, und als ich un­ter dem strah­lend blau­en Him­mel die Stra­ße ent­lang­spa­zier­te, war ich glück­lich, mein Freund, so glück­lich wie nur je ein Mensch auf die­ser Er­de.

EN­DE

Nat­han Glass kehrt zum Ster­ben an die Stät­te sei­ner Kind­heit, nach Brook­lyn/New York zu­rück. Was ihn er­war­tet, ist das pral­le Le­ben...

Deut­sche Über­set­zung von Wer­ner Schmitz; Co­py­right (C) 2005 Paul Aus­ter; 2006 Ro­wohlt Ver­lag Gm­bH, Rein­bek bei Ham­burg

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