War­um mitt­ler­wei­le im­mer mehr Frau­en auf die Jagd ge­hen

Vor ein paar Jah­ren wa­ren die Waid­män­ner noch un­ter sich. Und jetzt? Ho­len die Frau­en selbst im Wald auf. Auch Ele­na Lo­de­rer und Su­san­ne Schmid ge­hen auf die Pirsch. Ei­ne Ge­schich­te über lan­ge Aben­de auf dem Hoch­sitz, ge­schos­se­ne Bö­cke und das, was im Koc

Mittelschwaebische Nachrichten - - Erste Seite - Fo­to: Ul­rich Wa­gner

Frau­en und Jagd, da fällt man­chem im­mer noch die be­rühm­te Sze­ne aus „Sis­si“ein, wie sie dem ar­men Franz Jo­seph ab­sicht­lich das Wild ver­scheucht. Das war nicht nur ty­pisch Hei­mat­film, son­dern auch ganz im Sin­ne der vor­herr­schen­den Moral in den 50ern, als Frau­en am Herd zu sein hat­ten und über­dies ja auch als ver­meint­lich viel zu „weich“für an­geb­li­che Män­ner­do­mä­nen wie die Jagd gal­ten. Das war nicht im­mer so, und das wan­delt sich seit ei­ni­ger Zeit auch wie­der. Im­mer mehr Frau­en le­gen die Prü­fung ab, ge­hen ganz selbst­ver­ständ­lich ja­gen, so­dass man al­so sa­gen könn­te: Die Gleich­be­rech­ti­gung hat auch den Hoch­sitz er­reicht. Wir ha­ben zwei von ih­nen, Ele­na Lo­de­rer und Su­san­ne Schmid (auf un­se­rem Bild von links), in den Wald be­glei­tet. Das Er­geb­nis fin­den Sie auf der

Bux­heim Dass Le­ben und Tod nah bei­ein­an­der­lie­gen, sich ge­gen­sei­tig be­din­gen, ist ei­ne ba­na­le Ein­sicht, die heut­zu­ta­ge gern ver­drängt wird. Den Al­ten aber war sie noch ge­wahr, ja, hat­te so­gar – et­wa im viel­ge­stal­ti­gen Göt­ter­him­mel der An­ti­ke – ih­ren fes­ten Platz. So ist et­wa die rö­mi­sche Dia­na nicht nur Göt­tin der Jagd, son­dern auch die der Ge­burt und Hü­te­rin der Kin­der.

Ele­na Lo­de­rer lacht und sagt, das ha­be sie nicht ge­wusst, pas­se aber sehr gut: Im­mer­hin ha­be sie dem ers­ten Wurf ih­rer Hün­din Dea Dia, be­nannt im Üb­ri­gen eben­falls nach ei­ner rö­mi­schen Gott­heit, mit auf die Welt ge­hol­fen, „früh­mor­gens ging’s los, ich hat­te noch nicht mal ei­nen Kaf­fee“. Am En­de wa­ren es acht Wel­pen. Dann wird die 26-Jäh­ri­ge aber wie­der ernst, weil es stim­me ja schon: Vie­le Men­schen hät­ten heu­te je­den Be­zug zum We­sen der Na­tur ver­lo­ren. „Die wis­sen ja oft nicht ein­mal mehr, was sie es­sen.“

Ele­na Lo­de­rer weiß es hin­ge­gen. Denn Ele­na Lo­de­rer ist Jä­ge­rin, schießt, wenn man so will, ihr Es­sen selbst. Bricht das Wild auf. Nimmt es aus. Hängt es auf. Zer­legt es. Ek­lig? Das ein­ge­schweiß­te Plas­tik­zeug aus der Tief­kühl­tru­he im Su­per­markt kommt ihr je­den­falls nicht auf den Tisch.

