Bay­erns Blick in die Zu­kunft

Die Münch­ner zei­gen sich bei ih­rer Team-Prä­sen­ta­ti­on nicht nur den ein­hei­mi­schen Fans, son­dern welt­weit. Das ist not­wen­dig, ruft aber Kri­tik her­vor

Mittelschwaebische Nachrichten - - Olympische Spiele 2016 | Sport - VON TIL­MANN MEHL

Mün­chen Mit Tho­mas Mül­ler hat der Re­gis­seur ein gu­tes Ge­spür be­wie­sen. Mül­ler ist für Quatsch jeg­li­cher Art zu ha­ben. Dem 26-Jäh­ri­gen kann man auch ei­ne Glas­ku­gel vor­set­zen und ihn dar­aus in die Zu­kunft bli­cken las­sen. Der stür­men­de Frei­geist kün­det nach ei­nem Blick in das se­he­ri­sche Ar­beits­ge­rät von ei­nem kom­men­den Olym­pia­sieg des deut­schen Gol­fers Mar­tin Kay­mer. Dass sich Mül­ler auf die Spu­ren von Kir­mes-Dand­lern be­gibt, hat mit der stra­te­gi­schen Aus­rich­tung des FC Bay­ern zu tun. Die sich im­mer auf der Su­che nach neu­en Ein­nah­me­quel­len be­fin­den­den Münch­ner wol­len aber kei­nes­falls Kas­se mit der Wahr­sa­ge­rei ma­chen. Es ist das Stre­ben nach neu­en Märk­ten, das am Sams­tag zu manch ei­gen­ar­ti­ger Si­tua­ti­on führt.

Es ist je­ner Tag, für den der FC Bay­ern sei­ne of­fi­zi­el­le Team-Prä­sen­ta­ti­on an­ge­setzt hat. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren hat der Klub beim glei­chen An­lass in die Al­li­anz-Are­na ge­be­ten, sei­ne Spie­ler aus Rauch­schwa­den her­aus auf den Ra­sen tre- ten und sich dann bei der an­schlie­ßen­den Trai­nings­ein­heit be­ju­beln las­sen. Die Fans aus dem Um­land ka­men und fuh­ren an­schlie­ßend zu­frie­den nach Hau­se. Mit An­hän­gern aus Sul­ze­moos, Er­ding oder Holz­kir­chen wol­len sich die Münch­ner aber nicht mehr zu­frie­den­ge­ben.

Im Mar­ke­ting­deutsch aus­ge­drückt: Es geht um die Er­schlie­ßung neu­er Märk­te. Was ja nichts we­ni­ger be­deu­tet, als dass ver­mehrt Tri­kots in Pe­king, Dschi­bu­ti und New York ver­kauft wer­den sol­len, auf dass die Bay­ern auch in Zu­kunft Pre­zio­sen wie den 18-jäh­ri­gen Re­na­to Sanches für rund 35 Mil­lio­nen Eu­ro nach Mün­chen lot­sen kön­nen.

Vor al­lem des­halb weil­ten die Bay­ern ja zu­letzt für ei­ne Wo­che in den USA und spiel­ten dort un­ter an­de­rem ge­gen Re­al Ma­drid. Auch im Land der un­be­grenz­ten Mög­lich­kei­ten sol­len Kin­der mit Le­wan­dow­ski-Leib­chen her­um­lau­fen. Die Mar­ke­ting-Of­fen­si­ve setz­ten die Münch­ner mit ih­rer Team-Prä­sen­ta­ti­on fort. Sie wur­de ein­zig und al­lein auf de­ren Face­book-Ka­nal im In­ter­net über­tra­gen. Zu se­hen war dort dann eben, wie Mül­ler in die Glas­ku­gel schaut, Ro­bert Le­wan­dow­ski mit Fans auf dem Ra­sen des Sta­di­ons Golf spielt oder sich Jos­hua Kim­mich an der Spiel­kon­so­le ver­sucht. Mo­de­riert wur­de das 90-mi­nü­ti­ge Sam­mel­su­ri­um an Merk­wür­dig­kei­ten von zwei ju­ve­ni­len Mo­de­ra­to­ren in zer­ris­se­nen Je­ans, die sich Po­et und Vuj nen­nen und in En­g­land ve­ri­ta­ble Po­pu­la­ri­tät auf­grund ei­ner ei­ge­nen YouTube-Show ge­nie­ßen. Die Aus­rich­tung der Münch­ner ließ sich auch dar­an er­ken­nen, dass die gan­ze Ver­an­stal­tung in Eng­lisch ge­hal­ten wur­de.

