Die Fra­ge der Wo­che Nichts­tun im Ur­laub?

Donauwoerther Zeitung - - Wochenend Journal - WOLF­GANG SCHÜTZ

Die na­he­lie­gen­de Ant­wort auf die Fra­ge der Wo­che ist na­tür­lich: Das bleibt je­dem selbst über­las­sen. Aber ist es so ein­fach? Vom Schrift­stel­ler Tho­mas Bern­hard ist über­lie­fert, dass er, als er er­kann­te, wie leicht ihm das Schrei­ben von Ge­dich­ten fällt, be­schloss: Von nun an nur noch Pro­sa. Wi­der­stän­de über­win­den, den schwe­re­ren Weg ge­hen, ge­gen die Nei­gung der per­sön­li­chen Schwer­kraft an­tre­ten: Das soll ein Ur­laub­s­pro­gramm sein? Ja.

Das Fau­len­zen mag zwar ein dif­fu­ses Fe­ri­en­ide­al sein – doch es ge­lingt nicht ein­fach so. Mehr noch: Es schei­tert oft. Denn wir sind kon­di­tio­niert auf Ef­fi­zi­enz, Er­leb­nis­mus­ter und so­zia­les Ver­hal­ten. Ur­laubs­zeit ist knapp – der Im­puls, die Zeit aus­zu­kos­ten, sich ein Pols­ter an Ein­drü­cken, Fo­tos, Sou­ve­nirs und Er­zäh­lens­wer­tem an­zu­fut­tern, ist stark. Aber Nichts­tun be­deu­tet: Fe­ri­en­ta­ge nicht fül­len und „ver­brin­gen“, son­dern so leer räu­men, dass sie groß wer­den. Nichts­tun heißt eben nicht zwangs­läu­fig De­li­ri­um in der Strand­bar, Dau­erd­ö­sen oder Son­nen­bad mit dem neu­en Wal­ser. Nichts­tun im Ur­laub könn­te eher dies sein: Das Un­ge­heu­er Ur­laub auf sich zu­kom­men las­sen, an Je­tSki und Ta­ges­aus­flug vor­bei­ge­hen, sich ir­gend­wo­hin trei­ben las­sen bis zu ei­nem Punkt, an dem man den ei­ge­nen Atem plötz­lich wahr­nimmt und viel­leicht den Ge­ruch von Pi­ni­en an ei­ner Bus­hal­te­stel­le, an der kein Bus fährt. Da­zu braucht es kein Yo­ga mit Ga­bi um 11 Uhr am Pool und kei­ne Me­di­ta­ti­on mit Tom auf dem Sun­set-Roof. Nichts­tun ist nicht pas­siv. Es ist auch kei­ne Füll­mas­se zwi­schen Pro­gramm­punk­ten. Es ist ei­ne Hal­tung. Mit­zu­er­le­ben, wie lan­ge es dau­ert, bis ein Tag ver­duns­tet und wie die Schat­ten da­bei wan­dern und wie ewig kein Wind geht. Wie tief die Mus­ter ei­ner Hän­ge­mat­te sich ein­gra­ben kön­nen in die Haut – mit der Zeit.

Es wä­re zu bil­lig, sich da­mit raus­zu­re­den, dass man gar nicht wirk­lich nichts tun kann. Auch wer ein­fach nur da­sitzt und nicht Bud­dha ist, be­ob­ach­tet meis­tens noch, wer döst, denkt noch ir­gend­wie. Und als wä­re Den­ken kein Tun!

Aber da sind wir in­di­rekt doch beim Punkt. Es gibt näm­lich die­se Be­ob­ach­tung in Sven Re­ge­ners Kul­tro­man „Herr Leh­mann“, in der sein Held sich vor­nimmt, über all das all­täg­li­che Ge­sche­hen und die sich bei­läu­fig er­eig­nen­den Wei­chen­stel­lun­gen fürs Le­ben ir­gend­wann mal gründ­lich nach­zu­den­ken – wenn er dann mal Zeit hat. Herr Leh­mann aber ar­bei­tet gar nicht wirk­lich, hat dar­um auch kei­nen Ur­laub, ei­gent­lich im­mer Zeit, tut ge­ra­de dar­um im ei­gent­li­chen Sin­ne ei­gent­lich nie et­was, eben auch nicht den­ken. Für den ar­bei­ten­den Men­schen und sei­nen Ur­laub be­deu­tet das: Er über­schät­ze und ver­klä­re um Him­mels wil­len das Nichts­tun nicht! Ob am Strand oder auf der Ter­ras­se spielt letzt­lich gar kei­ne Rol­le. Und er ver­ges­se all das Wich­ti­ge und We­sent­li­che nicht, das im Ar­beits­all­tag eben nie Platz fin­det und dar­um im Ur­laub ge­tan wer­den muss. Nein, es geht hier al­so nicht um Ge­schäf­tig­keit, Rum­wursch­teln oder Rum­rei­sen. Son­dern es geht um all das, was ei­nem sehn­suchts­schmer­zen­de Sti­che ver­setzt, wenn man in den Spie­gel schaut und sich mit Brecht be­wusst wird: „So ver­ging die Zeit, die auf Er­den mir ge­ge­ben war.“

Das kann sein: bei Son­nen­auf­gang über Berg­wie­sen wan­dern, ein Buch schrei­ben, die Ha­gia So­phia oder Ang­kor Wat se­hen, sich end­lich mit dem Bru­der aus­spre­chen, Gi­tar­re spie­len ler­nen, wirk­lich den­ken… Aber kün­det der Spie­gel hier ir­gend­wem vom Nichts­tun? So ge­stresst und dau­er­ak­tiv wir uns manch­mal auch vor­kom­men mö­gen – wir sind wirk­lich al­le oft ge­nug Herr Leh­mann …

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