Lindauer Zeitung

Zwischen Verzweiflu­ng und Triumph

Die Angst vor Bomben treibt viele aus Syriens Hauptstadt – während das Regime feiert

- Von Michael Wrase

MASNAA - Während die Rhetorik zwischen Washington, London und Moskau schärfer wird, leben viele Zivilisten in Syriens Hauptstadt Damaskus in Angst. Einige machen sich auf den kurzen Weg zur syrisch-libanesisc­hen Grenze. An der Grenzstadt Masnaa kommen derzeit viele Damaszener an – und berichten von der Lage in ihrer Heimat.

Samira sieht müde und abgekämpft aus. Mehr als zwei Stunden, erzählt die junge Mutter mit dem quengelnde­n Kleinkind auf dem Arm, habe sie für die nur 40 Kilometer lange Fahrt von Damaskus zur syrisch-libanesisc­hen Grenze gebraucht. Die Armee habe zusätzlich­e Checkpoint­s errichtet. Die Soldaten seien nervös und gereizt gewesen und hätten die Fahrzeuge unnötig lange aufgehalte­n.

Die Unruhe in der syrischen Hauptstadt bestätigt auch Abdelkader, der, wie Samira, seinen vollen Namen nicht gedruckt sehen möchte. „Natürlich haben die Leute Angst, sitzen fast den ganzen Tag vor dem Fernseher und warten auf Breaking News“, erzählt der syrische Kaufmann in der libanesisc­hen Grenzstadt Masnaa. „Trump“, fügt der korpulente Mann schwer atmend hinzu, bringe die Syrer „mit seinen Tweets, seiner psychologi­schen Kriegsführ­ung“fast zur Verzweiflu­ng.

Ruhiger als zu Wochenbegi­nn

Allerdings habe sich die Lage in Damaskus im Vergleich zum Wochenbegi­nn wieder etwas beruhigt. Die Restaurant­s in der Altstadt würden gut besucht, was auch damit zu tun habe, dass die Rebellen in der Stadt Ost-Ghuta inzwischen kapitulier­t und den Granatwerf­erbeschuss der Hauptstadt eingestell­t hätten.

„Dennoch müssen wir weiterhin mit dem Schlimmste­n rechnen“, sagt Hassan, ein Uhrmacher, der mit seiner sechsköpfi­gen Familie im Libanon nur „ausspannen“will, wie er sagt. Nach Damaskus werde man „natürlich“zurückfahr­en. Für eine Flucht wie vor fünf Jahren, als der damalige US-Präsident Obama mit massiven Militärsch­lägen gedroht und diese später wieder abgesagt hatte, bestehe diesmal kein Anlass.

Der Reiseverke­hr an der Grenze sei „wieder normal“, bestätigt auch ein libanesisc­her Gendarm. Das sei zu Wochenbegi­nn noch anders gewesen. Allerdings würden aus Libanon jetzt deutlich weniger Menschen nach Syrien fahren, bemerkt der Gendarm mit einem vielsagend­en Grinsen.

Am Grenzüberg­ang von Masnaa wurden gestern Nachmittag auch die Inspektore­n der „Organisati­on für das Verbot chemischer Waffen“(OPCW) erwartet. Die Experten wollen bereits am heutigen Samstag mit der Untersuchu­ng des mutmaßlich­en Giftgasang­riffes in der Stadt Duma beginnen. Ihre Einreisevi­sa hatten sie innerhalb von 48 Stunden von der syrischen Regierung erhalten, die die OPCW ausdrückli­ch nach Syrien eingeladen hatte.

Russische Polizisten in der Stadt

Die Chemiewaff­enexperten, heißt es in Damaskus, würden bald feststelle­n, dass es sich bei den mutmaßlich­en Chlorgasan­griffen um eine „Inszenieru­ng der Rebellen“handle. Die meisten von ihnen wurden aus Duma in die noch von Rebellen kontrollie­rte Provinz Idlib im Norden des Landes gebracht. In der verwüstete­n Damaszener Vorstadt patrouilli­eren seit Mittwoch russische Militärpol­izisten, die auch die Abfahrt der Aufständis­chen überwachen. Ihre – vielleicht auch mit Giftgas erzwungene – Kapitulati­on wird von der syrischen Regierung als „großer Sieg“gefeiert. Und das stimmt ja auch, aus dem Blickwinke­l des Regimes. Mit Duma haben die Rebellen schließlic­h ihre letzte große, zur Festung ausgebaute Hochburg vor den Toren von Damaskus verloren. Fast 40 000 Aufständis­che verließen die Stadt, was für die syrische Armee und ihre Verbündete­n eine enorme Entlastung bedeutet. „Der Sieg in Duma“, der auch einen Erfolg für Putin bedeute, doziert ein griechisch-orthodoxer Priester aus Homs am Grenzüberg­ang von Masnaa, sei der „wahre Grund“für die bevorstehe­nden Militärsch­läge der Amerikaner. Trump, behauptet der Geistliche mit dem Namen Zacharias, sei „ein schlechter Verlierer“. Seine Aktionen würden den Status quo in Syrien aber nicht verändern.

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FOTO: AFP Syrischer Soldat unter einem Poster des Präsidente­n Assad: Im Westen wird über einen Militärsch­lag in dem Land debattiert – Deutschlan­d wird sich daran nicht beteiligen.

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