Su­san­ne Schmid, 27, stimmt ihr zu. Über­haupt sei die Er­näh­rung, das, „was in den Koch­topf kommt“, für Frau­en vi­el­leicht ein wich­ti­ge­rer Grund für die Jagd als et­wa bei den Män­nern. Doch so oder so: Es wer­den im­mer mehr. Wo die Waid­män­ner noch vor ein paar Jah­ren un­ter sich wa­ren, sind mitt­ler­wei­le die Waid­frau­en eben­falls nicht weit. Zeit al­so für ei­ne Spu­ren­su­che, Zeit, mit Ele­na Lo­de­rer, der der­zei­ti­gen Kö­ni­gin des Baye­ri­schen Jagd­ver­ban­des (BJV), und Su­san­ne Schmid, BJV-Prä­si­di­ums­mit­glied und eben­falls schon als Jagd­kö­ni­gin für den Ver­band ak­tiv, dort­hin zu ge­hen, wo sie am liebs­ten sind: raus in die Na­tur, in den Wald.

Es ist ein ru­hi­ges Fleck­chen. Ein Wil­d­acker mit Son­nen­blu­men und Ge­trei­de auf ei­ner gro­ßen Wald­lich­tung ir­gend­wo im Land­kreis Eich­stätt – ei­ne idea­le Äsungs­flä­che. Von der ho­hen Kan­zel, die ei­nem schon beim Auf­stieg ge­hö­ri­gen Re­spekt ein­flößt, ist der Platz her­vor­ra­gend zu über­schau­en. Weil auch der Wind gut ist, das Wild al­so den Ge­ruch des Jä­gers auf dem Hoch­sitz wohl kaum in die Na­se be­kommt, kann man an die­sem Som­mer­abend durch­aus hof­fen, Tie­re zu se­hen. „Das passt“, sagt Su­san­ne Schmid.

Nicht weit, vi­el­leicht ei­nen hal­ben Ki­lo­me­ter ent­fernt, passt erst ein­mal gar nichts. Denn kaum an­ge­langt auf der Kan­zel am Rand des Wal­des, kommt aus dem Abend­licht ein Mäh­dre­scher aufs Feld ge­fah­ren und be­ginnt, sto­isch sei­ne Run­den zu dre­hen. Ele­na Lo­de­rer ver­zieht das Ge­sicht. Das wer­de hier nix, „wir soll­ten vi­el­leicht den Platz wech­seln“, noch sei Zeit. Wie viel Zeit sie denn auf dem Hoch­sitz ver­brin­ge? „So oft es geht.“Und wie oft be­kom­me sie da­bei ein Stück Wild zu Ge­sicht? Gar zum Ab­schuss? „Sel­te­ner, als man denkt.“Doch dar­um ge­he es auch gar nicht so sehr, es sei­en viel­mehr die­se Mo­men­te drau­ßen, Mo­men­te, die ganz ihr ge­hör­ten. „Das ist wun­der­schön“, sagt Lo­de­rer, von Be­ruf Groß- und Au­ßen­han­dels­kauf­frau, und steigt vom Hoch­sitz.

Su­san­ne Schmid geht schon seit ih­rem 16. Le­bens­jahr auf die Jagd – nach­dem sie den Ju­gend­jagd­schein be­stan­den hat­te, die ers­ten bei­den Jah­re al­ler­dings nur in Be­glei­tung. Auch an Ge­sell­schafts­jag­den durf­te sie da­mals noch nicht als Schüt­zin teil­neh­men. Sie war den­noch oft da­bei – als Trei­be­rin mit Hund. Schmid: „Es war von An­fang an ei­ne Lei­den­schaft.“

Reh­kitz fiept im Wald. Im­mer und im­mer wie­der. Es ruft nach der Mut­ter. Das ist in der Br­unft, der Paa­rungs­zeit des Reh­wilds, nichts Un­ge­wöhn­li­ches. Die weib­li­chen Tie­re ha­ben dann in der Re­gel ei­nen Bock an ih­rer Sei­te und nur we­nig Sinn für den ei­ge­nen Nach­wuchs. Das Kitz muss al­so war­ten. Oft stun­den­lang. So auch an die­sem Abend.

Doch von Geiß und Bock ist nichts zu se­hen, sie blei­ben im Schutz des Wal­des. Dann, es ist noch tag­hell, tritt doch ein an­de­rer aus der Di­ckung. Ein jun­ger Spie­ßer, der schnur­stracks we­ni­ge Me­ter von der Kan­zel ent­fernt ins Ge­trei­de­feld zieht. Es ist ein un­be­küm­mer­ter Bur­sche, der sich schein­bar ab­so­lut si­cher fühlt. So, als ob er we­der vom Men­schen, noch von ei­nem äl­te­ren Ri­va­len, der ihm sein Ter­rain strei­tig ma­chen könn­te, et­was zu be­fürch­ten hät­te. See­len­ru­hig zupft er an den Ge­trei­de­äh­ren, nur manch­mal blickt er auf, um die Um­ge­bung zu si­chern.

