Der Ban­ker des Thea­ters zieht Bi­lanz

Stef­fen Rohr war elf Jah­re lang für Ein­nah­men und Aus­ga­ben der Büh­nen zu­stän­dig. Ge­ra­de jetzt, da vie­les un­be­herrsch­bar ge­wor­den ist, geht der Kauf­män­ni­sche Di­rek­tor in Ren­te. Sei­nem Nach­fol­ger gibt er zwei Din­ge mit auf den Weg

Friedberger Allgemeine - - Augsburg - VON NI­CO­LE PRESTLE Fo­to: Sil­vio Wy­szen­grad

Es war ei­ner sei­ner ers­ten Be­su­che in Augs­burg und Stef­fen Rohr war neu­gie­rig auf die­se Spiel­stät­te mit­ten in der Alt­stadt. Man führ­te ihn, den künf­ti­gen Kauf­män­ni­schen Di­rek­tor des Thea­ters, durch die Ko­mö­die. „Wir ha­ben al­les an­ge­se­hen, vom Kel­ler bis zum Dach. Da­nach brauch­te ich erst mal ei­nen Schnaps. Ich hat­te noch nie ei­ne Spiel­stät­te in so schlim­mem Zu­stand ge­se­hen.“

Heu­te, elf Jah­re spä­ter, ist die Ko­mö­die ge­schlos­sen, das Gro­ße Haus eben­falls und das Thea­ter steht am Be­ginn ei­ner schwie­ri­gen Pha­se. Die Sa­nie­rung ist ge­plant, Be­für­wor­ter wie Geg­ner ha­ben sich for­miert und nie­mand weiß, wie die Dis­kus­si­on aus­geht. Ge­plant war es nicht so, doch Stef­fen Rohr ist froh, dass er jetzt in Ru­he­stand geht: „Wir sind an ei­nem Zeit­punkt, an dem al­les be­ginnt, nicht mehr be­herrsch­bar zu sein.“In sei­nem Al­ter müs­se man das nicht mehr mit­ma­chen. Im Au­gust wird Rohr 65, sei­nen Ge­burts­tag wird er mit sei­ner Frau Ro­se auf der dä­ni­schen In­sel Born­holm fei­ern. Seit ei­ni­gen Jah­ren fah­ren sie schon dort­hin – vor al­lem, weil man dort so wun­der­bar sei­ne Ru­he hat. Ei­ner, der von sei­nem Be­ruf sagt, dass er je­den Tag neue Ka­ta­stro­phen brin­gen kann, braucht das zwi­schen­durch.

Wer Rohr kennt, weiß, dass ihn so schnell nichts aus der Ru­he bringt – viel­leicht ab­ge­se­hen vom Satz „wenn das nicht schnel­ler geht, fällt die Pre­mie­re aus“. Selbst ro­te Zah­len konn­te Rohr im Kul­tur­aus­schuss ru­hig und schlüs­sig er­klä­ren. Nur wenn ab­seh­bar war, dass wie­der Geld für den Bau­un­ter­halt des Gro­ßen Hau­ses ge­kürzt wird, dass der Büh­nen­turm wie­der nicht sa­niert wird, fand er deut­li­che Wor­te.

Als ei­nen „nüch­ter­nen Zah­len­men­schen“will sich der stu­dier­te Fi­nanz­wirt nicht be­zeich­nen. Die 15 Jah­re im Me­tro­pol Thea­ter Ber­lin, die im Stadt­thea­ter Cott­bus und die Zeit in Augs­burg ha­ben den ehe­ma­li­gen Ban­ker zu ei­nem Thea­ter­men­schen ge­macht. Rohr lern­te, „dass das Thea­ter ein Mo­loch ist, der al­les frisst, was er krie­gen kann“. Die­se Sei­te mit den knap­pen Fi­nan­zen in Ein­klang zu brin­gen, hat ihm bis zu­letzt Spaß ge­macht. Die ewi­ge De­bat­te, was Kunst kos­ten darf, hör­te Rohr fast über­all. Am Me­tro­pol er­leb­te der ge­bür­ti­ge Zwi­ckau­er aber auch üp­pi­ge Jah­re: „Kurz nach der Wen­de hat­ten wir gut ein­ein­halb Jah­re kei­nen obers­ten Di­enst­her­ren. Vom Kul­tur­mi­nis­ter­rat der DDR hat­ten wir noch 20 Mil­lio­nen Ost­mark zu­sätz­lich be­kom­men.“Geld, das in die Kunst, aber auch in den Bau­un­ter­halt in­ves­tiert wur­de. Von sol­chen Zei­ten konn­te Stef­fen Rohr in Augs­burg nur noch träu­men.

