Das Schel­men­stück vom Am­mer­see

In Ut­ting er­warb der Dich­ter 1932 sein ers­tes Haus – der Augs­bur­ger Pa­pa gab das Geld da­zu. Brecht soll­te aber nur kurz dar­in woh­nen. We­nig spä­ter war er auf der Flucht vor den Na­zis und muss­te sein Ei­gen­tum ret­ten …

Friedberger Allgemeine - - Feuilleton - VON WER­NER HECHT

Buckow Die Er­in­ne­rung ließ Ber­tolt Brecht nicht mehr los. „Sie­ben Wo­chen mei­nes Le­bens war ich reich. / Vom Er­trag ei­nes Stü­ckes er­warb ich / Ein Haus in ei­nem gro­ßen Gar­ten. Ich hat­te es / Mehr Wo­chen be­trach­tet, als ich es be­wohn­te …“So weh­mü­tig dich­te­te Brecht 1934 im dä­ni­schen Exil über sein Haus in Ut­ting am Am­mer­see. Am 8. Au­gust 1932 hat­te er es no­ta­ri­ell er­wor­ben, 1933 durch sei­ne Flucht vor Hit­ler ver­lo­ren. Die Na­zis, so wird Brecht be­kla­gen, hät­ten ihm vor al­lem drei Din­ge ge­stoh­len: das Haus, das Au­to und das Pu­bli­kum. Was das Haus be­trifft, ist es nicht die gan­ze Wahr­heit. Denn be­zahlt hat­te Pa­pa Bert­hold Fried­rich Brecht den Preis von 11400 Reichs­mark. Und das soll­te noch zu Ver­wick­lun­gen füh­ren.

Seit das so­ge­nann­te Ut­ting-Kon­vo­lut mit 100 Blät­tern, das mir die Toch­ter von Wal­ter Brecht 1994 ge­ge­ben hat­te, für die Brecht-Ge­sell­schaft an­ge­kauft und im Ju­li dem Brecht-Wei­gel-Haus im bran­den­bur­gi­schen Buckow über­ge­ben wor­den ist, sind die Do­ku­men­te ein­seh­bar, die von ei­nem gran­dio­sen Schnipp­chen zeu­gen, das die Brecht-Fa­mi­lie der Na­zi-Jus­tiz ge­schla­gen hat­te. Und von ei­ner ly­ri­schen Schwin­de­lei Brechts, die die meis­ten Ex­per­ten noch nicht zur Kennt­nis ge­nom­men ha­ben. In dem neu zu­gäng­li­chen Kon­vo­lut sind zahl­rei­che Brie­fe über­lie­fert, die die Be­mü­hun­gen des Brecht-Bru­ders Wal­ter zei­gen, das An­we­sen für sei­nen exi­lier­ten Bru­der zu ret­ten.

Der Traum vom Reich­tum war be­reits am An­fang des Drit­ten Reichs für B.B. aus­ge­träumt. Der Büh­nen­ver­lag Fe­lix Bloch Er­ben stell­te als­bald die mo­nat­li­che Zah­lung von 1000 Reichs­mark ein, die er mit Brecht nach dem Büh­nen­er­folg der „Drei­gro­schen­oper“bis Ju­li 1936 ver­ein­bart hat­te. Der emi­grier­te Sohn nahm von der dä­ni­schen Dich­te­rin Ka­rin Michae­lis, die ihn und sei­ne Fa­mi­lie auf­nimmt, ein Dar­le­hen von 52000 dä­ni­schen Kro­nen auf, um ein Haus in Skovs­bost­rand zu er­wer­ben.

Auch Va­ter Brecht hat­te mit dem Sohn die Rück­zah­lung der vor­ge­schos­se­nen Kauf­sum­me für Ut­ting in Ra­ten mit fünf Pro­zent Zin­sen ge­nau fest­ge­legt. Nach Berts Flucht ins Aus­land be­stand der Pa­pa noch im Som­mer 1933 auf die Aus­fer­ti­gung ei­ner Voll­macht Ber­tolts, jetzt „Schrift­stel­ler in Pa­ris“: Er kann da­mit al­le Ver­fü­gun­gen über das Haus No 100 in Ut­ting tref­fen, ins­be­son­de­re die Be­stel­lung ei­ner Hy­po­thek für sich. Nach Aus­fall der Rück­zah­lun­gen sei­nes Soh­nes nahm er 7500 Reichs­mark auf das Haus auf und ver­pach­te­te es für 55 Reichs­mark im Mo­nat an die Fa­mi­lie An­ne Dres­sel.

Als Brecht und sei­ne Fa­mi­lie 1935 aus­ge­bür­gert wur­den, ent­zo­gen ih­nen die Na­zis al­le Rech­te. Sie ver­lo­ren jeg­li­chen An­spruch auf Ei­gen­tum und Er­be im Deut­schen Reich. Va­ter Brecht war al­so ge­zwun­gen, sei­nen jün­ge­ren Sohn Wal­ter zum Al­lein­er­ben zu er­klä­ren – und als er am 20. Mai 1939 starb, trat ei­ne kom­pli­zier­te La­ge ein. Berts Voll­macht war für den Al­lein­er­ben Wal­ter un­gül­tig ge­wor­den. Das Ut­tin­ger An­we­sen konn­te als Be­sitz­tum ei­nes Aus­ge­bür­ger­ten je­der­zeit vom Staat kon­fis­ziert wer­den. Wal­ter muss­te ver­su­chen, es so schnell wie mög­lich zu ver­kau­fen. Da­zu war er aber nicht be­fugt.

