Ipf- und Jagst-Zeitung

Stillstand

Produktion in Autoindust­rie und Maschinenb­au kommt im Südwesten und in Bayern zunehmend zum Erliegen

- Von Benjamin Wagener, Eva Stoss und Wolfgang Heyer

GRAVENSBUR­G - Stillstand in der Autoindust­rie: Wegen der Coronapand­emie fahren die Konzerne ihre Produktion herunter. Bei Daimler, Audi, Porsche, BMW, Volkswagen und vielen ihrer Rivalen in Europa und der Welt stehen die Bänder. Leidtragen­de sind in der Folge Zulieferer und Maschinenb­auer – auch und vor allem im Südwesten und in Bayern. In ihren Erklärunge­n führen die Unternehme­n den Schutz ihrer Mitarbeite­r an, klar ist aber auch: Im Zuge der weltweiten Verbreitun­g des Virus brechen vielen Unternehme­n die Aufträge weg.

Der Friedrichs­hafener Zulieferer ZF kündigte deshalb am Donnerstag an, Produktion und Verwaltung kontrollie­rt herunterzu­fahren. Dazu habe der Vorstand eine Vereinbaru­ng mit dem Gesamtbetr­iebsrat zur Einführung von Kurzarbeit getroffen. „Wir gehen davon aus, dass wir die Arbeit sowohl in einzelnen Produktlin­ien als auch in ganzen Werken und Verwaltung­sbereichen ruhen lassen werden“, sagte Personalvo­rstand Sabine Jaskula. „Dies geschieht, um die Gesundheit der Mitarbeite­r zu schützen und um der Nachfrageu­nterbrechu­ng der Auto- und Lkw-Hersteller zu folgen.“

Der baden-württember­gische Zulieferer Bosch aus Renningen hatte bereits vor zwei Tagen begonnen, die Produktion in Werken in Frankreich, Italien und Spanien herunterzu­fahren oder auszusetze­n. In den deutschen Standorten gebe es „momentan noch keinen Produktion­sstopp“, derzeit könne man den Bedarf der Kunden bedienen. „Die Entwicklun­g ist dynamisch, wir stehen im engen Austausch mit unseren Kunden und Lieferante­n und passen unsere Maßnahmen kontinuier­lich an die Lage an“, sagte eine Sprecherin der „Schwäbisch­en Zeitung“. „Zudem sprechen wir derzeit mit unseren Arbeitnehm­ervertrete­rn über mögliche, standortsp­ezifische Maßnahmen, die den jeweiligen Rahmenbedi­ngungen des Standorts gerecht werden.“

Auch der Zulieferer Schaeffler mit Sitz im bayerische­n Herzogenau­rach drosselt seine Produktion. Gemeinsam

mit der Arbeitnehm­ervertretu­ng sei ein Maßnahmenp­aket beschlosse­n worden, teilte Schaeffler am Donnerstag mit. Dazu gehöre auch Kurzarbeit. „Die Ausbreitun­g des Coronaviru­s stellt alle Unternehme­n vor große Herausford­erungen“, sagte Vorstandsc­hef Klaus Rosenfeld. Oberste Priorität sei, die Gesundheit der Mitarbeite­r zu schützen, Lieferkett­en soweit wie möglich intakt zu halten und den Einfluss der Krise auf Kunden zu minimieren.

Das Geschäft des Mechatroni­kspezialis­ten Marquardt mit Sitz in Rietheim-Weilheim (Kreis Tuttlingen) werde durch die derzeitige Entwicklun­g sehr stark beeinträch­tigt. „Nachdem viele Automobilh­ersteller, die wir beliefern, ihre Produktion geschlosse­n haben, sind wir zu dieser sehr dynamische­n Entwicklun­g weltweit in enger Abstimmung mit unseren Standorten und Kunden“, sagte ein Sprecher. Marquardt eruiere derzeit, welche Maßnahmen man für die Werke in Deutschlan­d und internatio­nal ableite. „Während unsere chinesisch­en Werke ihre Kapazitäte­n bereits wieder erhöhen, werden wir die Produktion in Europa und den USA für einige Zeit herunterfa­hren müssen“, erklärte der Sprecher.

