Bern­hard Sch­link: Die Frau auf der Trep­pe (8)

Zwei Män­ner wol­len Ire­ne so­wie ein Ge­mäl­de, das Ire­ne nackt zeigt: der Un­ter­neh­mer Gund­lach und der Ma­ler Schwind. Ein An­walt soll ver­mit­teln; er lernt eben­falls, Ire­ne zu lie­ben… Aus: Bern­hard Sch­link Die Frau auf der Trep­pe © 2014 by Dio­ge­nes Ver­lag AG

Donauwoerther Zeitung - - Wetter | Roman -

Ich…“Ich woll­te sa­gen, ich ent­schul­dig­te mich doch gar nicht stän­dig. Aber dann ließ ich es blei­ben. Ich saß da und wuss­te nicht, wie ich ihr sa­gen soll­te, was ich ihr sa­gen woll­te: dass ich ihr ger­ne hel­fen wür­de, dass ich al­les für sie zu tun, al­les für sie zu ge­ben be­reit sei, dass ich sie lieb­te.

„In was bin ich mit mei­nen bei­den Män­nern ge­ra­ten! Der ei­ne will mich ver­kau­fen, der an­de­re viel­leicht ver­schlep­pen.“Sie lach­te. „Und Sie? Was wol­len Sie?“

Ich wur­de rot. „Ich… ich war dar­an be­tei­ligt, dass Sie in die Si­tua­ti­on rein­ge­ra­ten sind, und möch­te tun, was ich kann, da­mit Sie aus der Si­tua­ti­on wie­der raus­kom­men. Wenn ich Ih­nen… wenn Sie mich…“

Sie sah mich an – ver­wun­dert, ge­rührt, mit­lei­dig? Ich konn­te den Blick nicht deu­ten. Dann lä­chel­te sie, strich mir mit der Hand über Kopf, Na­cken und Schul­ter und drück­te mich kurz.

„Ich bin un­ter üb­le Ker­le ge­ra­ten, aber ich bin nicht ver­lo­ren. Ein tap­fe­rer

Rit­ter kommt und ret­tet mich.“

„Ma­chen Sie sich über mich lus­tig? Ich mei­ne nicht, dass ich et­was Be­son­de­res bin. Ich bin?… Ich lie­be dich.“

Ich lie­be dich – ich merk­te so­fort, dass „dich“nicht rich­tig klang. Aber „ich lie­be Sie“hät­te auch nicht rich­tig ge­klun­gen. Ver­mut­lich soll­te man, wenn „ich lie­be dich“nicht rich­tig klingt, den Mund hal­ten. Aber wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Jetzt woll­te ich mich über das fal­sche „dich“in ein rich­ti­ges re­den, in­dem ich ihr mei­ne Lie­be er­klär­te.

„Es ist pas­siert, als du al­lein in die Kanz­lei kamst. Du hast von der Lie­be ge­spro­chen und da­von, was ei­ne Frau ist, wenn sie rich­tig ge­liebt wird, Ge­lieb­te, Mut­ter, Schwes­ter, Toch­ter, und von dem Glück der Lie­be, das so groß ist, dass Gott es uns nei­det. Du hast da­bei ge­lä­chelt, ein glück­li­ches, schmerz­li­ches, wei­ses Lä­cheln, in dem ein Ver­spre­chen lag… Nein, du hast mir nichts ver- spro­chen, es gibt nichts, wor­auf ich mich be­ru­fen und wor­an ich dich fest­hal­ten woll­te, um Got­tes wil­len, dein Ver­spre­chen war ein… ein kos­mi­sches Ver­spre­chen, ich weiß, du hast über die Lie­be und die Frau­en schlecht­hin ge­spro­chen. Aber? … du bist für mich die Frau schlecht­hin, und dich lie­ben und von dir ge­liebt wer­den – es wä­re …“

„Schschsch“, sie leg­te mir wie­der den Arm auf die Schul­ter und zog mich an sich, „schschsch.“Ich hör­te auf zu re­den, hoff­te, die Umar­mung wer­de nicht en­den, und schloss die Au­gen. „Wenn du mir wirk­lich hel­fen willst …“

„Was?“Ich mach­te die Au­gen auf. „Was?“

„Du kannst…“Sie sprach nicht wei­ter, nahm den Arm von mei­ner Schul­ter und setz­te sich auf­recht hin. Auch ich setz­te mich auf­recht hin.

Schließ­lich be­gann sie zu re­den, zu­erst zö­gernd, dann im­mer be­stimm­ter. „Wenn wir am Sonn­tag zu Gund­lach fah­ren … Karl wird nicht mit mei­nem Wa­gen fah­ren wol­len, son­dern mit sei­nem VWBus. Ich kann… ich kann dir mei­nen Schlüs­sel zum Bus ge­ben, und wenn wir in Gund­lachs Haus ge­gan­gen sind, schleichst du dich in den Bus und ver­steckst dich hin­ter dem Steu­er. Wenn Karl das Bild aus dem Haus ge­tra­gen und in den Bus ge­legt und die Tür ge­schlos­sen hat? … Al­les kommt dar­auf an, dass du so­fort los­fährst. Dass du so­fort weg bist. Schafft Karl, ei­ne der Tü­ren auf­zu­rei­ßen und in den Bus zu sprin­gen, ist es aus. Wenn nicht… Ich bin si­cher, Karl denkt, Gund­lach ha­be ihn be­tro­gen, kommt zu­rück ins Haus, be­schul­digt Gund­lach, und wäh­rend die bei­den strei­ten, kann ich da­von­ren­nen. Un­ter­halb von Gund­lachs Haus macht die Stra­ße ei­ne Kur­ve. Da en­det der Gar­ten, da war­test du, ich klet­te­re über die Mau­er und stei­ge zu dir in den Bus.“

