95 Jah­re klei­der­los in Kis­sing

Der Sport­bund He­li­os be­geht am Wo­che­n­en­de ein gro­ßes Ju­bi­lä­um. Bei den Fei­er­lich­kei­ten blei­ben die Ho­sen aus­nahms­wei­se an. Was ge­bo­ten ist

Friedberger Allgemeine - - Mering | Kissing - VON ELI­SA MA­DE­LEI­NE GLÖCKNER

Kis­sing Na­tür­lich nackt – so lau­tet das Mot­to der Na­tu­ris­ten vom Sport­bund He­li­os. Und zwar schon seit 95 Jah­ren. Am kom­men­den Sams­tag wird das Ju­bi­lä­um auf dem Ver­eins­ge­län­de ge­fei­ert. Or­dent­lich und aus­gie­big, wie der Ver­eins­vor­sit­zen­de Pe­ter Wid­mann ver­spricht. Al­ler­dings nicht nackt. Adams- und Eva­kos­tüm wer­den wäh­rend der Fei­er­lich­kei­ten aus­nahms­wei­se pau­sie­ren.

Der Ur­sprung des klei­der­frei­en Sport­bunds reicht vie­le Jah­re zu­rück. Den­noch: „Manch Ein­hei­mi­scher weiß im­mer noch nicht, was sich hin­ter dem Zaun ver­birgt“, sagt Pe­ter Wid­mann und lacht. Da­bei hat al­les schon 1922 be­gon­nen. „Mit ei­nem Sumpf“, wie der Vor­sit­zen­de be­tont. Da­mals hät­ten die Men­schen her­aus­ge­fun­den, dass es schön ist, sich (tex­til-) frei be­we­gen zu kön­nen. Über die Zeit hin­weg ha­be sich aus die­sem über­schau­ba­ren Grüpp­chen ein an­sehn­li­cher Ver­ein ent­wi­ckelt. „Be­son­ders in den 70er Jah­ren ist die FKK-Be­we­gung ex­plo­diert“, er­zählt Pe­ter Wid­mann. Mit bis zu 800 Mit­glie­dern hat­te auch der Sport­bund He­li­os ei­ne neue Di­men­si­on er­reicht. Heu­te gibt es nur noch we­ni­ge Ver­ei­ne die­ser Grö­ßen­ord­nung. „Und wenn, sind die­se eher kom­mer­zi­ell“, sagt der Vor­sit­zen­de.

En­de der 90er droh­te He­li­os ins Schwan­ken zu ge­ra­ten. Die Mit­glie­der­zah­len san­ken. 2012 zähl­te der Ver­ein nur noch 195 Mit­glie­der. Ein Bild, dass sich in der ge­sam­ten Frei­kör­per-Be­we­gung bis heu­te ab­zeich­net. „Ge­ne­rell herrscht Mit­glie­der­schwund“, be­merkt Wid­mann. Nicht aber beim Sport­bund na­he des Weit­mann­sees: „Bei uns zeigt sich ein Auf­wärts­trend“, be­tont der Vor­sit­zen­de. In­zwi­schen be­we­gen sich wie­der 240 Mit­glie­der auf dem 70 000 Qua­drat­me­ter gro­ßen Are­al am Ran­de der Kis­sin­ger Hei­de. Pe­ter Wid­mann freut sich über die­sen neu­en Na­tu­ris­ten­nach­wuchs: „Wir konn­ten vor al­lem Fa­mi­li­en mit Kin­dern und Men­schen mitt­le­ren Al­ters für un­se­ren Sport­bund gewinnen.“

Ei­nes die­ser Mit­glie­der ist Ni­co­le. Sie ist seit Ju­li 2013 Teil des Ver­eins – und liebt es. Man kön­ne so sein, wie man ist, fin­det die 48-Jäh­ri­ge. „Man muss sich nicht ver­kramp­fen oder ver­stel­len.“Was ihr hier be­son­ders ge­fällt? Puh, sie winkt ab. „Das Ge­län­de, die Ru­he, die Gesellschaft, ja so­gar die Ar­beit.“Die Ar­beit? Die Ar­beit. „Ma­ler­ar­bei­ten auf dem Ge­län­de ent­span­nen mich“, sagt die Ber­li­ne­rin und schmun­zelt.

