Mär­chen vom An­ders­sein

Ni­na Bla­zon „Sil­fir“spielt in Is­land und ver­bin­det die Welt der El­fen mit der Rea­li­tät

Friedberger Allgemeine - - Jugendbücher - Fo­to: Ran­dom Hou­se/Isa­bel­le Gru­bert

Der An­fang ist nicht un­be­dingt er­folgs­ver­spre­chend. Gam­mel­hai gibt’s für Fa­bio und sei­nen Bru­der Tom zur Be­grü­ßung in Is­land, wo die Fa­mi­lie Ur­laub ma­chen will. Die In­sel aus Feu­er und Eis zeigt sich nicht ge­ra­de von ih­rer bes­ten Sei­te. Auch die Toch­ter der Ver­mie­te­rin, Elin, scheint eher son­der­bar. Und dann hat Fa­bio ein paar merk­wür­di­ge Be­geg­nun­gen, die ihn so­gar in Le­bens­ge­fahr brin­gen. Wäh­rend Tom und Elin sich an­freun­den, fin­det Fa­bio in dem selt­sa­men Jun­gen Han­sen schein­bar ei­nen „Bru­der im Geis­te“. So­weit so gut. Doch dann über­stür­zen sich die Er­eig­nis­se.

Fa­bio crasht aus Ver­se­hen den Com­pu­ter ei­nes coo­len Typs, den er in ei­nem Ca­fé be­ob­ach­tet hat und er pro­biert des­sen Wolfs­helm auf. Prompt wird er ins El­fen­reich ge­beamt, denn der Jun­ge ist ein Elf, und der Wolfs­helm kann sich auch in ei­nen ech­ten Wolf ver­wan­deln. In Ni­na Bla­zons neu­em Ro­man „Sil­fur“ver­schwimmt die Gren­ze zwi­schen Mär­chen und Rea­li­tät. Kein Wun­der, spielt der Ro­man doch auf Is­land, der In­sel, wo nach dem Glau­ben vie­ler Ein­hei­mi­scher noch El­fen und Trol­le le­ben. Fa­bio je­den­falls kann El­fen se­hen, an­ders als Tom. Da­für ist der jün­ge­re Bru­der ein Über­flie­ger in der Schu­le, und er droht dem klein­wüch­si­gen Fa­bio schnell über den Kopf zu wach­sen.

Vi­el­leicht be­hält Fa­bio auch des­halb sein Ge­heim­nis für sich und be­ob­ach­tet die El­fen­ban­de von Fer­ne. Da­bei fällt ihm auf, dass die Jungs und Mä­dels nicht nur ähn­lich aus­se­hen wie die Men­schen­kin­der, son­dern auch of­fen­sicht­lich die glei­chen In­ter­es­sen ha­ben: Sel­fies, Han­dys, Mu­sik und Mo­de. Ei­gent­lich ganz sym­pa­thisch, wä­re da nicht Han­sens Hass auf das „Hul­dufolk“, wie die Is­län­der die El­fen nen­nen. Un­ver­mit­telt ge­rät Fa­bio in ein Aben­teu­er, bei dem es um Le­ben und Tod geht und das er nicht oh­ne die Hil­fe von Tom und Elin be­ste­hen kann. Und zum ers­ten Mal er­kennt der 13-Jäh­ri­ge, dass er sich selbst klein ge­macht hat, weil er im­mer so sein woll­te wie sein Bru­der und dass er viel er­rei­chen kann, wenn er sein An­ders­sein an­nimmt. Auch die ewig hib­be­li­ge Elin muss ak­zep­tie­ren, dass sie an­ders ist als die Kin­der der is­län­di­schen Nach­barn.

In Ni­na Bla­zons Fan­ta­sy-Aben­teu­er wird die Fe­en­welt Is­lands Wirk­lich­keit. Denn al­le Or­te, die sie be­schreibt gibt es tat­säch­lich. Das Kon­zert­haus Har­pa in Reyk­ja­vik­zum Bei­spiel, das Fa­bio wie ein gi­gan­ti­sches Ro­bot-Ufo er­scheint, oder wie ein schwar­zer To­des­stern. Die­se Ver­or­tung in der Rea­li­tät macht das Mär­chen so zeit­nah. Zugleich er­mög­licht die Fe­en­welt Ni­na Bla­zon, sich mit dem The­ma An­ders­sein zu be­schäf­ti­gen: Die Men­schen wie auch die Fe­en leh­nen den je­weils an­de­ren ab, schot­ten sich ge­gen­ein­an­der ab statt sich zu ver­stän­di­gen. Das führt zu Miss­ver­ständ­nis­sen, so­gar zu Tra­gö­di­en. Fa­bio ge­lingt es, die bei­den Wel­ten mit­ein­an­der zu ver­söh­nen. Ei­ne eben­so zau­ber­haf­te wie span­nen­de Lek­ti­on in Sa­chen To­le­ranz.

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Ni­na Bla­zon: Sil­fur – Die Nacht der sil­ber­nen Au­gen, cbt, 475 Sei­ten, 16,99 Eu­ro – ab 11

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