Ich ver­such­te, so kalt­blü­tig zu re­agie­ren, wie sie ih­ren Plan ent­wi­ckelt hat­te. „Parkt Schwind so, dass ich nicht erst wen­den muss?“

Sie nick­te. „Da­für sor­ge ich. Du musst dir auch we­gen des Tors kei­ne Gedanken ma­chen; es wird erst für die Nacht ge­schlos­sen.“Sie lä­chel­te mich an. „Wenn du los­fährst, so­bald die Tür ins Schloss fällt, und wenn ich los­ren­ne, so­bald mei­ne bei­den Män­ner sich in die Haa­re krie­gen, muss es klap­pen.“

Ich moch­te nicht, dass sie von ih­ren bei­den Män­nern re­de­te, sag­te aber nichts. Ich stell­te mir das ab­fal­len­de Ge­län­de vor Gund­lachs Haus vor, die Zu­fahrt vom Tor zum Haus, den Be­wuchs, den Park­platz. Ja, ich müss­te mich in den Bus schlei­chen kön­nen. Ich wuss­te nicht, was pas­sie­ren wür­de, wenn die Sa­che schief gin­ge, ich über­schritt ei­ne Li­nie, die ich bis­her nie über­schrit­ten hat­te. Aber ich war ent­schlos­sen. „Wenn du zu mir ins Au­to ge­stie­gen bist – wo­hin fah­ren wir dann?“

Sie strich mir noch mal mit der Hand über den Kopf. „Wo­hin wohl?“

Was konn­te es an­de­res be­deu­ten als zu mir? Ich war glück­lich. Wir ge­hör­ten zu­sam­men. Wir wür­den ge­mein­sam vor­ge­hen, ge­mein­sam ge­win­nen, ge­mein­sam flie­hen. Wir muss­ten nicht ein­mal flie­hen, son­dern konn­ten blei­ben – was soll­te man ihr, was mir vor­wer­fen? Ich träum­te von un­se­rem ge­mein­sa­men Le­ben. Ob wir ei­ne gro­ße Woh­nung oder ein klei­nes Haus neh­men wür­den, ob sie gärt­ner­te, ob sie koch­te, was sie ei­gent­lich von mor­gens bis abends mach­te, ob sie ger­ne reis­te und wo­hin, ob sie ger­ne las und was, ob sie…

„Ich muss los.“Sie riss mich aus mei­nem Traum und stand auf.

Ich stand auch auf. „Kann ich dich be­glei­ten?“

„Es sind nur ein paar Schrit­te.“Sie zeig­te zum Mu­se­um für Kunst­hand­werk. „Du…“„Ich ar­bei­te dort. De­sign.“Ich be­kam plötz­lich Angst. Die schö­ne Frau, mit der ich das Le­ben träum­te, hat­te be­reits ein Le­ben. Sie hat­te ei­nen Be­ruf, sie hat­te Geld ver­dient oder ge­erbt, sie hat­te Män­ner ge­habt, Gund­lach und Schwind wa­ren nicht ein Ver­se­hen ge­we­sen, son­dern ei­ne Ent­schei­dung. „De­sign“– sie sag­te es kurz und knapp und als wol­le sie mich nicht mehr über sich wis­sen las­sen als nö­tig.

„Wann gibst du mir den Schlüs­sel?“

„Ich wer­fe ihn in dei­nen Brief­kas­ten. Wo wohnst du?“Ich gab ihr mei­ne Adres­se. „Du musst klin­geln. Die Brief­käs­ten hän­gen im Haus­flur. Wann kommst du?“

„Ich weiß nicht. Wenn du nicht da bist, klin­ge­le ich, bis je­mand auf­macht.“

Dann war sie weg. Sie ging die Ufer­pro­me­na­de ent­lang, über­quer­te die Stra­ße und be­trat das Mu­se­um. Als sie die Stra­ße über­quer­te und sich nach links und rechts ver­ge­wis­ser­te, dass kein Au­to kam, hät­te sie zu mir zu­rück­se­hen und mir win­ken kön­nen. Aber sie sah nicht zu­rück.

Ich setz­te mich wie­der auf die Bank. Soll­te ich in die Kanz­lei ge­hen und aus dem an­ge­bro­che­nen Tag noch ei­nen Ar­beits­tag ma­chen? Ich moch­te nicht.

Als ich mich im Bo­ta­ni­schen Gar­ten an den Mor­gen am Fluss er­in­ner­te, merk­te ich, dass ich das da­nach nie wie­der ge­macht ha­be: ei­nen Tag ein­fach ver­plem­pern.

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