Grün­de für den ra­schen Zu­wachs sieht Wid­mann in der Auf­stel­lung des Ver­eins: „Wir ha­ben ein tolles Ver­hält­nis zur Ge­mein­de, ei­ne zen­tra­le La­ge und ei­ne gu­te In­fra­struk­tur in Kis­sing.“Auf dem Ver­eins­ge­län­de selbst ha­be au­ßer­dem je­der sein ei­ge­nes Reich. Da­zu kom­men die vie­len Mög­lich­kei­ten der Frei­zeit­ge­stal­tung: Ne­ben In­dia­ca und Beach­vol­ley-Ball gibt es Boule, Bad­min­ton oder Fuß­ball. Von grö­ße­rer Be­deu­tung für die Mit­glie­der und dem Vor­sit­zen­den ist al­ler­dings die so­zia­le Kom­po­nen­te des Ver­eins­le­bens: „Vie­le un­se­re Mit­glie­der be­fin­den sich jen­seits der 70“, er­klärt Wid­mann. Die Ein­bin­dung die­ser Men­schen und das Zu­sam­men­brin­gen von Alt und Jung sei für He­li­os be­son­ders wich­tig. „Vom Klein­kind bis zum Se­ni­or – das se­hen wir in un­se­rem Auf­ga­ben­ge­biet.“

Die Nackt­heit soll nicht pro­vo­zie­ren

Seit fast hun­dert Jah­ren ze­le­briert der Sport­bund He­li­os nun schon ei­nen tex­tilf­rei­en Le­bens­stil. „Das ist ei­ne stolze Zahl“, be­kräf­tigt Pe­ter Wid­mann – und ei­ne Be­stär­kung für die Phi­lo­so­phie des Ver­eins. So ver­su­che man bei He­li­os den Sport, das Fa­mi­li­en­le­ben, die Ge­ne­ra­tio­nen und die Na­tur mit­ein­an­der zu ver­bin­den. „Oh­ne Zwang“, so Wid­mann. „Hier kön­nen Kin­der die Na­tur ken­nen- und schät­zen­ler­nen.“Hier be­kom­me man die Chan­ce, ei­nem Reh­bock, den Eis­vo­gel und ver­schie­de­ne Spech­t­ar­ten zu se­hen. „Ab und an be­geg­net dir auch der Bie­ber am Teich“, so der Ver­eins­vor­sit­zen­de wei­ter. Hier herrscht Na­tur pur. Seit 95 Jah­ren.

Am kom­men­den Sams­tag, 12. August, wird das ge­fei­ert: „Wir wol­len un­se­ren Gäs­ten ein Fest bie­ten“, be­kräf­tigt Wid­mann. 250 Be­su­cher wer­den er­war­tet. „Des­halb wird Tex­til­zwang herr­schen“, sagt der Vor­sit­zen­de. Der Grund? „Um nie­man­den mit Nackt­heit zu pro­vo­zie­ren.“Zu­ge­hen wird es den­noch bunt. Und sport­lich. Denn par­al­lel zu den Fei­er­lich­kei­ten fin­det das vier­te Schwa­ben­tur­nier im Pé­tan­que – dem Leit­sport des Na­tu­ris­ten­ver­bunds – statt. In­des sorgt die Blas­ka­pel­le Die Kis­sin­ger für Stimmung im Fest­zelt.

Fo­to: Eli­sa Glöckner

Grü­ne Idylle: Seit 95 Jah­ren ver­brin­gen die Mit­glie­der des Sport­bunds He­li­os ih­re Som­mer­stun­den mit Sport, Spaß und Gesellschaft auf dem Ver­eins­ge­län­de. Ob mit oder oh­ne Klei­dung, ent­schei­det je­der selbst.

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