Bern­hard Sch­link: Die Frau auf der Trep­pe (5)

Friedberger Allgemeine - - Wetter | Roman -

Ich fuhr zu­rück nach Frankfurt und muss­te an­hal­ten und aus­stei­gen, weil ich so be­nom­men war. Das gab es al­so – ein Glück, von dem ich mir nicht hat­te träu­men las­sen, für das es nur die­se ei­ne Frau brauch­te, ih­re Nä­he, ih­re Stim­me, ih­re Nackt­heit.

Noch hat­te sie den letz­ten Schritt von der Trep­pe ih­res al­ten Le­bens in ein neu­es Le­ben nicht ge­macht – wenn sie ihn in mein Le­ben ma­chen wür­de! Und wenn sie je­den Mor­gen wie­der so in mein Le­ben tre­ten wür­de und in mei­ne Ar­me!

Nach­dem der Chef der De­tek­tei mich bis Mitt­woch­abend nicht an­ge­ru­fen hat­te, rief ich ihn am Don­ners­tag­mor­gen an. Ein paar Mal ver­ge­bens – erst nach zehn er­reich­te ich ei­ne Se­kre­tä­rin, die mich mit dem mo­bi­len Te­le­fon des Chefs ver­band. Ich hat­te ge­dacht, ei­ne gu­te De­tek­tei hät­te ei­ne Zen­tra­le, die rund um die Uhr oder doch vom frü­hen Mor­gen an be­setzt ist.

„Ich sag­te Ih­nen, es kann ein paar Ta­ge dau­ern.“

„Ich muss heu­te zu­rück nach Deutsch­land.“

„Ich ha­be Ih­re Te­le­fon­num­mer. Ge­ben Sie mir auch Ih­re E-Mail­Adres­se? Ich be­nach­rich­ti­ge Sie so­fort, wenn ich et­was ha­be.“

„Soll ich noch mal hier­her­flie­gen?“Er lach­te. „Das liegt bei Ih­nen.“Er lach­te be­hag­lich, und ich stell­te mir ei­nen äl­te­ren Herrn mit Bauch und Glat­ze vor. Soll ich noch mal hier­her­flie­gen – was für ei­ne tö­rich­te Fra­ge. Ich gab mei­ne E-Mail­Adres­se an und leg­te auf. Dann stand ich am Fens­ter und sah auf den Ha­fen, das Opern­haus mit den ge­bläh­ten Se­geln aus Be­ton, die blaue Bucht mit klei­nen und gro­ßen Schif­fen und am En­de der Bucht den grü­nen Strei­fen Land, hin­ter dem das of­fe­ne Meer lag. Die Son­ne schien.

Ich konn­te das Früh­stück aus­fal­len las­sen, im Re­stau­rant im Bo­ta­ni­schen Gar­ten früh zu Mit­tag es­sen und mich da­nach wie­der ins Gras le­gen. Ich konn­te in dem Le­der- und Kof­fer­ge­schäft, an dem ich un­weit des Ho­tels vor­bei­ge­gan­gen war, ei­nen klei­nen Ruck­sack, in der Buch­hand­lung ein Buch und in der Wein­hand­lung ei­ne Fla­sche Rot­wein kau­fen und le­sen und trin­ken und ein­schla­fen und auf­wa­chen.

Ich dach­te an den Flug, den ich am Nach­mit­tag neh­men soll­te, an die An­kunft am nächs­ten Mor­gen, die Fahrt nach Hau­se, das Auf­schlie­ßen, das Au­s­pa­cken, das Du­schen, die Lek­tü­re der Post im Haus­man­tel, das Ra­sie­ren und An­zie­hen, die Fahrt in die Kanz­lei und die Be­grü­ßung durch das Per­so­nal. Ich dach­te an die Wor­te, die ich mit dem Fah­rer wech­seln wür­de, sei­ne Fra­ge, ob ich ei­ne an­ge­neh­me Rei­se ge­habt hät­te, und mei­ne, ob in Frankfurt et­was pas­siert wä­re. Ich dach­te an die Blu­men, die mei­ne Se­kre­tä­rin auf mei­nen Schreib­tisch stel­len wür­de.

Ich dach­te an das Ri­tu­al des Heim­keh­rens, und es mach­te mich trau­rig. Ich hat­te es all die Jah­re ge­treu­lich be­folgt, und die Jah­re selbst wa­ren ein ge­treu­lich be­folg­tes Ri­tu­al ge­wor­den, Fall um Fall, Man­dant um Man­dant, Ver­trag um Ver­trag. Un­ter­neh­mens­zu­sam­men­schlüs­se und -über­nah­men – das war, wo­rin ich gut war, wo­für die Man­dan­ten zu mir ka­men und wo­rum es in den Ver­trä­gen ging. Ich hat­te über die Jah­re die Punk­te ge­lernt, die es zu be­den­ken, die Fra­gen, die es zu stel­len galt. Ich be­dach­te im­mer wie­der die­sel­ben Punk­te und stell­te im­mer wie­der die­sel­ben Fra­gen. Pro­ble­me gab es nur, wenn die an­de­re Sei­te zu trick­sen ver­such­te. Aber ich hat­te auch die Tricks ge­lernt.