Ih­ren ers­ten Bock hat Ele­na Lo­de­rer ge­nau ei­nen Mo­nat nach ihEin rem Jagd­schein ge­schos­sen, im Mai 2014. Sie er­zählt das jetzt, wäh­rend sie sich auf dem nun aus­ge­wähl­ten Hoch­sitz ein­rich­tet. Er steht im Wald, am Ran­de ei­ner Lich­tung, und das mit der Wit­te­rung scheint auch zu pas­sen. Je­den­falls braucht die 26-Jäh­ri­ge ihr Pus­te­fix, das klei­ne blaue Dö­schen mit dem brau­nen Bä­ren vor­ne drauf, gar nicht erst aus­zu­pa­cken. Sei­fen­bla­sen? „Da­mit schau ich manch­mal, wie der Wind geht.“Blö­de Fra­ge jetzt, aber wo das Wild doch oh­ne­hin so vie­les wit­tert – trägt man als Jä­ge­rin ei­gen­tReh­bock lich Par­fum? Lo­de­rer lacht, nein, im Wald dann doch eher nicht. Aber noch ein­mal zu­rück zu ih­rem ers­ten Ab­schuss, die­sem dann doch be­son­de­ren Mo­ment. „Man kann nicht be­schrei­ben, was ei­nem da durch den Kopf geht.“Ja, Stolz schon auch, aber eben­falls so et­was wie Ehr­furcht, auch Mit­leid, schließ­lich ha­be man gera­de ein Le­be­we­sen ge­tö­tet. Nach dem ob­li­ga­ten letz­ten Bis­sen, al­so dem ri­tu­el­len Zweig für das er­leg­te Wild, stand sie dann je­den­falls mit ab­ge­nom­me­nen Hut ei­ne Mi­nu­te still vor dem er­leg­ten Bock – und so macht sie es noch heu­te, so hat sie es von ih­rem Va­ter, eben­falls Jä­ger, ge­lernt. „Es geht um den Re­spekt vor dem Tier.“

Su­san­ne Schmid, im nie­der­baye­ri­schen Saal an der Do­nau zu Hau­se, stammt eben­falls aus ei­ner Jä­ger­fa­mi­lie. Opa, Va­ter, Mut­ter, Bru­der und ihr Freund ge­hen in ei­nem rund 400 Hekt­ar gro­ßen Re­vier na­he Kelheim auf die Pirsch. So kam auch die 27-Jäh­ri­ge zur Jagd. Von 2007 bis 2011 re­prä­sen­tier­te sie den Jagd­ver­band als Kö­ni­gin. „Ich bin in die­ser Zeit viel her­um­ge­kom­men, ha­be viel er­lebt“, sagt sie. Hö­he­punkt ih­rer vier­jäh­ri­gen „Re­gent­schaft“war ei­ne Au­di­enz ge­mein­sam mit baye­ri­schen Jagd­horn­blä­sern bei Papst Be­ne­dikt XVI.

Es knackt in der Di­ckung. Der jun­ge Reh­bock schreckt auf, blickt kurz in den Wald und springt ab. Dro­hen­de Ge­fahr? Nein. Ein Ha­se hop­pelt auf die Lich­tung und ver­schwin­det dann eben­falls im Ge­trei­de­feld. Des­sen Auf­tritt hat aus­ge­reicht, um den Bock so zu be­un­ru­hi­gen, dass er flüch­tet. Ei­ne Reh­geiß, die kurz dar­auf auf die Lich­tung zieht, stört der Ha­se da­ge­gen nicht.

