Das er­war­te­te Wun­der

Nie zu­vor in der Olym­pia-Ge­schich­te stan­den ein Frau­en- und ein Män­ner­team der­sel­ben Na­ti­on im Fuß­ball-End­spiel. Bei Deutsch­land kommt das nicht ganz über­ra­schend

Mittelschwaebische Nachrichten - - Olympische Spiele 2016 - VON RE­NÉ LAU­ER UND SE­BAS­TI­AN KAPP

Rio de Janei­ro Wenn ei­ne deut­sche Na­tio­nal­mann­schaft in ei­nem Fuß­ball-End­spiel steht, ist das kei­ne Über­ra­schung. Ei­gent­lich. Die Män­ner gel­ten nicht zu­letzt we­gen des WM-Tri­um­phes 2014 als ei­nes der welt­bes­ten Teams, die Frau­en zäh­len seit Jah­ren zu den Ti­tel­fa­vo­ri­ten. Jetzt, da bei­de Mann­schaf­ten im End­spiel von Olym­pia ste­hen, kommt dies den­noch ei­ner Sen­sa­ti­on gleich. Wenn auch nur ei­ner klei­nen.

Denn be­gon­nen ha­ben die Olym­pi­schen Spie­le für die deut­schen Teams al­les an­de­re als op­ti­mal – wenn auch aus un­ter­schied­li­chen Grün­den. Män­ner-Na­tio­nal­trai­ner Horst Hru­besch hat­te gro­ße Schwie­rig­kei­ten, sei­nen Ka­der zu­sam­men­zu­stel­len, weil vie­le Ver­ei­ne ih­re Spie­ler nicht frei­ga­ben. Und die am­tie­ren­den Eu­ro­pa­meis­ter von Sil­via Neid hin­ter­lie­ßen zu Tur­nier­be­ginn nicht den Ein­druck, als könn­ten sie das er­klär­te Ziel „Gold“er­rei­chen.

Den Auf­takt­sieg ge­gen ein schwa­ches Sim­bab­we be­zahl­ten die Deut­schen teu­er, mit Si­mo­ne Laud­ehr ver­letz­te sich ei­ne der bes­ten Spie­le­rin­nen so schwer, dass das Tur­nier für sie schon vor der Er­öff­nungs­fei­er ge­lau­fen war.

Die wei­te­ren Grup­pen­spie­le, ein glück­li­cher Punkt­ge­winn durch ein Ei­gen­tor kurz vor Spie­len­de ge­gen Aus­tra­li­en und das 1:2 ge­gen Ka­na­da, weck­ten Er­in­ne­run­gen an ver­gan­ge­ne Olym­pia-Leis­tun­gen der deut­schen Frau­en. Rich­tig warm wur­de das Neid-Team nie mit Olym­pia. Für Lon­don 2012 ver­pass­te es die Qua­li­fi­ka­ti­on, in Syd­ney (2000), Athen (2004) und Pe­king (2008) reich­te es zu­min­dest zum drit­ten Platz und Bron­ze. Zu we­nig, ge­mes­sen an den Am­bi­tio­nen des mehr­fa­chen Welt- und Eu­ro­pa­meis­ters.

In Rio ha­ben die Frau­en so­mit mehr er­reicht als je­mals zu­vor. Und das, ob­wohl sie nur dank der bes­se­ren Tor­dif­fe­renz in die K.-o.-Pha­se ein­zo­gen. Da­bei sind es nicht die spek­ta­ku­lä­ren To­re von Alex­an­dra Popp und An­ja Mit­tag, die das deut- sche Spiel in Rio prä­gen. Den Un­ter­schied mach­te in Rio wiederholt die drei­fa­che Tor­schüt­zin Sa­ra Dä­britz, die bis­her in der Na­tio­nal­mann­schaft kei­ne Haupt­rol­le ein­nahm.

Dä­britz ist nicht die Ein­zi­ge, die bei Olym­pia über­rascht. Me­la­nie Beh­rin­gers Kar­rie­re in der Na­tio­nal­mann­schaft schien vor­über. Bei Olym­pia schenkt die Bun­des­trai­ne­rin dem 30-jäh­ri­gen Ka­pi­tän des FC Bay­ern das Ver­trau­en. Mit Leis­tung zahlt Beh­rin­ger zu­rück.

Letz­te Hür­de auf dem Weg zu Gold ist Schwe­den (Frei­tag, 22.30 Uhr), das sich im Elf­me­ter­schie­ßen ge­gen die USA und das fa­vo­ri­sier­te Bra­si­li­en durch­setz­te. „Die sind nicht er­freut, ge­gen uns zu spie­len“, be­tont Beh­rin­ger selbst­be­wusst. „Schwe­den liegt uns.“Die Gold­me­dail­le ist nach ei­nem ge­brauch­ten Start ins Tur­nier zum Grei­fen nah.

Frau­en wie Män­ner pro­fi­tie­ren von der ge­ziel­ten Ta­lent­för­de­rung des Deut­schen Fuß­ball-Bun­des (DFB). Das Geld da­für ist in der Da­ch­or­ga­ni­sa­ti­on vor­han­den. Bei­spiel: Für rund 89 Mil­lio­nen Eu­ro wird der DFB ab 2017 in Frank­furt am Main ei­ne ei­ge­ne Aka­de­mie er­rich­ten.