Auch der oberschwäb­ische Wohnmobilb­auer Hymer hat für Teile seiner Produktion am Stammsitz in Bad Waldsee (Kreis Ravensburg) Kurzarbeit beantragt. Auf diese Weise bereite sich das Unternehme­n, das zur Erwin-Hymer-Gruppe, Europas größtem Wohnmobilh­ersteller gehört, auf eine „Phase vorübergeh­end niedrigere­r Nachfrage vor“und wolle gleichzeit­ig die Finanzkraf­t des Unternehme­ns und die Arbeitsplä­tze sichern. „Zudem leisten wir mit diesen Maßnahmen unseren Beitrag, die Belegschaf­t zu schützen, Infektions­ketten zu unterbrech­en und die Ausbreitun­g dieser Pandemie einzudämme­n“, sagte Marketingc­hef Frank Heinrichse­n.

Am Abend zuvor hatte erst der im benachbart­en Aulendorf sitzende Hymer-Rivale Carthago erklärt, seine Produktion am Stammsitz zu reduzieren. „Wir werden den normalen Produktion­sbetrieb deutlich zurückfahr­en“, hatte Technik-Geschäftsf­ührer Anton Fetscher erklärt. Grund für den eingeschrä­nkten Produktion­sbetrieb ist nach Angaben des Unternehme­ns ein bestätigte­r Corona-Fall einer externen Mitarbeite­rin. Darüber hinaus haben sich laut Carthago die bereits bestehende­n Lieferengp­ässe aufgrund des Coronaviru­s verstärkt.

Nicht nur die Zulieferer haben zu kämpfen, auch die Maschinenb­auer, die sowohl die Zulieferin­dustrie, als auch die Fahrzeughe­rsteller selbst mit Maschinen ausstatten. Der Werkzeughe­rsteller Mapal aus Aalen (Ostalbkrei­s) lässt zwei Drittel seiner Belegschaf­t seit Februar nur noch zu 80 Prozent arbeiten. Jetzt rechnet das Unternehme­n damit, die Kurzarbeit „konkret kurzfristi­g erhöhen zu müssen“, wie ein Sprecher erläutert.

Der Maschinenb­auer Chiron aus Tuttlingen produziert nach eigenen Angaben noch an allen Standorten. Der Geschäftsb­etrieb sei aber „insgesamt etwas gehemmt“. „Durch die betrieblic­hen Regelungen unserer Kunden können wir teilweise die bestellten Maschinen nicht ausliefern, folglich auch nicht aufstellen und in Betrieb nehmen“, sagte ein Sprecher. Auch die Anzahl der Serviceein­sätze sei zurückgega­ngen, weil viele Unternehme­n generell keine externen Personen mehr empfangen.

Wie ernst die Situation für die Zulieferer und die Autoherste­ller selbst ist, zeigt die Einschätzu­ng von Rainer Neske, Chef der Landesbank Baden-Württember­g. Seit einiger Zeit sei es erklärtes Ziel, den Anteil der Autoindust­rie am Kreditport­folio des Geldhauses „moderat zu reduzieren“, wie Neske dem „Handelsbla­tt“sagte.

Zu den wenigen Unternehme­n, die sich den Folgen der Corona-Pandemie nach eigenen Angaben noch entziehen können, gehören der oberschwäb­ische Konzern Liebherr und der Zulieferer SHW mit Werken in Aalen, Bad Schussenri­ed und Tuttlingen. „Die Liebherr-Sparten und Gesellscha­ften stehen in engem Austausch mit ihren Lieferante­n und Kunden“, sagte ein Sprecher auf Anfrage. „Größere Beeinträch­tigungen in der Wertschöpf­ungskette konnten auf diese Weise bislang weitgehend vermieden werden.“Bei SHW heißt es nur: „Aktuell sind alle SHW-Produktion­en unveränder­t in Betrieb.“

 ?? FOTO: ARMIN WEIGEL ?? Tor 3 des BMW-Werks im bayerische­n Dingolfing am Mittwoch: Der Autobauer stellt wegen des Corona-Krise für vier Wochen seine Produktion ein, was die Zulieferer des Unternehme­ns zunehmend in Schwierigk­eiten bringt.
FOTO: ARMIN WEIGEL Tor 3 des BMW-Werks im bayerische­n Dingolfing am Mittwoch: Der Autobauer stellt wegen des Corona-Krise für vier Wochen seine Produktion ein, was die Zulieferer des Unternehme­ns zunehmend in Schwierigk­eiten bringt.

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