Al­les Ner­ven­sa­che

Schie­ßen Wie Michael Jan­ker aus dem Land­kreis Lands­berg heu­te ei­ne Über­ra­schung schaf­fen will, die sei­ne Team­kol­le­gin Bar­ba­ra En­g­le­der um ei­nen Mil­li­me­ter ver­passt hat

Friedberger Allgemeine - - Olympische Spiele 2016 - VON PE­TER DEI­NIN­GER

Rio Der Mann mit der Num­mer 1450 auf dem Rü­cken hat den Ablauf längst ver­in­ner­licht. Der 24-Jäh­ri­ge aus Hof­stet­ten (Kreis Lands­berg) steht mit ge­spreiz­ten Bei­nen am Schieß­stand der An­la­ge in Deo­do­ro. Das Hohl­kreuz gibt den Schul­tern die Sta­bi­li­tät, die der Sport­schüt­ze Michael Jan­ker fin­den muss. 40 Schuss gibt der an­ge­hen­de Po­li­zist mit sei­nem Luft­ge­wehr auf die zehn Me­ter ent­fern­te Schei­be ab. Zwi­schen­durch legt er sein Kinn auf die Waf­fe um sich für den nächs­ten Ver­such zu sam­meln. „Ich ha­be an der Um­set­zung mei­ner Tech­nik ge­ar­bei­tet“, er­klärt er nach dem Trai­ning. „Zwi­schen­durch hat­te ich ganz schön wa­cke­li­ge Knie“, gibt er zu.

Die Nacht nach der Er­öff­nungs­fei­er war nur kurz. Die Stim­mung im Ma­ra­ca­na-Sta­di­on hat den Olym­pia-De­bü­tan­ten mit­ge­ris­sen. Rein sport­lich fühlt sich Rio aber bis­lang noch „wie ein Welt­cup an“. Das könn­te sich am heu­ti­gen Mon­tag än­dern, wenn für ihn um 16 Uhr (deut­scher Zeit) sein Wett­kampf be­ginnt. „Ich will es of­fen­siv an­ge­hen. Nur wer sich was traut, kann das Fi­na­le er­rei­chen“, be­schreibt er sei­ne Tak­tik. „Un­ser Psy­cho­lo­ge sagt, bei Olym­pia ge­winnt meis­tens der­je­ni­ge, der sich am we­nigs­ten in die Ho­se macht.“

Das hat die Ame­ri­ka­ne­rin Vir­gi­nia Thras­her am Sams­tag in der Frau­en­ent­schei­dung ein­drucks­voll vor­ex­er­ziert. Die 19-Jäh­ri­ge ge­wann Gold, für die hoch­de­ko­rier­ten Chi­ne­sin­nen Li Du und Si­ling Yi blie­ben Sil­ber und Bron­ze. Der Nie­der­baye­rin Bar­ba­ra En­g­le­der fehl­ten gan­ze 0.3 Punk­te („Das war ein Mil­li­me­ter“) auf Rang drei. In dem ner­ven­auf­rei­ben­den Aus­sch­ei- dungs­kampf lag die Sport­sol­da­tin nach 15 Schuss so­gar auf Rang zwei. „Es ist wie am Schnürl ge­lau­fen“, mein­te sie. Was an­ge­sichts ih­rer Vor­ge­schich­te er­staun­lich ist. Denn die 33-Jäh­ri­ge kämpft seit Ta­gen mit grip­pe­ähn­li­chen Sym­pto­men. „Im Trai­ning war ich so­gar mal der Ohn­macht na­he.“

Un­ter die­sen Um­stän­den war der vier­te Platz her­vor­ra­gend. „Ich hat­te bei den Spie­len noch nie ei­ne bes­se­re Plat­zie­rung. Aber na­tür­lich wer­de ich auch trau­rig sein, weil ich den Vor­sprung ein­ge­büßt ha­be. Als für die Chi­ne­sin 10,8 Punk­te an­ge­zeigt wur­den, ist mir das Ge­sicht ganz schön run­ter­ge­fal­len“, be­schreibt sie ih­re Ge­füh­le. „Ich hat­te die Hand doch schon an ei­ner Me­dail­le.“

Dass die Schieß­leis­tung bei den meis­ten Teil­neh­me­rin­nen wech­sel­haft wa­ren, über­rasch­te En­g­le­der nicht. „Bei Olym­pia er­rei­chen die meis­ten nicht das bes­te Ni­veau. Wir sind es nicht ge­wohnt, dass so ein Tra­ra um un­se­re Sport­art ge­macht wird.“Ei­ne Me­dail­le gleich zum Start wä­re des­halb ei­ne will­kom­me­ne Wer­bung ge­we­sen. „Scha­de für mich per­sön­lich und den Ver­band“, sagt Bar­ba­ra En­g­le­der.

Aber sie fühlt sich mit dem Er­geb­nis ge­rüs­tet für den Klein­ka­li­ber-Drei­stel­lungs­kampf. „Ich mag die­se Dis­zi­plin lie­ber und glau­be des­halb auch, dass für mich da mehr drin ist“, so die Mut­ter ei­nes drei­jäh­ri­gen Soh­nes.

Michael Jan­ker kann sich auf den Wett­be­werb mit dem Luft­ge­wehr kon­zen­trie­ren. 60 Schuss in der Qua­li­fi­ka­ti­on sind ihm si­cher. „Wer ins Fi­na­le will, muss wahr­schein­lich 626 Rin­ge er­zie­len.“Wem dies ge­lingt, der kann im Fi­na­le für ei­ne Über­ra­schung sor­gen – wie die jun­ge Ame­ri­ka­ne­rin Vir­gi­na Thras­her.

Fo­to: Fri­so Gentsch, dpa

Michael Jan­ker weiß: „Bei Olym­pia ge­winnt meis­tens der­je­ni­ge, der sich am we­nigs­ten in die Ho­se macht.“

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