Trau­ri­ger Ab­gang

Mit Mar­co Koch ent­täuscht auch die größ­te deut­sche Me­dail­len­hoff­nung. Die Stim­mung im deut­schen La­ger ist denk­bar schlecht. Der Bun­des­trai­ner hin­ter­fragt sei­ne Ar­beit, will das „sin­ken­de Schiff“aber nicht ver­las­sen

Friedberger Allgemeine - - Olympische Spiele 2016 - VON ANDRE­AS KORNES ako@augs­bur­ger-all­ge­mei­ne.de

Rio de Janei­ro Aus der stän­di­gen Olym­pia-Tris­tesse der leid­ge­plag­ten deut­schen Schwim­mer gibt es nur ei­nen Aus­weg. „Das Sys­tem muss sich än­dern, sonst sind wir im Leis­tungs­sport nicht mehr exis­tent“, warn­te Chef­bun­des­trai­ner Hen­ning Lam­bertz. Nach Welt­re­kord­ler Paul Bie­der­mann und Eu­ro­pa­meis­te­rin Fran­zis­ka Hent­ke stach auch der höchs­te Trumpf nicht. Statt der an­ge­peil­ten Me­dail­le ging Welt­meis­ter Mar­co Koch als Sieb­ter über 200 Me­ter Brust leer aus.

Wie vor vier Jah­ren steu­ern die deut­schen Be­cken­schwim­mer auf ei­ne Bi­lanz oh­ne Me­dail­le zu. Die Spie­le von Pe­king 2008 wa­ren noch von Brit­ta Stef­fens Dop­pelgold über­strahlt. Da­nach wur­de es fins­ter. „Am meis­ten tun mir die Fans leid, die nachts um drei auf­ste­hen, um sich so was an­zu­schau­en“, sag­te Lam­bertz.

Im­mer­hin schraub­ten Rü­cken­schwim­mer Chris­ti­an Die­ner und La­gen­schwim­mer Phi­lip Heintz die Zahl der Fi­nal­plät­ze in Rio auf fünf. Aber das trös­te­te nicht über die 2:08,00 Mi­nu­ten von Koch beim Olym­pia­sieg des Ka­sa­chen Di­mi­tri Ba­lan­din hin­weg. „Das Ein­zi­ge, was mich trau­rig macht, ist, dass ich die­ses Jahr zwei- oder drei­mal schnel­ler war. Es är­gert mich, dass ich hier nicht mein Bes­tes zei­gen konn­te“, sag­te Koch und dach­te be­reits auf dem Weg aus der Hal­le schon an die Spie­le 2020: „In vier Jah­ren ist To­kio. Ich fan­ge mor­gen mit dem Trai­ning an – so un­ge­fähr.“

Bis da­hin ist auch die Ar­beit von Lam­bertz aus­ge­legt. „Ich den­ke nicht dar­über nach, das sin­ken­de Schiff zu ver­las­sen“, be­ton­te der 45-Jäh­ri­ge. „Aber auch ich muss mich ja hin­ter­fra­gen und will auf kei­nen Fall Schuld von mir wei­sen.“

Er will die deut­schen Schwim­mer bis 2020 zu­rück an die Welt­spit­ze füh­ren. Nach den trä­nen­rei­chen Wett­kampf­ta­gen im Olym­pic Aqua­tics Sta­di­um fällt es schwer, an ei­nen Er­folg des am­bi­tio­nier­ten Pro­jekts zu glau­ben. „Es ist Zeit, ei­nen mas­si­ven Kurs­wech­sel ein­zu­lei­ten. Wir re­den schon seit vie­len Jah­ren von ei­nem Kurs­wech­sel“, sag­te

Fran­zis­ka van Alm­sick. Zwar gab es ehr­ba­re Er­fol­ge bei EM und WM, aber Olym­pia sei eben noch ein­mal ei­ne an­de­re Li­ga.

Ei­ne ers­te Ve­rän­de­rung ist ein­ge­lei­tet: Ein Eli­te­team, wie es Bie­der­mann, Eu­ro­pa­meis­te­rin Fran­zis­ka Hent­ke und Koch bil­de­ten, wird es wohl nicht mehr ge­ben. Auf­grund ih­rer Er­fol­ge durf­ten sich die Leis­tungs­trä­ger weit­ge­hend nach ei­ge­nen Wün­schen und Vor­stel­lun­gen vor­be­rei­ten. Oh­ne olym­pi­schen Er­folg. „Auf dem Sil­ber­ta­blett wird uns die Me­dail­le prä­sen­tiert, aber wir wol­len sie nicht. Wir neh­men die Fin­ger wie­der weg und grei­fen nicht zu“, ha­der­te Lam­bertz.

In der Nach­wuchs­ar­beit wur­den in den ver­gan­ge­nen Jah­ren – et­wa mit der Bil­dung ei­nes Per­spek­tiv­teams – Än­de­run­gen an­ge­sto­ßen, die sich in To­kio dann aber auch aus­zah­len müs­sen. Ins­ge­samt tref­fen den Schwimm­sport mit ei­ner ge­wal­ti­gen in­ter­na­tio­na­len Kon­kur­renz­si­tua­ti­on die Schwä­chen des Leis­tungs­sport­sys­tems in Deutsch­land be­son­ders hart. Lam­bertz wünscht sich mehr Geld für sei­ne Sport­art. Aber auch neue Ide­en und Lö­sungs­kon­zep­te müs­sen ge­fun­den wer­den, sonst ver­sinkt der deut­sche Schwimm­sport in der olym­pi­schen Be­deu­tungs­lo­sig­keit.

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