Es spiel­te sich nun ei­ne Pos­se ab un­ter pein­lich ge­nau­er Ein­hal­tung al­ler Ge­set­ze, die sich der Na­zi­staat zu sei­nem ei­ge­nen Vor­teil aus­ge­dacht hat­te. Jus­tiz­rat Adolf Dei­ler, der Augs­bur­ger Rechts­an­walt von Va­ter Brecht, kam auf die Idee, sich selbst von den Na­zi-Be­hör­den als amt­li­chen Pfle­ger für das Haus be­nen­nen zu las­sen. Mit die­sem Trick ge­lang es Bru­der Wal­ter als ei­gent­li­chem Er­ben, sich in die Ent­schei­dun­gen in­di­rekt ein­zu­mi­schen. Und er kam eben­falls auf ei­ne glän­zen­de Idee: Er schal­te­te den in Na­zi­deutsch­land be­lieb­ten Ko­mi­ker Theo Lin­gen ein, der 1928 Brechts Ex­frau, die Opern­sän­ge­rin Ma­ri­an­ne Zoff, ge­hei­ra­tet hat­te und da­mit Stief­va­ter von Brechts Toch­ter Han­ne ge­wor­den war.

Han­ne wie­der­um konn­te den ge­sam­ten auf ih­ren Va­ter ent­fal­len­den Pflicht­teil aus Pa­pa Brechts Erb­mas­se be­an­spru­chen, da die an­de­ren bei­den ehe­li­chen Kin­der von B.B. eben­falls aus­ge­bür­gert wa­ren. Ein Ma­kel haf­te­te ihr je­doch an: Nach Na­zi­be­grif­fen war Han­ne „vier­tel­jü­disch“, denn Ma­ri­an­ne Zoff war „ras­sisch be­las­tet“. Mit 16 war Han­ne min­der­jäh­rig. Al­so schlug Wal­ter vor, Theo Lin­gen sol­le sich ge­richt­lich als Pfle­ger der Stief­toch­ter be­stel­len las­sen. Er war oh­ne Zwei­fel erb­wür­dig und laut Brief im Ut­tin­gKon­vo­lut zur Mit­hil­fe auch wil­lens.

Durch sei­ne un­glaub­li­che Ko­mik als nä­seln­der La­kai be­son­ders im Film war es Lin­gen ge­lun­gen, schon man­che Son­der­ge­neh­mi­gung des Reichs­mi­nis­te­ri­ums für Pro­pa­gan­da zu erlangen. Sein „Spiel mit der Mas­ke“nütz­te er nun da­zu, um sei­ne von Ver­fol­gung ge­fähr­de­te Fa­mi­lie in der Na­zi­zeit zu schüt­zen. Bei Va­ter Brechts Tod war Lin­gen al­ler­dings ge­ra­de nicht in der La­ge, rasch das Land­haus in Ut­ting zu kau­fen – „weil wir eben erst un­ser Geld für das Haus am Wolf­gang­see an­ge­legt ha­ben“. Das Geld aus dem Er­be von Va­ter Brecht – im­mer­hin 23 324 Reichs­mark – muss­te her, um Jus­tiz­rat Dei­ler ein Ge­bot zu ma­chen.

Um sei­nen Va­ter vor Re­pres­sa­li­en zu schüt­zen, hat­te B.B. aus dem Exil Mit­te 1935 den Brief ei­nes fik­ti­ven Drit­ten an ihn ge­rich­tet („Da Sie es ab­leh­nen, mit Herrn Bert Brecht zu kor­re­spon­die­ren . . .“). Dar­in heißt es, B.B. sei es „un­mög­lich, sich von öf­fent­li­chen Äu­ße­run­gen ge­gen das na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Re­gime zu­rück­zu­hal­ten“. Da­von kön­ne ihn auch nicht ab­hal­ten, wenn ihn der Va­ter ent­er­be. „Er ver­zich­tet auf sein Er­be. Je­doch bit­tet er Sie, zu er­wä­gen, dass sei­ne Toch­ter Han­ne Brecht, die wei­ter­hin in Deutsch­land lebt, für sein Ver­hal­ten, das Sie miss­bil­li­gen, nicht ver­ant­wort­lich ist.“So kauf­te Wal­ter Brecht das Land­haus am Am­mer­see er­neut und ver­kauf­te es an sei­ne Nich­te Han­ne Brecht: Das Haus blieb im Be­sitz der Fa­mi­lie – bei Han­ne noch bis 1953. B.B. hat es nie wie­der be­sucht. Der Ort, der für ihn spä­ter be­que­mer er­reich­bar war, hieß Buckow am Scher­müt­zel­see in der Mär­ki­schen Schweiz, wo er „Haus und Um­ge­bung“ge­nug fin­det, dass er „wie­der et­was Horaz le­sen kann“.

Und dann kam noch Theo Lin­gen ins Spiel . . .

Wer­ner Hecht, ge­bo­ren 1926, war ab 1959 Dra­ma­turg am Ber­li­ner En­sem­ble, spä­ter Di­rek­tor des Brech­tZen­trums der DDR so­wie Mit­her­aus­ge­ber der neu­en Brecht-Wer­k­aus­ga­be. Auch schrieb er ei­ne Brecht-Chro­nik.

Foto: un­be­kannt

Bert Brechts ers­tes Haus in Ut­ting am Am­mer­see, Im Gries 3. Das An­we­sen für die Fa­mi­lie über den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus zu ret­ten, be­durf­te al­ler­lei Tricks.

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