An ih­nen geht der Auf­schwung vor­bei

Wirt­schaft Die Ar­beits­lo­sen­quo­te im Land­kreis ist nied­rig. Von der gu­ten La­ge pro­fi­tie­ren Men­schen mit Be­hin­de­rung und Lang­zeit­ar­beits­lo­se aber kaum. Wie ein Be­trof­fe­ner sei­ne Si­tua­ti­on er­lebt und was der Chef der Ar­beits­agen­tur sagt

Donauwoerther Zeitung - - Wirtschaft In Der Region - VON CHRIS­TI­AN MÜHLHAUSE

Land­kreis Wenn Do­mi­nik Mer­tel aus Rain in den Me­di­en mal wie­der ei­nen Be­richt zum Fach­kräf­te­man­gel liest oder an­schaut, kann er nur den Kopf schüt­teln. Der 28-jäh­ri­ge Bü­ro­kauf­mann be­müht sich seit fast vier Jah­ren ver­geb­lich um ei­ne neue Ar­beits­stel­le. Mer­tel ist Roll­stuhl­fah­rer und ge­hört da­mit zu ei­ner der drei Grup­pen, an de­nen die gu­te La­ge auf dem Ar­beits­markt in der Re­gi­on weit­ge­hend vor­bei­läuft. Es sind im Land­kreis ak­tu­ell 162 Men­schen mit Be­hin­de­rung, 330 Lang­zeit­ar­beits­lo­se und 227 Aus­län­der bei der Agen­tur ge­mel­det. Das ent­spricht ei­nem An­teil von knapp 25 Pro­zent un­ter den Ar­beits­su­chen­den.

Bei die­sen drei Grup­pen weist die Sta­tis­tik der Ar­beits­agen­tur Do­nau­wörth re­la­tiv kon­stan­te Wer­te aus, wäh­rend al­le an­de­ren Grup­pen von der wirt­schaft­lich gu­ten La­ge pro­fi­tie­ren. Selbst die 700 Ent­las­sun­gen beim An­ten­nen­bau­er Ka­threin in Nördlingen im Jahr 2015 ha­ben nicht dau­er­haft zu ei­ner hö­he­ren Ar­beits­lo­sen­quo­te ge­führt. Ak­tu­ell liegt die Quo­te bei 1,7 Pro­zent. In der Sta­tis­tik muss man bis zum Ju­li 2010 zu­rück­bli­cken, um ein Jahr zu fin­den, in dem die Ar­beits­lo­sig­keit im Som­mer bei drei Pro­zent oder dar­über lag. Die­se Schwel­le wird häu­fig als Wert für Voll­be­schäf­ti­gung her­ge­nom­men.

Bei Mer­tel kommt von dem Auf­schwung nichts an. Er sitzt zwar auf­grund ei­ner Qu­er­schnitts­läh­mung im Roll­stuhl, ist aber be­last­bar, sagt er. „Ich kann Voll­zeit ar­bei­ten, das ist kein Pro­blem. Wenn ich in der Re­gi­on ei­ne Stel­le be­kä­me, wür­de ich auch noch mal ei­ne neue Leh­re ma­chen, bei­spiels­wei­se für Bü­ro­man­ge­ment.“An Stel­len in dem Be­reich man­gelt es nicht, wie ein Blick ins In­ter­net zeigt. Bis zu 20 Be­wer­bun­gen ver­schickt er im Mo­nat. Aber 40 Pro­zent der Fir­men mach­ten sich nicht ein­mal die Mü­he ab­zu­sa­gen, so der jun­ge Mann. Im­mer­hin wur­de er ein paar Mal zum Pro­be­ar­bei­ten ein­ge­la­den, er­ge­ben hat sich aber nie et­was. „Ich wur­de für mei­ne Ar­beit ge­lobt und durf­te auch selbst­stän­dig Auf­ga­ben er­le­di­gen, aber die Stel­le be­kam am En­de im­mer ein an­de­rer.“In ei­nem Fall ha­be die Fir­ma ih­re Ab­sa­ge mit sei­ner kör­per­li­chen Ein­schrän­kung und den bau­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten be­grün­det. „Ko­mi­scher­wei­se hat­te ich wäh­rend des Prak­ti­kums kei­ne Pro­ble­me, mich im Ge­bäu­de zu be­we­gen“, är­gert sich Mer­tel über die­se Ab­sa­ge.

Da er aus ge­sund­heit­li­chen Grün­den kein Au­to fah­ren darf, ist er al­ler­dings dar­auf an­ge­wie­sen, dass der neue Ar­beits­platz von Rain gut er- oder sich an­dern­orts ei­ne ge­eig­ne­te Woh­nung zum Le­ben fin­det.

So man­cher Be­trieb zahlt aber auch lie­ber ei­ne Aus­gleichs­ab­ga­be, als ei­nen Mit­ar­bei­ter mit kör­per­li­cher oder see­li­scher Be­hin­de­rung ein­zu­stel­len. Die­se ist ge­staf­felt und fällt an, wenn Be­trie­be die ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­ne Quo­te nicht er­rei­chen, wo­nach min­des­tens fünf Pro­zent der Be­leg­schaft aus schwer­be­hin­der­ten Men­schen be­ste­hen soll. Die Ab­ga­be wird auch fäl­lig, wenn die Ar­beits­agen­tur sol­che Mit­ar­bei­ter über­haupt nicht ver­mit­teln kann.

