Tür­kei und USA ver­schär­fen Kon­flikt

Er­do­gan spricht von „Wirt­schafts­krieg“. Li­ra-Kurs bricht ein

Mindelheimer Zeitung - - Erste Seite - VON SU­SAN­NE GÜS­TEN New York Ti­mes

Istan­bul/Wa­shing­ton Im Streit zwi­schen dem tür­ki­schen Staats­chef Re­cep Tay­yip Er­do­gan und USPrä­si­dent Do­nald Trump hat sich der Ton stark ver­schärft – mit ge­wal­ti­gen Fol­gen für die tür­ki­sche Wirt­schaft. Er­do­gan sprach in meh­re­ren kämp­fe­ri­schen Re­den von „Kam­pa­gnen“ge­gen die Tür­kei und ei­nem „Wirt­schafts­krieg“. Er sag­te am Wo­che­n­en­de, die Ku­geln, Gra­na­ten, Ra­ke­ten in die­sem Krieg sei­en „Dol­lar, Eu­ro oder das Gold“. Er droh­te da­mit, de­nen „die Hän­de zu bre­chen, die die­se Waf­fen ab­feu­ern“. Am Frei­tag war die Lan­des­wäh­rung Li­ra teil­wei­se um fast 20 Pro­zent ein­ge­bro­chen. Ins­ge­samt hat die Wäh­rung seit Jah­res­be­ginn zum Dol­lar mehr als 70 Pro­zent an Wert ver­lo­ren, zum Eu­ro rund 61 Pro­zent. Trump hat­te an­ge­kün­digt, ab Mon­tag die Straf­zöl­le auf Stahlund Alu­mi­ni­um­im­por­te aus der Tür­kei zu ver­dop­peln. Hin­ter­grund ist der Kon­flikt um die Fest­set­zung des US-ame­ri­ka­ni­schen Pas­tors And­rew Brun­son in der Tür­kei we­gen Ter­ror­vor­wür­fen. In ei­nem Gast­bei­trag in der New York Ti­mes warf Er­do­gan den USA Re­spekt­lo­sig­keit vor. Soll­te das so wei­ter­ge­hen, wer­de sei­ne Re­gie­rung be­gin­nen, „nach neu­en Freun­den und Ver­bün­de­ten zu su­chen“, schrieb Er­do­gan. Da­mit meint er un­ter an­de­rem Russ­land. Ru­di Wais be­leuch­tet den Kon­flikt im Leit­ar­ti­kel, ei­ne Ana­ly­se aus der Tür­kei fin­den Sie auf

Istan­bul Wer sich in der Tür­kei in die­sen Ta­gen be­son­ders pa­trio­tisch ge­ben will, der trennt sich so pu­bli­kums­wirk­sam wie mög­lich vom Dol­lar. In San­li­ur­fa an der sy­ri­schen Gren­ze rief der Ge­schäfts­mann Ha­san Izol jetzt die Pres­se zu­sam­men und setz­te vor lau­fen­den Ka­me­ras hun­dert Ein-Dol­lar-Bank­no­ten mit ei­nem Feu­er­zeug in Brand. Mit der Ak­ti­on wol­le er Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan un­ter­stüt­zen, sag­te Izol den Re­por­tern. Er­do­gan wirft der Trump-Re­gie­rung vor, ei­nen „Wirt­schafts­krieg“ge­gen die Tür­kei zu füh­ren, und droht mit ei­nem En­de des Bünd­nis­ses zwi­schen An­ka­ra und Wa­shing­ton. Die Ach­sen­ver­schie­bung stärkt die Rol­le Eu­ro­pas: Er­do­gans an­ste­hen­der Be­such in Ber­lin er­hält durch die Ent­wick­lung ei­ne neue Be­deu­tung.

Der be­sorg­nis­er­re­gen­de Ab­sturz der tür­ki­schen Li­ra ge­gen­über dem Dol­lar, der sich in den letz­ten Ta­gen dra­ma­tisch be­schleu­nigt hat, wird von Er­do­gans Re­gie­rung als An­griff des Aus­lands auf die Tür­ken ge­deu­tet. Im Streit um die In­haf­tie­rung des ame­ri­ka­ni­schen Geist­li­chen And­rew Brun­son in der Tür­kei hat­te US-Prä­si­dent Do­nald Trump am Frei­tag ho­he Straf­zöl­le ge­gen die Tür­kei ver­hängt und die Li­ra da­mit auf ei­ne ra­san­te Tal­fahrt ge­schickt: An ei­nem ein­zi­gen Tag sack­te der Kurs zeit­wei­se um mehr als 20 Pro­zent ab.

