Nur nicht wie­der ba­den ge­hen

Nach der Null­num­mer in Lon­don 2012 hof­fen die Deut­schen auf die ers­te Me­dail­le seit acht Jah­ren. Wie groß die Chan­cen sind und war­um die Fi­nals in der Nacht statt­fin­den

Mittelschwaebische Nachrichten - - Olympische Spiele 2016 | Sport -

Rio de Janei­ro Lan­ge wur­de in der olym­pi­schen Schwimm­hal­le ge­häm­mert und die Tech­nik er­probt. Von Sams­tag an sol­len auch die Auf­bau­ar­bei­ten im deut­schen Be­cken­Team wei­ter ge­hen. Nach dem De­ba­kel von Lon­don und den da­mals ers­ten Spie­len seit 80 Jah­ren oh­ne Me­dail­le im Pool hof­fen 27 deut­sche Schwim­mer auf Er­fol­ge. Welt­re­kord­ler Paul Bie­der­mann will eben­so sei­ne ers­te Olym­pia-Me­dail­le wie Welt­meis­ter Mar­co Koch. Re­kor­dOlym­pia­sie­ger Micha­el Phelps könn­te wei­ter Sport­ge­schich­te schrei­ben. Und was ist mit den Rus­sen?

Wie­so müs­sen die Schwim­mer bis nach Mit­ter­nacht ins Was­ser? Wer zahlt, be­stimmt. Der US-Sen­der NBC will Phelps und Co. zur ame­ri­ka­ni­schen Prime­time zei­gen. Das heißt für Rio: Vor­lauf­start um 13 Uhr, die Fi­nals be­gin­nen um 22 Uhr Orts­zeit. Das be­deu­tet et­wa für die eu­ro­päi­schen Schwim­mer, ih­ren Biorhyth­mus um­zu­stel­len. Ta­ges­licht­lam­pen sol­len hel­fen, den bra­si­lia­ni­schen Win­ter mit frü­hem Son­nen­un­ter­gang und frü­her Mü­dig­keit zu über­lis­ten. Mit­tag­es­sen gibt es am frü­hen Abend, Abend­es­sen nicht vor 1 Uhr nachts. Das al­les heißt für deut­sche TV-Zu­schau­er: Früh­mor­gens um 3 Uhr auf­ste­hen für Bie­der­mann oder Koch.

Die deut­schen Zie­le? Nach dem Lon­don-De­ba­kel kann es nur bes­ser wer­den. Für die avi­sier­ten zwei bis drei Me­dail­len müss­ten aber na­he­zu al­le Trümp­fe ste­chen. Ne­ben Frei­stil-Welt­re­kord­ler Bie­der­mann sind dies Eu­ro­pa­meis­te­rin Fran­zis­ka Hent­ke (200 Me­ter Schmet­ter­ling), even­tu­ell die Män­ner-Staf­fel über 4 x 200 Me­ter Frei­stil und Welt­meis­ter Mar­co Koch (200 Me­ter Brust). Au­ßer Me­dail­len­ge­win­nen ist Chef­bun­des­trai­ner Hen­ning Lam­bertz wich­tig, dass ein mög­lichst ho­her Pro­zent­satz die in der Olym­pia­Qua­li­fi­ka­ti­on er­ziel­ten Zei­ten un­ter­bie­tet. Ge­ra­de da­mit ha­per­te es vor sei­nem Amts­an­tritt En­de 2012. In­des: Selbst per­sön­li­che Best­zei­ten wer­den an­ge­sichts der star­ken in­ter­na­tio­na­len Kon­kur­renz oft „nur“für Halb­fi­na­le oder End­läu­fe rei­chen.

Wer kann Welt­meis­ter Mar­co Koch stop­pen? Lei­der (zu) vie­le. Koch hat näm­lich ein ge­mein­sa­mes Pro­blem mit Bie­der­mann. Die Kon­kur­renz in Kochs und Bie­der­manns Dis­zi­pli­nen ist so viel­fäl­tig wie auf kaum ei­ner an­de­ren Stre­cke. So könn­te es bei­den pas­sie­ren, dass sie trotz Klas­se-Zei­ten Me­dail­len ver­pas­sen. „Man muss Welt­re­kord schwim­men, um Olym­pia-Gold zu ho­len“, pro­gnos­ti­ziert der Darm­städ­ter Koch.

