Wenn der Sohn zum Kil­ler wird

Axt-Mord in Rein­bek Schwes­ter, Va­ter und Mut­ter be­rich­ten, wie sich Fe­lix B. lang­sam wan­del­te – vom ge­lieb­ten Sohn und Bru­der zum kalt­blü­ti­gen und kran­ken Mör­der. Mor­gen star­tet der Pro­zess

Hamburger Morgenpost - - HAMBURG - Von UL­RI­KE VON LESZCZYNSKI UND DA­NI­EL GÖZÜBÜYÜK

Sie hat ge­wusst, dass es in ei­ner Tra­gö­die en­det. Zwei Jah­re lang hat Le­na Bre­mer* ver­sucht, das Dra­ma auf­zu­hal­ten. Ge­mein­sam mit ih­ren El­tern woll­te sie ei­ne The­ra­pie für ih­ren kran­ken Bru­der Fe­lix B. (32) er­rei­chen, not­falls ge­gen sei­nen Wil­len. Doch al­le Be­mü­hun­gen schlu­gen fehl. Es kam zum er­war­te­ten Dra­ma: Blu­tig. Bru­tal. Krank.

Ein al­tes ver­wil­der­tes Haus an der Stem­war­der Stra­ße in Rein­bek (Kreis Stor­marn). Hier wur­de Gun­nar G. (†65) im ver­gan­ge­nen Au­gust auf bru­tals­te Wei­se er­mor­det. Mehr­mals schlug sein Mör­der mit ei­ner Axt auf ihn ein. Mut­maß­li­cher Tä­ter: sein Stief­sohn Fe­lix B. Nach sei­ner Tat soll er das To­des­Werk­zeug ein­fach ne­ben dem to­ten Kör­per lie­gen las­sen ha­ben. Nur ei­nen Tag spä­ter wur­de er in Neu­al­ler­mö­he fest­ge­nom­men.

Doch wie schuld­fä­hig ist Fe­lix B.? Ei­ne zen­tra­le Fra­ge im mor­gen in Lü­beck star­ten­den Pro­zess. Ärz­te ha­ben bei dem 32-Jäh­ri­gen ei­ne see­li­sche Krank­heit dia­gnos­ti­ziert, ei­ne pa­ra­no­ide Schi­zo­phre­nie, an der nur et­wa ein Pro­zent der Be­völ­ke­rung lei­det. Er soll sei­ne Tat im Wahn, in ei­ner Par­al­lel­welt be­gan­gen ha­ben.

Claas-Hin­rich Lam­mers, Chef­arzt der Psych­ia­trie der As­kle­pios Kli­nik Nord: „Er­krank­te wer­den ge­trie­ben von ex­tre­men Wahn­vor­stel­lun­gen. Ih­re Ge­müts­la­ge ist da­durch sehr schwan­kend. Und im­mer un­be­re­chen­bar.“

So er­zählt es auch Le­na Bre­mer. 2015 hat­te sie sich ein neu­es Le­ben in Neu­see­land auf­ge­baut. Ihr Bru­der kam sie be­su­chen, er­zähl­te wir­res Zeug, sag­te, der ja­pa­ni­sche Ge­heim­dienst sei hin­ter ihm her. „Die wol­len mich fol­tern, bis ich 113 Jah­re alt bin“, soll er ge­sagt ha­ben. Es sei schlim­mer als je­der Psy­cho­thril­ler ge­we­sen, so Le­na Bre­mer.

„Da­mals in Neu­see­land“, so sagt sie, „war der Ab­schied von dem Bru­der, den ich einst hat­te.“Er war nicht mehr der ver­schlos­se­ne erns­te, aber den­noch lie­bens­wer­te und hilfs­be­rei­te Stur­kopf. Er war krank.

Sie zog kurz dar­auf wie­der zu­rück nach Ber­lin, um ihn von ei­ner The­ra­pie zu über­zeu­gen. Ver­geb­lich. Was ist er heu­te für sie? „Ein kran­ker Rest­mensch“, sagt sie. „Je­mand, der je­der­zeit zum Mons­ter mu­tie­ren kann.“

Karl Bau­mann* (67), In­ge­nieur in Ren­te und nach der Tren­nung von sei­ner Frau vor mehr als 30 Jah­ren Teil­zeit-Va­ter von Fe­lix B. Als sein Sohn An­fang 20 ist, wird der Kon­takt en­ger. Er be­sorgt sei­nem Jun­gen ei­ne Woh­nung in Ber­lin, der macht ei­ne Leh­re, holt sein Abitur nach und fängt an zu stu­die­ren. „Ich war stolz wie ein Spa­nier auf den Bur­schen“, sagt der Va­ter.