Wer­ner Mö­ritz, ope­ra­ti­ver Ge­schäfts­füh­rer der Ar­beits­agen­tur Do­nau­wörth, kann die­ses Ver­hal­ten über­haupt nicht nach­voll­zie­hen. „Viel­leicht fürch­ten die Fir­men, dass sie ei­nen sol­chen Mit­ar­bei­ter nie wie­der kün­di­gen kön­nen. Der Irr­tum hält sich hart­nä­ckig. Bei Ver­ge­hen wie Dieb­stahl oder an­de­ren Ver­stö­ßen kön­nen sie na­tür­lich ge­kün­digt wer­den wie je­der an­de­re Ar­beit­neh­mer auch.“Die Be­hör­de setzt zu­dem dar­auf, Ar­beit­ge­ber über mehr­wö­chi­ge Pro­be­ar­bei­ten zu über­zeu­gen. Nur Be­wer­bun­gen zu schi­cken ha­be sich „als nicht sinn­voll“er­wie­sen, so Mö­ritz.

Er ver­weist zu­dem auf die zahl­rei­chen För­der­mög­lich­kei­ten. So kön­ne der Be­trieb bis zu 60 Mo­na­te da­von pro­fi­tie­ren. Bei Men­schen mit Be­hin­de­rung, die äl­ter als 55 Jah­re sind, sind es so­gar bis zu 96 Mo­na­te. Auch ein Fahr­stuhl, der Bau ei­ner Ram­pe oder die Ein­rich­tung des be­nö­tig­ten Ar­beits­plat­zes kön­ne fi­nan­ziert wer­den. Die Ar­beits­agen­tur be­schäf­tigt ei­nen In­ge­nieur, der die Un­ter­neh­men ent­spre­chend be­ra­ten kann.

Viel Geld nimmt die Ar­beits­agen­reich­bar tur Do­nau­wörth auch für die Lang­zeit­ar­beits­lo­sen in die Hand. Et­wa 1,6 Mil­lio­nen Eu­ro sind es heu­er. Bei den Lang­zeit­ar­beits­lo­sen kom­men laut Mö­ritz meh­re­re Pro­ble­me zu­sam­men. Zum ei­nen hät­ten 40 Pro­zent ge­sund­heit­li­che Pro­ble­me, zwei Drit­tel sei­en über 60 Jah­re und ein grö­ße­rer Teil hat ei­ne be­ruf­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on, die auf dem Ar­beits­markt in der Re­gi­on nur we­nig nach­ge­fragt wird. Kom­men meh­re­re sol­cher Fak­to­ren zu­sam­men, wer­de es schwie­rig, die Per­son wie­der in den Ar­beits­markt zu in­te­grie­ren, sagt der Chef der Agen­tur.

Ein Pro­blem sei aber auch, dass so man­cher äl­te­re Ar­beit­neh­mer beim Aus­schei­den aus der Fir­ma ei­ne Ab­fin­dung er­hält. „Liegt die beim Um­fang ei­nes Jah­res­ge­hal­tes oder dar­über, sind die­se Men­schen zu­nächst sel­ten da­ran in­ter­es­siert, gleich wie­der ar­bei­ten zu ge­hen. Was sie nicht be­den­ken, ist, dass mit je­dem Mo­nat Ar­beits­lo­sig­keit ih­re Chan­cen auf ei­nen Job sin­ken. Die Er­fah­rung zeigt, dass die Wahr­schein­lich­keit, wie­der Ar­beit zu fin­den, nach neun Mo­na­ten ra­pi­de sinkt“, so Mö­ritz. Auch des­we­gen schau­ten sich die Fall­ma­na­ger der Agen­tur nach sechs Mo­na­ten die Fäl­le noch ein­mal ge­nau­er an.

Seit Mai hat die Agen­tur ein neu­es In­stru­ment für Lang­zeit­ar­beits­lo­se zur Ver­fü­gung. Sie dür­fen Kur­se an­bie­ten, in de­nen den Teil­neh­mern Grund­kom­pe­ten­zen ver­mit­telt wer­den, bei­spiels­wei­se in Ma­the oder Phy­sik. Es geht zu­dem dar­um, ef­fek­ti­ve Lern­tech­ni­ken bei­zu­brin­gen und auf Prü­fun­gen vor­zu­be­rei­ten.

Do­mi­nik Mer­tel gibt sich der­weil kämp­fe­risch: „Ich will ar­bei­ten. Des­we­gen kommt auf­ge­ben für mich nicht in­fra­ge, auch wenn die Si­tua­ti­on frus­trie­rend ist.“

Sym­bol­fo­to: Ste­fan Puch­ner, dpa

Men­schen mit ei­ner Be­hin­de­rung tun sich trotz des Fach­kräf­te­man­gels häu­fig schwer, ei­nen Job zu be­kom­men.

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