Den­noch möch­te er am En­de sei­ner Amts­zeit ei­ne Lan­ze fürs Augs­bur­ger Haus bre­chen: „Wenn man es mit an­de­ren Thea­tern ver­gleicht, stan­den wir im­mer gut da, was die Wirt­schaft­lich­keit be­trifft. Wir sind kei­ne Geld­ver­nich­tungs­ma­schi­ne. Aber bis man ei­ne Oper auf die Büh­ne bringt, sind nun mal 250 Leu­te be­schäf­tigt. Die müs­sen auch be­zahlt wer­den.“Was die nächs­te Spiel­zeit brin­gen und was sie kos­ten wird? Rohr kann es nicht sa­gen. Ge­plant war, den Wirt­schafts­plan mit sei­nem Nach­fol­ger Fried­rich Mey­er auf­zu­stel­len. Jetzt, da un­ge­wiss ist, wel­che Spiel­stät­ten ge­nutzt wer­den und wel­che Plät­ze es dort gibt, sei die Kal­ku­la­ti­on schier un­mög­lich. Das Thea­ter wird in den nächs­ten Jah­ren auf Sicht fah­ren, kurz­fris­tig re­agie­ren müs­sen. Rohr wird den Weg mit Ab­stand be­ob­ach­ten.

Angst, dass es ihm im Ru­he­stand lang­wei­lig wer­den könn­te, hat er nicht. Er möch­te rei­sen mit sei­ner Frau, zum Bei­spiel in die USA. Auch Ber­lin wird er häu­fig be­su­chen, dort le­ben sei­ne fünf Kin­der und elf En­kel. „Der jüngs­te kam am Sonn­tag zur Welt.“Sei­nen Ab­schied am Thea­ter woll­te er ru­hig gestal­ten, er dach­te an ei­nen Zet­tel am Schwar­zen Brett. „Ich bin kein Freund von Ab­schieds­fei­ern, weil die Re­den dort nur noch von To­ten­re­den über­trof­fen wer­den“, sagt er schmun­zelnd. Am En­de freu­te er sich doch über die net­ten Wor­te. Aus vie­len Kol­le­gen sind en­ge Weg­ge­fähr­ten ge­wor­den.

Sei­nem Nach­fol­ger gibt Stef­fen Rohr zwei Din­ge mit auf den Weg: Den Rat, sich nie aus der Ru­he brin­gen zu las­sen, und ei­ne klei­ne Fla­sche Bran­dy. „Mei­ne As­sis­ten­tin schenk­te sie mir vor elf Jah­ren zum Amts­an­tritt – für den Fall, dass et­was Schlim­mes pas­siert.“Der 64-Jäh­ri­ge hat seit­dem vie­le Ka­ta­stro­phen er­lebt, ge­öff­net hat er die Fla­sche nie. „Es hät­te doch sein kön­nen, dass es noch schlim­mer kommt.“Die Augs­bur­ger wer­den den gro­ßen Mann mit dem grau­en Bart auch nach sei­ner ak­ti­ven Zeit am Thea­ter tref­fen kön­nen: „Wir blei­ben in Augs­burg, weil die Le­bens­qua­li­tät in kei­ner an­de­ren Stadt so hoch ist wie hier.“Und auch die Auf­füh­run­gen im Thea­ter will er wei­ter be­su­chen. Vor al­lem das Bal­lett hat er hier lie­ben ge­lernt.

Der Zu­stand der Ko­mö­die be­rei­te­te Stef­fen Rohr sei­nen ers­ten Schock als Kauf­män­ni­scher Di­rek­tor.

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