Er­do­gan re­agiert mit har­scher Kri­tik an den USA und kann da­mit zu­min­dest bis­her die Wut vie­ler Tür­ken über die mie­se wirt­schaft­li­che La­ge von sich selbst ab­len­ken. Auch die Op­po­si­ti­on kri­ti­siert vor al­lem die USA und we­ni­ger die ei­ge­ne Re­gie­rung. Da­bei hat Er­do­gan nach An­sicht vie­ler Ex­per­ten mit sei­ner Wirt­schafts- und Fi­nanz­po­li­tik selbst da­zu bei­ge­tra­gen, dass die Tür­kei in die Kri­se ge­schlit­tert ist und dass die Li­ra seit Jah­res­be­ginn gut 40 Pro­zent an Wert ver­lo­ren hat. Jetzt sprach er sich er­neut ge­gen ei­ne Er­hö­hung der Leit­zin­sen aus, ob­wohl In­ves­to­ren dies zur Be­kämp­fung der stei­gen­den In­fla­ti­on for­dern. Er­do­gans Po­li­tik sei ge­schei­tert, schrieb der Ana­lyst Ti­mo­thy Ash auf Twit­ter. Für den tür­ki­schen Prä­si­den­ten sind sol­che War­nun­gen kein Grund für ei­ne Kor­rek­tur. Er ruft die Tür­ken auf, Dol­lar-Gut­ha­ben in Li­ra um­zu­tau­schen und an­sons­ten der Re­gie­rung und Gott zu ver­trau­en. Zin­sen sei­en ein „In­stru­ment der Aus­beu­tung“, be­kräf­tig­te er: Es ist kaum an­zu­neh­men, dass die Zen­tral­bank nach die­ser An­sa­ge des Prä­si­den­ten ei­ne Zins­an­he­bung wagt.

Auch po­li­tisch bleibt Er­do­gan auf Kon­fron­ta­ti­ons­kurs. Er wer­de sich dem ame­ri­ka­ni­schen Druck im Fall Brun­son nicht beu­gen, sag­te er. An­de­re bi­la­te­ra­le Dif­fe­ren­zen, et­wa we­gen der US-Un­ter­stüt­zung für kur­di­sche Mi­li­zio­nä­re in Sy­ri­en, sor­gen für wei­te­re Span­nun­gen. ei­ner Lö­sung deu­tet sich neu­er Krach an. Die Tür­kei will bei den neu­en Sank­tio­nen Trumps ge­gen den Nach­barn Iran nicht mit­ma­chen. In der schrieb Er­do­gan, die Tür­kei wer­de sich nach neu­en Freun­den und Ver­bün­de­ten um­schau­en, wenn die USA nicht mehr Re­spekt an den Tag le­gen soll­ten.

Schon seit Jah­ren lieb­äu­gelt Er­do­gan im­mer wie­der mit en­ge­ren Be­zie­hun­gen zu Russ­land und Chi­na. Doch dies wä­re für die Tür­kei letzt­lich kei­ne stra­te­gi­sche Al­ter­na­ti­ve. Mit Russ­land ar­bei­tet Er­do­gan im Sy­ri­en-Kon­flikt zwar eng zu­sam­men, doch ver­fol­gen bei­de Län­der in an­de­ren Re­gio­nen wie dem Kau­ka­sus oder dem Bal­kan völ­lig un­ter­schied­li­che Zie­le. Auch das Ver­hält­nis zu Chi­na ist nicht pro­blem­frei: Er­do­gan be­zeich­ne­te den Um­gang Bei­jings mit der mus­li­mi­schen MinS­tatt der­heit der Ui­gu­ren ein­mal als „Völ­ker­mord“. Rea­lis­ti­scher für die Tür­kei ist ei­ne Neu­aus­rich­tung auf die EU. Die Eu­ro­pä­er sind Ab­neh­mer von mehr als 44 Pro­zent der tür­ki­schen Ex­por­te und da­mit als Han­dels­part­ner un­ver­zicht­bar. Seit Mo­na­ten ar­bei­tet An­ka­ra an ei­ner Nor­ma­li­sie­rung der Be­zie­hun­gen zu Eu­ro­pa; der für Sep­tem­ber ge­plan­te ers­te Staats­be­such von Er­do­gan in Deutsch­land seit sei­ner Wahl zum Prä­si­den­ten vor vier Jah­ren ist Aus­druck die­ser Be­mü­hun­gen.

Al­ler­dings wird es kei­ne Rück­kehr zum en­gen Ver­hält­nis zwi­schen Brüs­sel und An­ka­ra ge­ben, das auf dem Hö­he­punkt des tür­ki­schen EU-Stre­bens im vo­ri­gen Jahr­zehnt herrsch­te. Die Tür­kei sei kein Land mehr, das sich vom Aus­land al­les vor­schrei­ben las­se, sag­te Au­ßen­mi­nis­ter Mev­lüt Ca­vu­sog­lu vor kur­zem.

Der Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Si­mon Wald­man sieht in der tür­kisch-ame­ri­ka­ni­schen Kri­se An­zei­chen ei­ner tür­ki­schen Selbst­über­schät­zung. Er­do­gan und sei­ne Ge­folgs­leu­te be­trach­te­ten die Tür­kei als „neue auf­stre­ben­de Macht, die die al­ten Mäch­te her­aus­for­dert“, sag­te Wald­man un­se­rer Zei­tung. Dass der Tür­kei die po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Vor­aus­set­zun­gen feh­len, um als un­ab­hän­gi­ge Groß­macht zwi­schen Ost und West auf­zu­tre­ten, wird in An­ka­ra über­se­hen. Wald­man zi­tier­te die Ein­schät­zung ei­nes US-Di­plo­ma­ten in An­ka­ra aus den ver­gan­ge­nen Jah­ren: Die Tür­kei ha­be Am­bi­tio­nen wie ei­ne Lu­xus­ka­ros­se, aber nur die Mög­lich­kei­ten ei­nes Klein­wa­gens.

Fo­to: Cem Oksuz, afp

Der Prä­si­dent blickt auf sein Land her­ab. Re­cep Tay­yip Er­do­gan über­fliegt bei ei­nem Be­such der Schwarz­meer Pro­vinz Or­du in ei nem He­li­ko­pter ei­ne Brü­cken­bau­stel­le.

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