Was Wöl­fe und Men­schen ge­mein­sam ha­ben

An ei­nem In­sti­tut bei Wi­en un­ter­su­chen Bio­lo­gen, wie die Raub­tie­re den­ken, und ver­glei­chen ihr Ver­hal­ten mit dem von Hun­den. Was ei­ne For­sche­rin aus der Re­gi­on da­mit zu tun hat und wes­halb die Tie­re Com­pu­ter spie­len

Friedberger Allgemeine - - Mensch & Tier - VON SE­BAS­TI­AN MAYR

Wi­en/Augs­burg Wenn sie könn­ten, wür­den die Wöl­fe von Ernst­brunn den gan­zen Tag Com­pu­ter spie­len. Sagt zu­min­dest Kurt Ko­trschal. Der Bio­lo­gie­pro­fes­sor der Uni Wi­en ist ei­ner der drei Grün­der und Lei­ter des Wolf Sci­ence Cen­ter (WSC). Im Wild­park von Ernst­brunn, et­wa 40 Ki­lo­me­ter von der ös­ter­rei­chi­schen Haupt­stadt ent­fernt, er­for­schen Ko­trschal und sei­ne Kol­le­gen, wie Wöl­fe den­ken.

Dass die Wöl­fe Com­pu­ter spie­len, ist Teil der For­schung: Auf TouchBild­schir­men müs­sen die Tie­re Din­ge er­ken­nen und zum Bei­spiel das Grö­ße­re mit der Schnau­ze an­tip­pen. Den glei­chen Ver­such ma­chen die For­scher mit Hun­den, um Ver­glei­che an­stel­len zu kön­nen. Die Wis­sen­schaft­ler be­ob­ach­ten die Tie­re und ihr Ver­hal­ten auch in an­de­ren Si­tua­tio­nen. Je­den Tag trai­nie­ren Men­schen und Wöl­fe ge­mein­sam. Die For­scher ru­fen die Tie­re, wenn ein Trai­ning an­steht. Je­der Wolf hört auf ei­nen Na­men. Hat er Lust auf das Trai­ning, kommt er. Die Wöl­fe kom­men fast im­mer.

Mär­chen­fi­gu­ren, Be­glei­ter von Göt­tern, Trans­por­teu­re von See­len. In den Kul­tu­ren et­li­cher Völ­ker spie­len Wöl­fe ei­ne Rol­le. Mal sind sie mäch­tig und be­wun­derns­wert, mal bö­se und grau­sam. Wie ist das „Wöl­fe sind kei­ne Ku­schel­tie­re, aber sie sind auch kei­ne rei­ßen­den Bes­ti­en“, sagt Ko­trschal. Für den Pro­fes­sor und sei­ne Kol­le­gen steht fest: „Es gibt kein Tier, das dem Men­schen ähn­li­cher ist.“Men­schen wie Wöl­fe le­ben in Fa­mi­li­en­grup­pen, sind lie­be­voll in der Auf­zucht ih­res Nach­wuch­ses und grau­sam in der Kriegs­füh­rung. Zu­dem le­ben Men­schen seit 35 000 Jah­ren mit Ab­kömm­lin­gen von Wöl­fen zu­sam­men: mit Hun­den.

Dass Men­schen sich stark von Wöl­fen fas­zi­nie­ren las­sen, nut­zen die Wis­sen­schaft­ler zur Fi­nan­zie­rung des For­schungs­zen­trums: Ein­tritts­gel­der und be­zahl­te Füh­run­gen für Be­su­cher­grup­pen ma­chen ne­ben Spen­den ei­nen Groß­teil der rund 500 000 Eu­ro aus, die das WSC jähr­lich be­nö­tigt. För­der­gel­der spie­len ei­ne ge­rin­ge­re Rol­le. Die un­ter­neh­me­ri­sche Ver­ant­wor­tung tra­gen die Lei­ter des WSC bis­lang selbst. Zum 1. April än­dert sich das: Die Ve­te­ri­när­me­di­zi­ni­sche Uni­ver­si­tät Wi­en über­nimmt die Trä­ger­schaft. Die For­schung bleibt in den Hän­den von Ko­trschal und sei­nen Kol­le­gen.

Das WSC legt Wert aufs Wohl der Tie­re. Die Ge­he­ge sind grö­ßer als die in Zoos. Die täg­li­chen Trai­nings sol­len da­zu bei­tra­gen, die Wöl­fe zu geis­tig för­dern und so de­ren Wohl­be­fin­den zu stei­gern. Zu­dem kön­nen die Tie­re ad­op­tier­te Wel­pen auf­zie­hen. Sich um den Nach­wuchs zu küm­mern, ist ein wich­ti­ger Be­stand­teil im so­zia­len Le­ben der Wöl­fe.