Ver­ständ­lich ist der Ver­such der Münch­ner al­le­mal. In Deutsch­land wur­de zu­letzt ein neu­er Fern­seh­ver­trag un­ter­schrie­ben. Rund 1,16 Mil­li­ar­den Eu­ro pro Jahr wer­den ab der Sai­son 2017/18 an die Pro­fi­klubs ver­teilt. In En­g­land sind es et­wa drei Mil­li­ar­den. Die­se Dif­fe­renz soll ver­klei­nert wer­den. In Deutsch­land ist der Markt grund­sätz­lich ge­sät­tigt. Auch um das „Mia san mia“ins Aus­land zu tran­por­tie­ren, wur­de Ste­fan Men­ne­rich zum neu­en Chef der Ab­tei­lung Öf­fent­lich­keits­ar­beit er­nannt. Er ver­ant­wor­te­te zu­vor die On­line-Ak­ti­vi­tä­ten der Münch­ner. Sein Vor­gän­ger als Pres­se­spre­cher war Mar­kus Hör­wick, der eher ei­ne kon­ser­va­ti­ve Vor­stel­lung der Me­di­en­ar­beit be­vor­zug­te.

Bei den deut­schen Fans der Bay­ern kam die Show über­haupt nicht gut an. In der Kom­men­tar­spal­te auf Face­book wur­de die Prä­sen­ta­ti­on meis­tens als „pein­lich“be­zeich­net. Dar­an konn­te auch die an­schlie­ßen­de öf­fent­li­che Trai­nings­ein­heit in der Are­na nichts än­dern. Der Ver­ein sol­le sich auf sei­ne Wur­zeln be­sin­nen und bei al­lem ver­ständ­li­chen Druck hin zur In­ter­na­tio­na­li­sie­rung hät­te der Klub doch noch mit Ab­stand am meis­ten Fans in Deutsch­land. Mit 17 000 Zu­schau­ern in der Spit­ze war das In­ter­es­se an der Face­book-Über­tra­gung zu­dem nicht all­zu hoch. Die eng­lisch­spra­chi­gen Fans aber äu­ßer­ten sich be­geis­tert von den Be­mü­hun­gen der Bay­ern.

Die Zu­kunft wird wei­ter von dem In­ter­es­sen­kon­flikt mit­ge­prägt wer­den: be­ste­hen­de An­hän­ger zu­frie­den­stel­len und neue Fans da­zu­ge­win­nen. Wie es wei­ter­geht, ist in kei­ner Glas­ku­gel der Welt zu se­hen. Egal, ob in Va­ter­stet­ten oder Chi­ca­go.

Screen­shot: face­book.com/fcbay­ern

Li­ve-Über­tra­gun­gen vom Mit­tag­es­sen der Bay­ern-Mann­schaft im chi­ne­si­schen Staats­fern­se­hen? Auch Tho­mas Mül­ler weiß nicht, auf wel­che Ide­en sein Ver­ein kommt, um die in­ter­na­tio­na­len Märk­te zu er­schlie­ßen. Klar ist aber, dass ei­ni­ge An­hän­ger die Be­mü­hun­gen der Münch­ner kri­tisch se­hen.

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