Al­t­hus­mann sagt, er wer­de die­ses Land auf­räu­men Zwei Kan­di­da­ten auf Au­gen­hö­he

In Nie­der­sach­sen lie­gen SPD und CDU gleich­auf. Auch sonst ist vie­les an­ders als im Rest der Re­pu­blik: Hier wird im Wahl­kampf hart ge­strit­ten, hier ist die AfD deut­lich schwä­cher als an­ders­wo. Und gut mög­lich, dass so­gar der Wolf die Land­tags­wahl ent­scheid

Donauwoerther Zeitung - - Die Dritte Seite - VON BERN­HARD JUNGINGER

Han­no­ver Der Wolf läuft di­rekt auf die Sport­le­rin zu, kommt im­mer nä­her. Ziel­stre­big über­quert er das Feld in der Lü­ne­bur­ger Hei­de, er wirkt be­droh­lich. Bis auf 30 Me­ter nä­hert er sich der Frau. Vol­ler Angst winkt sie mit ih­ren Nor­dicWal­king-Stö­cken ei­nem Trak­tor­fah­rer, der ge­ra­de vor­bei­kommt. Zu ih­rem Glück be­merkt sie der Land­wirt im Rück­spie­gel, der hier, auf dem plat­ten Land in Nie­der­sach­sen, ei­ne Schaf­zucht be­treibt. Er hält an. Und weiß, was zu tun ist: „Nicht lau­fen“, mahnt er die Frau. Jetzt bloß kei­ne has­ti­gen Be­we­gun­gen, nur nicht den Jagd­trieb des Raub­tie­res aus­lö­sen. Die Frau kann sich schließ­lich auf den Trak­tor ret­ten. Ein Vi­deo der un­heim­li­chen Sze­ne vom ver­gan­ge­nen Früh­jahr kur­siert seit­her im In­ter­net.

Wenn die Nie­der­sach­sen am Sonn­tag ei­nen neu­en Land­tag be­stim­men, steht ein Wahl­kri­mi be­vor: Stürzt die Angst vor dem Wolf die rot-grü­ne Lan­des­re­gie­rung von Mi­nis­ter­prä­si­dent Ste­phan Weil? Ver­hilft sie der CDU zur Macht in Han­no­ver? Die Auf­nah­men des Raub­tiers, das sich oh­ne je­de Scheu Men­schen nä­hert, könn­ten bei so man­chem ei­ne Rol­le spie­len. Ganz weit oben auf der Lis­te der vie­len Streit­punk­te, über die im zweit­größ­ten Bun­des­land ge­zankt wird, steht der Um­gang mit den Wöl­fen. Das will et­was hei­ßen. Denn Nie­der­sach­sen ist die Hei­mat des Au­to­bau­ers Volks­wa­gen, der noch im­mer tief im Stru­del des Skan­dals um mil­lio­nen­fa­chen Ab­gas­be­trug bei Die­sel­au­tos steht. Tau­sen­de Mit­ar­bei­ter sor­gen sich um ih­re Ar­beits­plät­ze und fürch­ten, dass VW die au­to­mo­bi­le Zu­kunft ver­schla­fen hat. War­um al­so der Wolf?

Doch seit kürz­lich ei­ne bri­ti­sche Tou­ris­tin in Grie­chen­land an­geb­lich von ei­nem Wolfs­ru­del ge­tö­tet wur­de, sind die Raub­tie­re wie­der zu­rück in der Auf­merk­sam­keit. Denn so ei­ne Atta­cke, sind man­che über­zeugt, könn­te je­der­zeit auch zwi- schen Harz und Nord­see pas­sie­ren. Vie­le der fast acht Mil­lio­nen Nie­der­sach­sen, vor al­lem Spa­zier­gän­ger und Jog­ger, füh­len sich nicht mehr si­cher. So kommt es, dass der Wolf im Wahl­kampf-End­spurt so man­chen Bür­ger mehr be­wegt als das Schla­mas­sel in Wolfs­burg.

