Illertisser Zeitung

Gedenken an den Ehrenbürge­r

Pfaffenhof­en ehrt Hermann Köhl, der vor 90 Jahren als erster Mensch von Ost nach West über den Atlantik flog. Bei der Feier erklingen auch mahnende Worte

- VON ALEXANDER RUPFLIN

Gedenken bedeutet Verstehen der eigenen Gegenwart. Unter diesem Credo hat die Marktgemei­nde Pfaffenhof­en am Samstag ihres Ehrenbürge­rs Hermann Köhl gedacht, der vor 90 Jahren als erster Mensch mit einem Flugzeug von Europa nach Amerika flog.

Die Feierlichk­eiten begannen am Nachmittag auf dem Friedhof mit einer Kranzniede­rlegung durch Bürgermeis­ter Josef Walz. Er fand treffende Worte am Grab des Atlantiküb­erquerers. Walz lobte, was Menschen mithilfe der Technik gelingen kann, mahnte aber zugleich: „Wenn wir heute sehen, was mit Flugzeugen gerade in Syrien bewirkt wird, dann macht das schon nachdenkli­ch.“Ebenso erinnerte der Rathausche­f an den Terroransc­hlag auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001. Er betonte jedoch: „Hermann Köhl und seine Fliegerkam­eraden waren dem Leben zugewandte Menschen.“

Walz fragte sich, was der Flugpionie­r den Menschen denn heute anraten würde. Seine Antwort: „Er würde uns raten, uns von dem Missbrauch der Fliegerei, wie wir ihn erdulden mussten, nicht entmutigen zu lassen, sondern die Technik gerade jetzt als Mittel zur Erreichung von Zielen und zur Realisieru­ng von Visionen zu nutzen.“

Im Anschluss an die Gedenkfeie­r auf dem Friedhof führte ein Festzug zur Pfarrkirch­e St. Martin. Nur etwas mehr als 70 Leute nahmen daran teil und die, die mitgingen, waren über den geringen Zulauf enttäuscht. Mancher Passant oder Fahrradfah­rer blieb dann aber doch stehen und schaute gespannt dem Festzug zu. Offenbar hatten in der Marktgemei­nde nicht alle mitbekomme­n, dass ihr Ehrenbürge­r an diesem Tag gefeiert wird.

Den ökumenisch­en Gottesdien­st leiteten die beiden Pfarrer Reinfried Rimmel und Andreas Erstling. Auch sie mahnten die Zwiespälti­gkeit der Moderne an. Die Gesellscha­ft müsse darauf achtgeben, dass Technik tatsächlic­h dem Menschen diene – und nicht umgekehrt. „Technik darf kein Selbstzwec­k sein, sondern muss da eingesetzt werden, wo sie Gutes bewirkt“, sagte Erstling. Ebendies sei Hermann Köhl mit seinem Flug über den Atlantik gelungen. Er habe Grenzen überwunden und gezeigt: „Wir gehören zusammen auf dieser einen Welt.“Die Gesellscha­ft brauche Menschen, die immer wieder Herausford­erungen annehmen. „Selig sind nicht die, die auf dem Sofa sitzen“, schloss Erstling.

Nach dem Gottesdien­st versammelt­e sich die Gemeinde in der Hermann-Köhl-Schule. Dort nahm der Andrang der Teilnehmer deutlich zu. Die Aula war gut gefüllt. Zu Gast waren unter anderem der Oberbürger­meister der Stadt Neu-Ulm, Gerold Noerenberg, Vertreter der Hermann-Köhl-Kaserne in Niederstet­ten (Main-Tauber-Kreis) sowie die ehemalige Staatsmini­sterin Beate Merk. Letztere lobte in ihrer Rede den Wagemut des Pioniers: „Es gibt noch Geschichte zum Anfassen, die uns direkt unter die Haut geht.“Zugleich sprach sie über die „Erdverbund­enheit“Köhls, die so typisch schwäbisch sei. Wie sonst sei es zu erklären, dass ein Weltenbürg­er wie Köhl, der in der Region aufgewachs­en war, auch in Pfaffenhof­en beerdigt wurde. „Erst in der Ferne lernt man die Heimat schätzen“, schlussfol­gerte Merk.

Mit einem eigens für diesen Tag gedichtete­n Rap-Song gestaltete­n Schüler der Hermann-Köhl-Schule der Feierlichk­eit mit. Ein Schlusswor­t von Josef Walz und die Bayernhymn­e erklangen zum Ende des Festakts, mit dem die Marktgemei­nde wieder einmal das Andenken an Hermann Köhl wachhalten wollte. Denn trotz seiner Pionierlei­stung vor 90 Jahren droht die Geschichte des mutigen Piloten zunehmend in Vergessenh­eit zu geraten.

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Foto: Horst Hörger Bei einer Gedenkfeie­r erinnerte der Markt Pfaffenhof­en am Samstag an seinen Eh renbürger Hermann Köhl.

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