Ge­gen Gaf­fer

Um Schau­lus­ti­gen den Blick auf Un­fäl­le zu ver­weh­ren, star­tet Bay­erns Ver­kehrs­mi­nis­ter Joa­chim Herr­mann ein Pi­lot­pro­jekt mit Sicht­schutz­wän­den. Doch brin­gen die­se wirk­lich et­was?

Friedberger Allgemeine - - Bayern -

Münchberg/Coburg Ein Un­fall mit ei­nem Feu­er­wehr­au­to, ein Mann stirbt: Für die Ret­tungs­kräf­te in Coburg ist es an die­sem Abend ein schwe­rer Ein­satz. Und dann ma­chen Gaf­fer zu­sätz­lich Pro­ble­me. Po­li­zist Ste­fan Probst kann auch we­ni­ge Ta­ge nach dem tra­gi­schen Un­glück im­mer noch nur mit dem Kopf schüt­teln, wenn er an die Sze­nen denkt: „Das könn­te man sich spa­ren, das ist un­nö­ti­ge Ar­beit für uns.“

Auch beim schlim­men Bus­brand mit 18 To­ten An­fang Ju­li auf der A9 ha­per­te es nicht nur an der Bil­dung der Ret­tungs­gas­se. Po­li­zei und Feu­er­wehr be­klag­ten sich auch über Gaf­fer, die auf der Ge­gen­fahr­bahn un­ge­niert ih­re Smart­pho­nes zück­ten, um Bil­der zu ma­chen und Vi­de­os zu dre­hen. Mit ih­ren Ak­tio­nen be­hin­dern sie nicht nur den Ver­kehr, in­dem sie zu­sätz­li­che Staus aus­lö­sen oder durch Ab­brem­sen so­gar Un­fäl­le ver­ur­sa­chen. Sie stö­ren auch oft die Ret­tungs­kräf­te bei ih­rer Ar­beit oder blo­ckie­ren Ret­tungs­we­ge. Und ver­let­zen die Per­sön­lich­keits­rech­te der ge­film­ten und fo­to­gra­fier­ten Op­fer.

Nun will Bay­erns In­nen­mi­nis­ter Joa­chim Herr­mann (CSU) re­agie­ren. Zwei Au­to­bahn­meis­te­rei­en im Frei­staat wer­den in ei­nem Pi­lot­pro­jekt mit Sicht­schutz­wän­den aus­ge­stat­tet, um Un­fall­stel­len vor neu­gie­ren Bli­cken zu schüt­zen. Bis zu 100 Me­ter lan­ge Sicht­bar­rie­ren kön­nen so bei schwe­ren Un­fäl­len auf­ge­baut wer­den. In ei­nem ers­ten Pro­be­lauf sol­len die Au­to­bahn­meis­te­rei­en Her­rie­den (Land­kreis Ans­bach) und Münchberg (Land­kreis Hof) mit den Bar­rie­ren aus­ge­stat­tet wer­den. Das Pro­jekt soll laut Herr­mann bis En­de 2018 lau­fen. Bei Er­folg könn­te die Pro­be­zeit aber auch ver­kürzt und schnel­ler im grö­ße­ren Stil Schutz­wän­de be­schafft wer­den.

In an­de­ren Bun­des­län­dern sind Sicht­schutz­wän­de längst Pra­xis, in Nord­rhein-West­fa­len et­wa seit 2015. Jan Vel­le­man von der Ge­werk­schaft der Po­li­zei in NRW sagt: „Die Idee ist gut und rich­tig.“Al­ler­dings sei die prak­ti­sche An­wend- bar­keit nicht so ein­fach. In der ers­ten Pha­se ei­nes schwe­ren Un­falls sei das Ri­si­ko von Fol­geun­fäl­len durch Gaf­fer be­son­ders hoch – und da sei­en in der Re­gel noch kei­ne Wän­de vor Ort. Bei län­ge­ren Ein­sät­zen und Ber­gungs­ar­bei­ten sei es je­doch gut, wenn die Sicht­schut­z­ele­men­te auf­ge­baut sei­en. „Sie sind aber kein All­heil­mit­tel.“

Der Bund pla­ne da­her jetzt auch schär­fe­re Stra­fen für die Be­hin­de­rung von Ret­tungs­kräf­ten, sag­te Herr­mann. Da­zu wol­le die Bun­des­re­gie­rung in die nächs­te Bun­des­rats­sit­zung En­de Sep­tem­ber ei­ne neue Vor­la­ge ein­brin­gen, die er­höh­te Buß­gel­der und mehr Punk­te in Flens­burg vor­se­he. Das Gaf­fen kann ei­ne Ord­nungs­wid­rig­keit sein, aber auch den Straf­tat­be­stand von un­ter­las­se­ner Hil­fe­leis­tung, ge­fähr­li­chem Ein­griff in den Stra­ßen­ver­kehr oder Ver­let­zung von Per­sön­lich­keits­rech­ten er­fül­len. „Das ist ein wei­tes Feld und meis­tens ein Sam­mel­su­ri­um meh­re­rer Tat­be­stän­de“, sagt Po­li­zist Probst.

Im Fall des töd­li­chen Un­falls von Coburg kom­me auch noch der Ver­dacht auf Nö­ti­gung und Be­lei­di­gung hin­zu. Ein Mann mit Smart­pho­ne soll ei­nen Feu­er­wehr­mann an­ge­pö­belt und mit Schlä­gen be­droht ha­ben. Be­son­ders är­gert es Probst, dass die zwei Strei­fen­po­li­zis­ten, die sich mit den Gaf­fern be­schäf­tigt ha­ben, nicht für an­de­re Ein­sät­ze zur Ver­fü­gung stan­den. „Wir kön­nen un­se­rer ur­sprüng­li­chen Auf­ga­be nicht nach­kom­men.“

Bei grö­ße­ren Un­fäl­len ge­ra­de auf Au­to­bah­nen bleibt das Gaf­fen je­doch oft un­ge­ahn­det – aus ei­nem ein­fa­chen Grund: „Die Ein­satz­kräf­te vor Ort ha­ben an­de­res zu tun“, sagt Ge­werk­schaf­ter Vel­le­man. Wo man aber Be­wei­se ha­be, wer­de kon­se­quent nach­ge­fasst. Dass Gaf­fer nicht nur ei­nen schnel­len neu­gie­ri­gen Blick auf Un­fall­stel­len rich­ten, son­dern an­hal­ten und da­mit sich und an­de­re ge­fähr­den, ha­be es schon im­mer ge­ge­ben, sagt Probst. Smart­pho­nes und so­zia­le Netz­wer­ke hät­ten das Pro­blem aber enorm ver­schärft. Clips und Fo­tos von Un­fäl­len wür­den im­mer häu­fi­ger und schnel­ler im In­ter­net ver­öf­fent­licht. „Das Aus­maß ist viel grö­ßer ge­wor­den.“

Er­fah­run­gen aus an­de­ren Län­dern gibt es be­reits

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Foto: Da­ni­el Kar­mann, dpa

So se­hen sie aus, die Sicht­schutz­wän­de, mit de­nen Ver­kehrs­mi­nis­ter Joa­chim Herr­mann (CSU) Gaf­fern auf baye­ri­schen Au­to­bah­nen die Sicht auf Un­fall­stel­len ver­weh­ren will. Es han­delt sich qua­si um blick­dich­te Bau­zäu­ne, die bei Be­darf auf­ge­stellt wer­den kön­nen.

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