Das ist auch in der Hal­le 39 so, ei­nem gro­ßen Ver­an­stal­tungs­zen­trum in Hil­des­heim, wo sich die CDUAn­hän­ger ver­sam­melt ha­ben. Bernd Al­t­hus­mann, der groß ge­wach­se­ne Kan­di­dat der Christ­de­mo­kra­ten, hat sich auf Be­triebs­tem­pe­ra­tur ge­re­det. Ge­ra­de rech­net der 50-Jäh­ri­ge mit dem grü­nen Um­welt­mi­nis­ter Ste­fan Wen­zel ab, den er für das Hö­fes­ter­ben im Land ver­ant­wort­lich macht. Dann wird sei­ne Stim­me auf ei­ne fast hä­mi­sche Art weich, als er vom „lie­ben Wolf“spricht, dem „Freund von Herrn Wen­zel“. Dass in­zwi­schen hun­dert Wöl­fe durch Nie­der­sach­sen streif­ten, Mensch und Vieh ge­fähr­de­ten, das sei nicht hin­nehm­bar. Jetzt wird Al­t­hus­mann laut, schreit förm­lich in die Hal­le: „Wenn der Wolf ei­ne Ge­fahr wird für Mensch oder Nutz­tier, dann wird er ins Jagd­recht über­führt und ab­ge­schos­sen.“Fre­ne­ti­scher Bei­fall. Für Al­t­hus­mann lie­fert der Wolf die Steil­vor­la­ge für sein Ver­spre­chen, er wer­de „die­ses Land auf­räu­men“.

Ob der eins­ti­ge Be­rufs­sol­dat die Ge­le­gen­heit da­zu be­kommt, lässt sich auch zwei Ta­ge vor der Wahl nicht ab­se­hen. Denn in Nie­der­sach­sen lie­gen vie­le Din­ge an­ders als im Rest der Re­pu­blik. Auf ei­ne schwa­che SPD wie bei der Bun­des­tags­wahl kann CDU-Mann Al­t­hus­mann je­den­falls nicht hof­fen. Die So­zi­al­de­mo­kra­ten ha­ben hier ihr bun­des­weit bes­tes Er­geb­nis ein­ge­fah­ren – und es ge­schafft, den Mi­nis­ter­prä­si­den­ten zu stel­len, ob­wohl die CDU da­mals gut drei Pro­zent mehr Stim­men hol­te. Rot-Grün re­gier­te al­ler­dings mit hauch­dün­ner Mehr­heit von ei­nem Sitz. Ge­nau das wur­de der Ko­ali­ti­on zum Ver­häng­nis: Als im Au­gust die Ab­ge­ord­ne­te El­ke Twes­ten den Grü­nen den Rü­cken kehrt und sich der CDU-Frak­ti­on an­schließt, kommt es zur Schlamm­schlacht zwi­schen den Par­tei­en – denn der Wech­sel macht vor­ge­zo­ge­ne Neu­wah­len not­wen­dig. Von In­tri­ge und Ver­rat ist die Re­de, von ei- nem un­mo­ra­li­schen An­ge­bot, das die CDU Twes­ten ge­macht ha­be. Al­t­hus­mann weist al­le Vor­wür­fe zu­rück. Um­fra­gen le­gen na­he, dass der Twes­ten-Über­tritt eher der am­tie­ren­den rot-grü­nen Re­gie­rung Sym­pa­thi­en ge­bracht hat. An der Küs­te den­ken vie­le Bür­ger of­fen­bar: So et­was tut man nicht.

Trotz­dem sah es lan­ge so aus, als sei Al­t­hus­mann der Job als nächs­ter Mi­nis­ter­prä­si­dent Nie­der­sach­sens nicht mehr zu neh­men. Im jüngs­ten ZDF-Po­lit­barom­ter von ges­tern Abend liegt nun die SPD bei 34,5 vor den Christ­de­mo­kra­ten mit 33 Pro­zent. Die FDP kä­men eben­so wie die Grü­nen auf neun Pro­zent. Die Link­s­par­tei wür­de es dem­nach ganz knapp ins Par­la­ment schaf­fen.

Die AfD kä­me auf sie­ben Pro­zent. In der Nord­deut­schen Tief­ebe­ne sind die Rechts­po­pu­lis­ten we­ni­ger er­folg­reich als an­ders­wo. Was da­mit zu tun ha­ben mag, dass die Nie­der­sach­sen zwar als bo­den­stän­dig gel­ten, als Küs­ten­be­woh­ner aber eben auch als sehr welt­of­fen. Flücht­lings­po­li­tik ist im Wahl­kampf kein gro­ßes The­ma. Zu­dem wird die nie­der­säch­si­sche AfD von Vor­wür­fen ge­gen ih­ren Lan­des­vor­sit­zen­den Ar­min Paul Ham­pel er­schüt­tert. Die­ser soll Par­tei­gel­der für pri­va­te Zwe­cke ab­ge­zweigt ha­ben, was er be­strei­tet. Die Staats­an­walt­schaft Lü­ne­burg er­mit­telt we­gen des Ver­dachts des Be­trugs.