Nach dem ka­ta­stro­pha­len Ab­schnei­den bei der EM 2000 re­vo­lu­tio­nier­te der Ver­band sei­ne Aus­bil­dung, leg­te Wert auf Ba­sis­ar­beit, Eli­te­schu­len und Leis­tungs­zen­tren ent­stan­den. Die Na­tio­nal­teams und Ver­ei­ne ver­fü­gen seit­dem über ei­nen gut aus­ge­bil­de­ten Un­ter­bau. Der WM-Ti­tel der Män­ner ist ein Er­geb­nis da­von.

Wie gut die­ser Un­ter­bau in­zwi­schen aus­ge­bil­det ist, ver­deut­licht das Olym­pia-Team der Män­ner. Trotz der un­zäh­li­gen Ab­sa­gen ver­fügt Hru­besch wei­ter über ei­ne schlag­kräf­ti­ge Mann­schaft. Welt­meis­ter Mat­thi­as Gin­ter, Ju­li­an Brandt oder die Zwil­lin­ge Lars und Sven Ben­der be­fin­den oder be­fan­den sich im er­wei­ter­ten Kreis der A-Na­tio­nal­mann­schaft.

Dass kei­ne Ab­stel­lungs­pflicht der Ver­ei­ne be­steht, stell­te ne­ben Deutsch­land auch an­de­re Na­tio­nen vor Pro­ble­me. Olym­pia-Trai­ner wie Horst Hru­besch such­ten hän­de­rin­gend Spie­ler, Ti­tel­ver­tei­di­ger Me­xi­ko muss­te auf Le­ver­ku­sens Chicha­ri­to ver­zich­ten, Dä­ne­mark auf Glad­bachs Andre­as Chris­ten­sen. Bra­si­li­ens Ney­mar ist ein­zi­ger Su­per­star des Tur­niers. Der Fi­nal­ein­zug Deutsch­lands fußt folg­lich nicht nur auf ei­ge­ner Stär­ke, er er­klärt sich auch durch die Schwä­che an­de­rer Fuß­ball-Na­tio­nen. Dass Hon­du­ras um Bron­ze spielt, ver­deut­licht das.

Die si­che­re Sil­ber­me­dail­le ist der größ­te Er­folg für ein Män­ner­team der Bun­des­re­pu­blik. Ein­zig die DDR ge­wann 1976 Gold. Die letz­te Me­dail­le ge­wan­nen vor 28 Jah­ren Klins­mann und Co., als sie in Seo­ul Bron­ze hol­ten. Kein ak­tu­el­ler Olym­pia-Ki­cker war da ge­bo­ren.

Mit je­dem Spiel ge­wann das Hru­besch-Team an Si­cher­heit, selbst die Ver­let­zung von Ka­pi­tän und Schlüs­sel­spie­ler Le­on Go­retz­ka ver­kraf­te­te es. An­de­re spran­gen ein. Ser­ge Gn­ab­ry war beim FC Ar­senal nur Re­ser­vist, zu­sam­men mit dem 27-jäh­ri­gen „Ol­die“Nils Pe­ter­sen (SC Frei­burg) führt er in Rio mit sechs Tref­fern die Tor­schüt­zen­lis­te an.

Aus­sa­ge­kraft über die Leis­tungs­stär­ke des Teams hat­ten das 4:0 ge­gen Por­tu­gal und das 2:0 ge­gen Ni­ge­ria. Dass die deut­schen Män­ner im End­spiel ste­hen, ver­wun­dert nicht.

Das Traum­fi­na­le ge­gen Bra­si­li­en steigt im le­gen­dä­ren Ma­ra­canã, ei­nem He­xen­kes­sel (Sams­tag, 22.30 Uhr). Die Bra­si­lia­ner ha­ben die Deut­schen wäh­rend des Tur­niers aus­ge­pfif­fen, wohl als Re­ak­ti­on auf das 1:7 bei der WM 2014. Doch da­von ließ sich das Team nicht ir­ri­tie­ren. Lu­kas Klos­ter­mann kün­dig­te an: „Jetzt ist al­les mög­lich. Wir wer­den noch mal al­les rein­hau­en.“

So­wohl Sil­via Neid als auch Horst Hru­besch wer­den nach Olym­pia als Na­tio­nal­trai­ner auf­hö­ren, Gold wä­re für bei­de ein krö­nen­der Ab­schluss. (mit jo­ga)

DFB steckt Mil­lio­nen in die Nach­wuchs­ar­beit

Fo­to: dpa

Der Augs­bur­ger Phil­ipp Max und Nils Pe­ter­sen stei­ger­ten sich mit dem deut­schen Team von Spiel zu Spiel.

Fo­to: Gus­ta­vo And­ra­de, afp

Sa­ra Dä­britz ist die Olym­pia-Ent­de­ckung im Ka­der der deut­schen Frau­en-Na­tio­nal­mann­schaft. Sie hat be­reits drei To­re er­zielt.

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Sil­via Neid rief die Gold­me­dail­le von An­fang an als Ziel aus.

Fo­to: dpa

Horst Hru­besch hat­te nur we­ni­ge Ta­ge Vor­be­rei­tungs­zeit auf Rio.

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