All die Trai­nings und Ex­pe­ri­men­te am WSC die­nen da­zu, zwei zen­tra­len Fra­gen über Wöl­fe auf den Grund zu ge­hen: „Wie ti­cken sie, wie or­ga­ni­sie­ren sie Ko­ope­ra­ti­on?“, fasst Ko­trschal zu­sam­men. Zum Team der Wis­sen­schaft­ler, das die­sen Fra­gen nach­spürt, ge­hör­te bis En­de Fe­bru­ar auch ei­ne jun­ge Frau aus der Re­gi­on: Die in Kis­sing auf­ge­wach­se­ne Lui­sa Hof­ber­ger forsch­te für ih­re Mas­ter­ar­beit acht Mo­na­te lang in Ernst­brunn. In ih­rem Pro­jekt, das Teil ei­ner grö­ße­ren For­schungs­ar­beit ist, be­ob­ach­te­te sie die Hier­ar­chie von Hun­den un­ter­ein­an­der. Hof­ber­gers Er­geb­nis wird mit der Be­ob­ach­tung von Wöl­fen ver­g­li­chen. „Es geht um Un­ter­schie­de und Ge­mein­sam­kei­ten und um die Fra­ge, was der Hund vom Wolf hat und was vom Men­schen“, be­schreibt sie den Hin­ter­grund des Pro­jekts. Die 26-Jäh­ri­ge stu­diert an der Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen Ver­hal­tens­bio­lo­gie und wur­de durch ei­ne Freun­din auf das WSC auf­merk­sam. Sie be­warb sich, wur­de ge­nom­men und ist be­geis­tert. „Es war für acht Mo­na­te mein Zu­hau­se“, sagt sie.

Das WSC ist die welt­weit ein­zi­ge Ein­rich­tung die­ser Art. Nur in Batt­le Ground im ame­ri­ka­ni­schen Bun­wirk­lich? des­staat In­dia­na wird eben­falls nach in­ter­na­tio­na­len wis­sen­schaft­li­chen Stan­dards über Wöl­fe ge­forscht. An­ders als in Ernst­brunn sind die Tie­re dort nicht von Hand auf­ge­zo­gen. Die­se Auf­zucht bie­tet aus Ko­trschals Sicht je­doch die ein­zi­ge Chan­ce, so for­schen zu kön­nen. „Sie kön­nen mit den Wöl­fen na­he­zu al­les ma­chen, weil die an Ko­ope­ra­ti­on mit Men­schen ge­wöhnt sind“, er­klärt der Bio­lo­ge. Er­wach­se­ne Wöl­fe könn­ten sich zwar an Men­schen ge­wöh­nen. Ver­trau­en bau­en sie aber nur auf, wenn sie von Men­schen auf­ge­zo­gen wer­den.

Weil das Den­ken der Tie­re in ih­ren Ge­nen an­ge­legt ist, macht es nichts, dass die Tie­re in Ernst­brunn nie in frei­er Wild­bahn ge­lebt ha­ben. Et­wa am zehn­ten Le­bens­tag der Wolf­wel­pen über­neh­men die Men­schen die Auf­zucht. Die Au­gen der Tie­re sind zu die­ser Zeit noch ge­schlos­sen, sie sol­len sich zu­nächst an den Ge­ruch der Men­schen ge­wöh­nen. Auf­ge­zo­gen wer­den die Tie­re, wie es die Wöl­fe selbst tä­ten: lie­be­voll und oh­ne Ge­walt. Nicht ein­mal ein „Nein“oder „Pfui“be­kom­men die Wel­pen zu hö­ren. „Al­le Leu­te, die Wöl­fe do­mi­niert ha­ben, sind frü­her oder spä­ter in den Hin­tern ge­bis­sen wor­den“, sagt Ko­trschal. Die für­sorg­li­che Auf­zucht hat ei­nen wei­te­ren Grund: „Angst ist nicht gut für die ko­gni­ti­ve Leis­tung“. Die soll schließ­lich er­forscht wer­den.

Die Tie­re am Wolfs­for­schungs­zen­trum in Ernst­brunn ver­trau­en den Trai­nern und den Wis­sen­schaft­lern. Wolf Wam­blee übt mit Ma­ri­an­ne He­ber­lein (gro­ßes Bild), Wolf Na­nuk und Trai­ne­rin Ri­ta Takács be­grü­ßen ein­an­der (Bild rechts oben). Bei ei­nem Ex­pe­ri­ment müs­sen Wöl­fe Din­ge auf Touch Bild­schir­men er­ken­nen und den rich­ti­gen Mo­ni­tor be­rüh­ren (Bild rechts un­ten).

Fo­tos: Rooo­bert Bay­er

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