Trotz­dem macht es die Sa­che nicht ein­fa­cher: Nach jüngs­ten Um­fra­gen wür­de es we­der für ei­ne Fort­set­zung der rot-grü­nen Re­gie­rung von Weil rei­chen noch für das von Al­t­hus­mann fa­vo­ri­sier­te Bünd­nis sei­ner CDU mit der FDP. Was bleibt, wä­re Ja­mai­ka, ei­ne Am­pel von SPD, Grü­nen und FDP – oder doch ei­ne Gro­ße Ko­ali­ti­on.

Auch in Ber­lin wird man am Sonn­tag ge­bannt nach Nie­der­sach­sen schau­en. Für die waid­wun­de Bun­des-SPD wä­re ein Er­folg in Han­no­ver ein Hoff­nungs­schim­mer, eben­so wie An­ge­la Mer­kel drin­gend ein Er­folgs­er­leb­nis für die CDU braucht. Mehr­mals hat sich die Kanz­le­rin in den Nie­der­sach­senWahl­kampf ein­ge­schal­tet und ein­dring­lich vor ei­ner wei­te­ren Mög­lich­keit der Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on ge­warnt: Rot-Rot-Grün. Ein Bünd­nis von SPD, Lin­ken und Grü­nen gel­te es um je­den Preis zu ver­hin­dern.

Und die CDU ver­sucht, von Nord­rhein-West­fa­len zu ler­nen. Dort at­ta­ckier­te Ar­min La­schet die rot-grü­ne Lan­des­re­gie­rung von Han­ne­lo­re Kraft vor al­lem bei den The­men in­ne­re Si­cher­heit und Bil­dung – und ge­wann die Wahl. Auch in Nie­der­sach­sen sind vie­le un­zu­frie­den mit der Si­tua­ti­on an den Schu­len. Hun­der­te Leh­rer feh­len, mit der In­klu­si­on, dem ge­mein­sa­men Ler­nen von be­hin­der­ten und nicht be­hin­der­ten Schü­lern, ha­pert es. Al­t­hus­mann kri­ti­siert die Bil­dungs­po­li­tik der Lan­des­re­gie­rung scharf, for­dert ei­ne „Atem­pau­se“für die In­klu­si­on. Doch da­bei hat er ein Pro­blem: Un­ter dem CDU-Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Da­vid McAl­lis­ter war der 50-Jäh­ri­ge bis 2013 Kul­tus­mi­nis­ter. Die In­klu­si­on hat er selbst ein­ge­führt. Bei der SPD sa­gen sie: Auch für den Lehrer­man­gel sei Al­t­hus­mann mit­ver­ant­wort­lich.

Beim The­ma Si­cher­heit kann Al­t­hus­mann in Nie­der­sach­sen bis­lang we­ni­ger punk­ten als La­schet in Nord­rhein-West­fa­len. Wäh­rend das dor­ti­ge In­nen­mi­nis­te­ri­um in der Am­ri-Af­fä­re schwer un­ter Be­schuss ge­riet, sitzt der nie­der­säch­si­sche In­nen­mi­nis­ter Bo­ris Pis­to­ri­us fest im Sat­tel. Der SPD-Po­li­ti­ker ist im Land auch als Le­bens­ge­fähr­te von Do­ris Schrö­der-Köpf be­kannt. Die Ex­frau von Alt­kanz­ler Ger­hard Schrö­der sitzt selbst für die SPD im Land­tag und tritt auch wie­der an. SPD-Pro­mi­nenz ist in Han­no­ver im­mer ein Ge­sprächs­the­ma. Sig­mar Ga­b­ri­el war von 1999 bis 2003 Mi­nis­ter­prä­si­dent, da­vor Ger­hard Schrö­der, der noch im­mer im fei­nen Stadt­teil Wald­hau­sen lebt. Dass die Be­rich­te über sei­nen hoch do­tier­ten Auf­sichts­rats­pos­ten beim rus­si­schen Öl­kon­zern Ros­neft oder über sei­ne neue Be­zie­hung zu ei­ner deut­lich jün­ge­ren Ko­rea­ne­rin der Lan­des­SPD scha­den könn­te, gilt als un­wahr­schein­lich.