Dann ha­be Fe­lix im Som­mer 2015 be­haup­tet, dass Rus­sen hin­ter ihm her sei­en. „Völ­lig ir­re Sa­chen.“Kurz dar­auf brin­gen Va­ter und Toch­ter Fe­lix B. da­zu, in ei­ne psych­ia­tri­sche Kli­nik zu ge­hen. Nach ei­nem Ge­spräch mit ei­nem Arzt emp­fiehlt die­ser, dass Fe­lix B. da­blei­ben sol­le. Doch der wei­gert sich. „Da kann man nichts ma­chen“, soll der Arzt laut Bau­mann ge­sagt ha­ben. Es ste­he Fe­lix frei, zu ge­hen.

Karl Bau­mann sieht sei­nen Sohn da­nach öf­ters im

„Er sag­te, der ja­pa­ni­sche Ge­heim­dienst wä­re hin­ter ihm her.“Le­na Bre­mer, Schwes­ter

Park, Alu­fo­lie über dem Kopf, ver­wahr­lost. „Er hat mir ge­sagt, so könn­ten sie ihn nicht ab­hö­ren.“Ge­mein­sam mit Toch­ter Le­na ver­sucht er, bei Ge­richt ei­nen Be­treu­er für Fe­lix zu be­stel­len. Der An­trag sei ab­ge­lehnt wor­den, sa­gen bei­de. Be­grün­dung: Es sei ja nichts vor­ge­fal­len. Noch nicht.

An­fang 2016 greift er sei­ne Schwes­ter an, nach­dem die ih­ren Bru­der auf­such­te, weil der sich seit Ta­gen nicht ge­mel­det hat­te. Die Po­li­zei bringt Fe­lix in die Kli­nik. Am nächs­ten Mor­gen, so er­in­nert es Le­na Bre­mer, ruft sie dort an: „Las­sen Sie ihn bloß nicht ge­hen.“Die Ant­wort: Er sei schon weg, nicht auf­fäl­lig in der Nacht ge­we­sen. Le­na Bre­mer sagt, sie ha­be Straf­an­zei­ge ge­gen ih­ren Bru­der er­stat­tet. Da­mit ha­be sie ei­ne The­ra­pie er­rei­chen wol­len. Das Ver­fah­ren sei ein­ge­stellt wor­den. Be­grün­dung: Fa­mi­li­en­strei­tig­kei­ten.

Im Ja­nu­ar 2017 zieht er zu ei­ner Freun­din nach Hamburg. Sie kennt sei­ne Vor­ge­schich­te nicht. Nach we­ni­gen Ta­gen er­zählt er auch ihr wir­re Ge­schich­ten – und schlägt sie, be­rich­tet Fe­lix’ Mut­ter Ka­rin Bre­mer*. Kann sie ih­ren Sohn noch lie­ben? „Ja“, sagt sie. „Ich kann ihm auch ver­zei­hen. Weil das nicht mein Kind war, das die­se Tat be­gan­gen hat, son­dern ein kran­ker Mensch.“Ihr Ver­trau­en hat sie in den Staat ver­lo­ren. „Er war ge­fan­gen in sei­ner Krank­heit“, sagt sie. „Und dann spre­chen sie von sei­ner per­sön­li­chen Frei­heit, sich ge­gen ei­ne The­ra­pie zu ent­schei­den.“Und das gel­te mehr als der Schutz der All­ge­mein­heit? „Mei­nem Mann wur­de sei­ne per­sön­li­che Frei­heit ge­nom­men. Er ist tot.“Und sie ist sich si­cher: Wä­re sie am Tag des Mor­des auch am Stem­war­der Weg ge­we­sen, ihr Sohn hät­te auch sie kalt­blü­tig er­mor­det. (*Na­me ge­än­dert)

„Wä­re ich zu der Zeit da ge­we­sen, hät­te er auch mich kalt­blü­tig er­mor­det.“Ka­rin Bre­mer, Mut­ter

Fe­lix B., der mut­maß­li­che „Axt-Mör­der“: Laut Ärz­ten lei­det er an Schi­zo­phre­nie.

Zi­vil­fahn­der neh­men Fe­lix B. ei­nen Tag nach der bru­ta­len Tat in Neu­al­ler­mö­he fest. Der Tat­ort: Das Haus in Rein­bek (Kreis Stor­marn): Hier soll Fe­lix B. zum Mör­der ge­wor­den sein.

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