Ich rief den Chef mei­ner Frank­fur­ter Rei­se­agen­tur an. Es war viel zu spät, ihn im Bü­ro zu er­rei­chen, aber ich er­reich­te ihn zu Hau­se. Er kön­ne mei­nen Flug ver­schie­ben, aber nur auf ein an­de­res Da­tum. Wann ich denn flie­gen wol­le? Ich wis­se es noch nicht? Dann ver­le­ge er ihn ein­fach um zwei Wo­chen, er kön­ne ihn je­der­zeit wei­ter nach hin­ten oder wie­der nach vor­ne ver­schie­ben. Er wün­sche mir ei­ne gu­te Zeit.

Ich zog den An­zug an, den ich ges­tern ge­tra­gen hat­te, knitt­rig und mit Gras- und Erd­fle­cken. Plötz­lich mach­te mir mei­ne Ent­schei­dung, nicht zu flie­gen, Angst. Plötz­lich er­schie­nen mir die Ri­tua­le, de­nen ich beim Ar­bei­ten und beim Heim­keh­ren und beim Auf­bre­chen und in mei­ner Freizeit folg­te, als das Ein­zi­ge, was mein Le­ben zu­sam­men­hielt. Wie soll­te ich oh­ne sie le­ben? Soll­te ich – aber ich mach­te die Ver­schie­bung mei­nes Flugs nicht rück­gän­gig.

Ich konn­te den Tag nicht im Bo­ta­ni­schen Gar­ten ver­brin­gen, oh­ne in die Art Gal­le­ry zu ge­hen. Wie­der stand ich vor dem Bild, und wie­der mach­te die Frau mich ver­le­gen. Nicht, weil sie nackt war, und nicht, weil sie mich an das er­in­ner­te, was da­mals ge­sche­hen war. Son­dern weil ich ei­ne an­de­re sah als die, der ich da­mals be­geg­net war und die ich bis­her ge­se­hen hat­te. Wo hat­te ich mei­ne Au­gen ge­habt?

Die Frau kommt auf dem Bild nicht die Trep­pe her­ab, um Kla­vier zu spie­len oder Tee zu trin­ken, und auch nicht, weil ihr Ge­lieb­ter sie un­ten freu­dig er­war­tet. Sie kommt die Trep­pe mit ge­neig­tem Kopf und nie­der­ge­schla­ge­nen Au­gen her­ab, als wer­de sie da­zu ge­zwun­gen, ha­be sich aber dar­ein­ge­schickt. Als ha­be sie wi­der­stan­den, den Wi­der­stand aber auf­ge­ge­ben, weil der, der Ge­walt über sie hat, zu mäch­tig ist. Als kön­ne sie nur noch mit Sanft­mut, Ver­füh­rung und Hin­ga­be um Scho­nung wer­ben.

Wo­bei sie ge­wär­ti­gen muss, ein­fach ge­nom­men zu wer­den. Oder möch­te sie das so­gar? Oh­ne es dem an­de­ren oder auch nur sich selbst ein­zu­ge­ste­hen?

Ich ha­be ein­mal in ei­nem Mu­se­um Bil­der des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts von wei­ßen Skla­vin­nen in ara­bi­schen oder tür­ki­schen Ha­rems ge­se­hen. Säu­len, Mar­mor, Pols­ter, Fä­cher, die Frauen nackt, in las­zi­ver Hal­tung und mit un­er­gründ­li­chen Au­gen.

Kitsch, fand ich. War auch die Frau, die die Trep­pe her­ab- und mir ent­ge­gen­kam, Kitsch? Ich weiß es nicht. Das Durch­ein­an­der von Ge­walt und Ver­füh­rung, Wi­der­stand und Hin­ga­be mach­te mich ver­le­gen. Es war kein Terrain, auf dem ich Frauen je­mals be­geg­net bin. Es pass­te nicht zu dem, wie ich Ire­ne Gund­lach da­mals er­lebt hat­te. Oder hat­te ich da­mals al­les falsch ver­stan­den?

Ich moch­te nicht dar­über nach­den­ken. Zum Glück hat­te ich das Buch und den Rot­wein da­bei. Ich le­se kei­ne Ro­ma­ne, son­dern Bü­cher über Ge­schich­te. Was wirk­lich ge­sche­hen ist, ist doch et­was an­de­res, als was Men­schen sich aus­den­ken. Wenn wir von der Ge­schich­te ler­nen, ler­nen wir von der Wirk­lich­keit, nicht von manch­mal ge­nia­len, oft al­ber­nen Hirn­ge­spins­ten.

Und wer meint, Ro­ma­ne sei­en far­bi­ger als Ge­schich­te, strengt sei­ne Phan­ta­sie nicht an und stellt sie sich nicht vor: Cä­sar, der Bru­tus wie ei­nen Sohn liebt und von ihm er­dolcht wird, die Az­te­ken, die von den Krank­hei­ten der Wei­ßen heim­ge­sucht und de­zi­miert wer­den, ehe sie ih­nen im Kampf be­geg­nen, die Frauen und Kin­der, die im Ge­fol­ge von Na­po­le­ons Ar­mee beim Über­gang über die Be­re­si­na in den Schnee ge­tram­pelt oder ins ei­si­ge Was­ser ge­sto­ßen wer­den.

»6. Fort­set­zung folgt

Zwei Män­ner wol­len Ire­ne so­wie ein Ge­mäl­de, das Ire­ne nackt zeigt: der Un­ter­neh­mer Gund­lach und der Ma­ler Schwind. Ein An­walt soll ver­mit­teln; er lernt eben­falls, Ire­ne zu lie­ben…

Aus: Bern­hard Sch­link Die Frau auf der Trep­pe © 2014 by Dio­ge­nes Ver­lag AG Zü­rich

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