Ma­gie für knapp zehn Se­kun­den

Usain Bolt star­tet schlecht, doch am En­de ist es wie im­mer: Der Ja­mai­ka­ner ist vor­ne und fei­ert. Dies­mal al­ler­dings et­was ge­dämpf­ter, denn er hat noch wei­te­re Zie­le in Rio

Mittelschwaebische Nachrichten - - Olympische Spiele 2016 - VON PE­TER DEI­NIN­GER

Rio de Janei­ro Es ist still im Olym­pia­sta­di­on von Rio de Janei­ro. Nur das Knat­tern des Hub­schrau­bers über der Are­na stört. Vom Band kommt wa­bern­de Bass­mu­sik – als akus­ti­scher Hin­weis auf den ganz be­son­de­ren Mo­ment. Ma­gie für knapp zehn Se­kun­den. Usain Bolt steigt in sei­nen Start­block auf Bahn sechs, zwei Plät­ze wei­ter macht sich Jus­tin Gat­lin be­reit. Gut ge­gen Bö­se, Se­ri­en­sie­ger ge­gen Do­ping­sün­der, Be­wun­de­rung und Buh­ru­fe.

Der Start­schuss er­tönt: Der Ja­mai­ka­ner Bolt kommt schwer in die Gän­ge. Nur ei­ner in dem Ach­ter­feld hat ei­ne schwä­che­re Re­ak­ti­ons­zeit. „Ich ha­be mir ge­dacht: Wer­de nicht pa­nisch und ar­bei­te dich wie­der her­an.“Es ist wie im­mer: Hat der 29-Jäh­ri­ge erst ein­mal sei­ne lan­gen Bei­ne in den Sprint­mo­dus ge­bracht, gibt es kein Hal­ten mehr.

Be­reits kurz vor dem Ziel klopft er sich mit der Faust auf die Brust. Sie­ges­ge­wiss­heit auf Bolt-Art. 9,81 Se­kun­den. Lang­sam für ei­nen, der den Welt­re­kord mit 9,58 hält. „Es war wirk­lich kein per­fek­tes Ren­nen.“Egal für ei­nen, der Ge­schich­te ge­schrie­ben hat, ob­wohl er mit ei­nem lä­dier­ten Ober­schen­kel ei­ne schwie­ri­ge Sai­son hat­te. Zum drit­ten Mal nach den Spie­len 2008 (Pe- king) und 2012 (London) heißt der Sie­ger Bolt.

Aber das ist nur ei­ne Zwi­schen­sta­ti­on auf dem Weg zum ganz gro­ßen Ziel. „Je­mand hat ge­sagt, ich kann un­sterb­lich wer­den. Mir feh­len noch zwei Gold­me­dail­len, dann kann ich wirk­lich sa­gen: Un­sterb­lich.“Tri­plet­riple heißt das Se­sam­öff­ne-dich für die Traum­welt der Leicht­ath­le­tik. Der elf­ma­li­ge Welt­meis­ter will noch über 200 Me­ter und mit der 4 x 100-Me­ter-Staf­fel von Ja­mai­ka ge­win­nen. Neun­mal Gold, dann hät­te Bolt mit dem Ame­ri­ka­ner Carl Le­wis und dem le­gen­dä­ren Fin­nen Paa­vo Nur­mi gleich­ge­zo­gen.

Bolt geht nach sei­nem ers­ten Sieg in Rio so­fort auf die Eh­ren­run­de. Al­ler­dings fällt die Par­ty nicht so spek­ta­ku­lär aus wie in der Ver­gan­gen­heit. Der En­ter­tai­ner hält sich zu­rück. Wie­der ein­mal ver­brü­dert er sich mit dem be­dau­erns­wer­ten Men­schen, der in dem Ko­s­tüm des Olym­pia-Mas­kott­chens steckt. Ei­ne Pup­pe von Vi­ni­ci­us schleift er über die Bahn und ir­gend­wann prä­sen­tiert er sich auch in je­ner Po­se des „Stern­deu­ters“, die zu sei­nem Mar­ken­zei­chen ge­wor­den ist. Noch schnell ein Sel­fie mit den Me­dail­len­ge­win­ne­rin­nen des Sie­ben­kampfs und wei­ter geht das Bad in der Men­ge. „Bolt, Bolt“, ru­fen die Zu­schau­er, dank­bar für ei­nen strah­len­den Hel­den in Zei­ten der Do­ping­kri­se.

Jus­tin Gat­lin, den be­reits zwei­mal ge­sperr­ten Sün­der aus den USA, mö­gen sie da­ge­gen nicht, das ha­ben sie be­reits vor dem Ren­nen laut­stark zum Aus­druck ge­bracht. „Ich bin ziem­lich scho­ckiert“, sagt Bolt da­zu. Sein Ri­va­le gibt zu, dass ihn das Ver­hal­ten der Be­su­cher nicht un­be­ein­druckt lässt. „Wir al­le ha­ben Re­spekt vor­ein­an­der. Ich wür­de es ger­ne se­hen, wenn auch das Pu­bli­kum Re­spekt hät­te.“

Der 34-jäh­ri­ge Gat­lin trös­tet sich mit sei­ner Sil­ber­me­dail­le (9,89 Se­kun­den). „Es ist für mich ei­ne Eh­re, Teil der Ge­schich­te zu sein. Ich bin der Äl­tes­te im Feld, da ist schon ein Platz auf dem Po­di­um wie ein Sieg.“Bron­ze ge­winnt der erst 21-jäh­ri­ge Ka­na­di­er And­re de Gras­se (9,91).

Usain Bolt denkt be­reits an die nächs­ten Ren­nen. Heu­te be­gin­nen die Vor­läu­fe über 200 Me­ter, sei­ne Lieb­lings­stre­cke. Sei­ne Best­leis­tung sind 19,19 Se­kun­den. Na­tür­lich Welt­re­kord.

Foto: Srd­jan Su­ki, dpa

Ein biss­chen Show muss sein: Usain Bolt.

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