Das liegt auch dar­an, dass Ste­phan Weil, Ju­rist und frü­her Ober­bür­ger­meis­ter von Han­no­ver, als bo­den­stän­dig und durch­aus be­liebt gilt. Und dar­an, dass sich der Mann mit dem zu­rück­hal­ten­den Lä­cheln weit­ge­hend der Welt von Klatsch und Gla­mour ver­wei­gert. Im Gäste­haus der Lan­des­re­gie­rung, ei­ner ehe­ma­li­gen Fa­b­ri­kan­ten­vil­la mit viel Stuck und pa­ti­nier­tem Ei­chen­holz, er­klärt er, dass er auch im Wahl­kampf kein gro­ßes Ge­tö­se wol­le. Nur vier Kund­ge­bun­gen nach her­kömm­li­chem Mus­ter ste­hen auf dem Pro­gramm. Statt­des­sen tritt der 58-Jäh­ri­ge bei Bür­ger­ver­samm­lun­gen auf, in klei­nen Sä­len, vor 70 bis 350 Gäs­ten. „Da schrei­ben die Leu­te ih­re Sor­gen und An­lie­gen auf Bier­de­ckel – und dar­über spre­chen wir dann.“Wenn der gan­ze Pa­cken Bier­fil­ze ab­ge­ar­bei­tet ist, sei­en die Men­schen meis­tens zuf­rie­den.

Na­tür­lich, sagt Weil, spie­le Volks­wa­gen ei­ne gro­ße Rol­le – ob in Ge­sprä­chen mit den Bür­gern oder in der Po­li­tik. Das Land ist mit gut 20 Pro­zent am Kon­zern be­tei­ligt, Weil sitzt als Re­gie­rungs­chef im Auf­sichts­rat. Weil be­rich­tet dann, dass die Kon­troll­me­cha­nis­men ver­stärkt wur­den, dass er glaubt, Volks­wa­gen wer­de die rich­ti­gen Leh­ren aus der Die­sel-Af­fä­re zie­hen.

Kurz schien es, als wür­de auch Weil in den Sog des VW-Skan­dals ge­ra­ten. Das war, als Me­dien­be­rich­te na­he­leg­ten, der Mi­nis­ter­prä­si­dent

Bei Weil schrei­ben die Leu­te ih­re Sor­gen auf Bier­de­ckel

hät­te sei­ne Re­gie­rungs­er­klä­rung von VW um­schrei­ben und kri­ti­sche Pas­sa­gen ent­schär­fen las­sen. Weil be­teu­ert: „Da hat kein Weich­spü­len statt­ge­fun­den.“Auch sein Vor­gän­ger Da­vid McAl­lis­ter von der CDU ha­be sich mit dem Kon­zern in be­stimm­ten Fra­gen ab­ge­stimmt.

Am VW-Ge­setz, das die Be­tei­li­gung des Lan­des re­gelt, will Weil eben­so we­nig rüt­teln wie Al­t­hus­mann. Zu wich­tig sind die Stand­or­te in Wolfs­burg, Em­den, Braun­schweig, Salz­git­ter und Os­na­brück mit ih­ren rund 120000 Mit­ar­bei­tern. Wird die Zu­lie­fer­in­dus­trie hin­zu­ge­rech­net, hän­gen 30 Pro­zent al­ler In­dus­trie­ar­beits­plät­ze von VW ab. Dass man den Wolfs­bur­ger Kon­zern auch in schwe­ren Zei­ten un­ter­stüt­zen muss, dar­in ist man sich in Nie­der­sach­sen ei­nig.

Auch was den Wolf be­trifft, nä­hern sich die Par­tei­en in­zwi­schen an. Da be­tont der grü­ne Um­welt­mi­nis­ter Wen­zel nun auf­fäl­lig oft, dass er im ver­gan­ge­nen Jahr Pro­blem­wolf „Kur­ti“er­le­gen ließ. Und Mi­nis­ter­prä­si­dent Weil hat an­ge­kün­digt, dass er ge­ge­be­nen­falls Ru­del ab­schie­ßen las­sen wür­de. Vom Wolf je­den­falls wol­len sich SPD und Grü­ne nicht aus der Staats­kanz­lei in Han­no­ver ja­gen las­sen.

Fo­to: Si­las St­ein, dpa

Bei­de Kan­di­da­ten lie­gen im Mo­ment gleich­auf: CDU Mann Bernd Al­t­hus­mann will Mi­nis­ter­prä­si­dent in Nie­der­sach­sen wer­den, SPD Po­li­ti­ker Ste­phan Weil will es blei­ben.

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