Fast zehn Pro­zent der rund 48000 baye­ri­schen Jä­ger, die dem Ver­band an­ge­hö­ren, sind Frau­en. Vor ei­ni­gen Jah­ren wa­ren sie noch Exo­tin­nen in ei­ner Män­ner­do­mä­ne. Heu­te mel­den sich Frau­en aus al­len Ge­sell­schafts­schich­ten zur Jä­ger­prü­fung an. Man­che kom­men durch ih­re Vä­ter oder Ehe­män­ner zur Jagd, wie­der an­de­re durch ih­ren Hund. Aber es gibt auch Quer­ein­stei­ger, wie Su­san­ne Schmid be­tont. Sie al­le ver­bin­de die Lie­be zur Na­tur,

Ein Mäh­dre­scher be­ginnt, sei­ne Run­den zu dre­hen

Mit Sei­fen­bla­sen tes­tet sie, wo­her der Wind kommt

die He­ge des Wil­des und der Er­halt der Ar­ten­viel­falt. Bay­erns Jä­ger-Prä­si­dent Jürgen Vo­cke freut sich über die­sen Trend. „Wir müs­sen raus aus al­ten Kli­schees.“Frau­en, sagt er, sei­en für die Jagd ei­ne gro­ße Be­rei­che­rung, „weil sie viel sen­si­bler den­ken als Män­ner“.

Kei­ne Fra­ge: Zur Jagd ge­hört auch der Wunsch, Beu­te zu ma­chen. „Das Wild, das er­legt wird, ver­wer­ten wir selbst“, sagt Su­san­ne Schmid. 39 Stück Reh­wild müs­sen in ih­rem Re­vier in ei­nem drei­jäh­ri­gen Tur­nus ge­schos­sen wer­den. Der Ab­schuss sei auch des­halb nö­tig, um ei­nen ge­sun­den Wild­be­stand zu er­hal­ten.

Su­san­ne Schmid ist oft drau­ßen im Re­vier, wenn es die Zeit er­laubt. Meist mit ih­ren Hun­den, dem 13 Wo­chen al­ten Jagd­ter­ri­er Al­fons, ge­nannt der „klei­ne Fon­si“, dem Klei­nen Müns­ter­län­der Jack und der Deutsch-Kurz­haar-Hün­din Gretl. Ih­re Pas­si­on hat die jun­ge Frau in­zwi­schen zum Be­ruf ge­macht. Beim Baye­ri­schen Jagd­ver­band ist sie als Re­fe­ren­tin für Pres­se- und Öf­fent­lich­keits­ar­beit täg­lich mit dem The­ma Jagd be­fasst.

War­um be­wirbt man sich denn um das Eh­ren­amt der Jagd­kö­ni­gin? Ele­na Lo­de­rer über­legt nicht lan­ge: Weil sie die Leu­te für die Jagd be­geis­tern wol­le. Weil sie den Wald, die Na­tur und das Wild lie­be.

Und wie um das zu un­ter­strei­chen, taucht un­ten auf der Lich­tung – ob­wohl wir uns doch un­ter­hal­ten und noch da­zu ein Ei­chel­hä­her, die­se Pet­ze, hei­ser vor un­se­rer An­we­sen­heit warnt – ein Kitz auf und stellt sich fast schon wie ein Por­zel­lan­reh auf ei­nen klei­nen, abend­son­nen­sat­ten Erd­hü­gel. Rechts kommt ei­ne Geiß aus der Di­ckung, wei­ter hin­ten hop­pelt ein Ha­se, und man meint jetzt, man sei in­mit­ten ei­nes Dis­ney-Films. Es ist aber ein ganz nor­ma­ler Wald. In die­sem Mo­ment: Ele­na Lo­de­rers Wald.

Ob sie jetzt ger­ne schie­ßen wür­de? Nein, ers­tens sei jetzt da­für gar kei­ne Ab­schuss­zeit, und auf Kit­ze schie­ße sie so­wie­so nie. Göt­tin der Jagd, Hü­te­rin der Kin­der.

„Da be­ob­ach­te ich lie­ber und freue mich an den wun­der­schö­nen Tie­ren.“Ele­na Lo­de­rer flüs­tert jetzt, be­ob­ach­tet wei­ter, und al­les an ihr strahlt.

Fo­to: Ul­rich Wa­gner

Zwei Frau­en auf der Pirsch: Ele­na Lo­de­rer, die am­tie­ren­de Kö­ni­gin des Baye­ri­schen Jagd­ver­ban­des (links), und Su­san­ne Schmid, ei­ne ih­rer Vor­gän­ge­rin­nen, zu­sam­men mit der Hün­din Dea Dia.

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