Was macht der deut­sche Nach­wuchs? Er reift. Da­mi­an Wier­ling, 20, et­wa schwamm mit deut­schem Re­kord über 50 Me­ter Frei­stil in die er­wei­ter­te Welt­klas­se und hat eben­so Chan­cen auf den End­lauf wie der WM-Fünf­te Ja­cob Heidtmann, 21, über 400 Me­ter La­gen. Die­se Stre­cke steht am Sams­tag zum Auf­takt an; dann star­tet auch Jo­han­nes Hint­ze. Der 17-Jäh­ri­ge ist der jüngs­te deut­sche Olym­pia-Schwim­mer seit 1976. Noch jün­ger ist Leo­nie Kull­mann. Die 16-Jäh­ri­ge schwimmt die Frei­stil-Staf­fel über 4 x 200 Me­ter. Wer sind die Stars? Zwei US­Schwim­mer: Micha­el Phelps und Ka­tie Le­de­cky. Phelps wird drei Ein­zel­stre­cken und bis zu drei Staf­feln be­strei­ten und will sei­nen 18 Olym­pia­sie­gen wei­te­re hin­zu­fü­gen; vor dem Auf­takt prä­sen­tier­te sich der jun­ge Va­ter lo­cker und of­fen wie nie. Die 19-jäh­ri­ge Le­de­cky ge­wann schon 2012 Frei­stil-Gold und ist in­zwi­schen neun­fa­che Welt­meis­te­rin. Da muss sich auch Viel­star­te­rin Ka­tin­ka Hoss­zu (Un­garn) ganz schön stre­cken. Ih­re sechs­ten Spie­le be­strei­tet The­re­se Als­ham­mar. Die 38-jäh­ri­ge Schwe­din ist in­zwi­schen Mut­ter und star­tet über die kur­zen Frei­stil­stre­cken. Für op­ti­sche Ef­fek­te ist US-Son­ny­boy Ryan Loch­te zu­stän­dig: Nach Bril­lan­ten-De­ko im Mund sind für den De­si­gner ei­ge­ner Snea­kers nun sei­ne bläu­lich­grau­en Haa­re der Hin­gu­cker.

Wel­che Rus­sen sind da­bei? Gu­te Fra­ge. Das ent­schie­den das In­ter­na­tio­na­le Olym­pi­sche Ko­mi­tee und der Sport­ge­richts­hof Cas auf den letz­ten Drü­cker. Die zu­nächst ge- sperr­ten Ni­ki­ta Lo­bin­zew und Wla­di­mir Mo­ro­sow dür­fen wohl star­ten, Welt­meis­te­rin Ju­li­ja Je­fi­mo­wa darf even­tu­ell auch, vier an­de­re da­für nicht. „Es ist ein Cha­os, aber wir müs­sen uns auf uns selbst kon­zen­trie­ren“, sagt Lam­bertz.

Wann star­tet Yus­ra Mar­di­ni aus dem Flücht­lings­team? Die jun­ge Frau aus Sy­ri­en ist gleich am Sams­tag über 100 Me­ter Schmet­ter­ling an der Rei­he. Die 18-Jäh­ri­ge fand beim Ber­li­ner Ver­ein Was­ser­freun­de Span­dau ei­ne neue sport­li­che Hei­mat. Sie war vor rund ei­nem Jahr aus Da­mas­kus ge­flüch­tet und hat­te ge­mein­sam mit ih­rer Schwes­ter ein ge­ken­ter­tes Boot meh­re­re St­un­den lang bis an das ret­ten­de Ufer ge­zo­gen. (dpa)

Fo­to: Frank Rum­pen­horst, dpa

Welt­meis­ter Mar­co Koch ist ei­ne der größ­ten Me­dail­len­hoff­nun­gen des Deut­schen Schwimm­ver­ban­des. Doch die Kon­kur­renz im Brust­schwim­men ist groß. Und der Druck nach den mi­se­ra­blen Spie­len von Lon­don ist hoch.

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