Ge­sucht: der per­fek­te Ath­let

Der Mo­der­ne Fünf­kampf wur­de ins Le­ben ge­ru­fen, um den idea­len Sport­ler zu kü­ren. Doch heu­te gibt es zahl­rei­che Mehr­kampf­dis­zi­pli­nen. Ist der An­spruch noch ge­recht­fer­tigt?

Mittelschwaebische Nachrichten - - Olympische Spiele 2016 - VON SE­BAS­TI­AN KAPP

Augs­burg/Rio de Janei­ro In 306 Ent­schei­dun­gen ja­gen die Ath­le­ten in Rio nach Gold. Im Me­dail­len­spie­gel zählt je­der Sieg gleich viel – doch gibt es Gold­me­dail­len, die ei­nen be­son­de­ren, fast kö­nig­li­chen Glanz ha­ben: den Glanz des Kö­nigs der Ath­le­ten, dem Be­son­de­ren un­ter den Bes­ten. Die Zehn­kämp­fer nen­nen sich „Kö­ni­ge der Leicht­ath­le­ten“. Die Mo­der­nen Fünf­kämp­fer su­chen den „per­fek­ten Ath­le­ten“. Und die Tri­ath­le­ten nen­nen ih­ren Wett­kampf auf Ha­waii nicht um­sonst „Iron­man“. Doch wel­che Dis­zi­plin ist tat­säch­lich die kom­plet­tes­te?

Ste­fan Kün­zell ist Pro­fes­sor für Be­we­gungs- und Trai­nings­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Augs­burg. Er er­klärt die Kri­te­ri­en, nach de­nen die Viel­sei­tig­keit von Sport­ar­ten be­wer­tet wer­den kann: „Wir kön­nen zwi­schen fünf Gr­und­fä­hig­kei­ten im Sport dif­fe­ren­zie­ren“, sagt er: „Aus­dau­er, Kraft, Schnel­lig­keit, Be­weg­lich­keit und Ko­or­di­na­ti­on.“Hin­zu kä­men tak­ti­sche und tech­ni- sche Ele­men­te. Kom­plett be­deu­te für ihn, die­se Be­rei­che mög­lichst breit ab­zu­de­cken.

Tri­ath­lon Der Trumpf des Tri­ath­le­ten ist sei­ne Aus­dau­er. Bei Olym­pia muss er 1,5 Ki­lo­me­ter schwim­men, 40 Ki­lo­me­ter Rad­fah­ren und 10 Ki­lo­me­ter lau­fen. Das mag nach viel klin­gen – doch beim Iron­man sind es 3,86 Ki­lo­me­ter Schwim­men, 180 Ki­lo­me­ter Rad­fah­ren und 42,2 Ki­lo­me­ter (Ma­ra­thon) Lau­fen. Ei­ne Pau­se gibt es nicht. „Der Tri­ath­let braucht ein Höchst­maß an Aus­dau­er“, er­klärt Ste­phan Kün­zell. Und er müs­se auch am här­tes­ten trai­nie­ren. „Mit dem Aus­dau­er­trai­ning ei­nes Tri­ath­le­ten kann al­len­falls noch ein Pro­fi­rad­fah­rer mit­hal­ten.“Die Män­ner wa­ren in Rio be­reits am Don­ners­tag un­ter­wegs. Die Frau­en sind am Sams­tag, eben­falls ab 16 Uhr, auf der Stre­cke.

Zehn­kampf Doch Aus­dau­er ist nur ei­nes von vie­len Kri­te­ri­en. Schon deut­lich mehr deckt da der Zehn­kämp­fer ab. Die Dis­zi­plin hat ih­re Ur­sprün­ge be­reits im an­ti­ken Olym­pia. Im Fünf­kampf (Pen­tath- lon) muss­ten Ath­le­ten Sprin­gen, Lau­fen, Dis­kus- und Speer­wer­fen so­wie Rin­gen. Mit Aus­nah­me des Rin­gens ist das auch heu­te noch die Ba­sis des Zehn­kampfs. Es wer­den al­le fünf Grund­kri­te­ri­en ab­ge­fragt, wie Kün­zell er­klärt. Das Fi­na­le bei den Spie­len in Rio fand in der ver­gan­ge­nen Nacht statt. Bei den Frau­en ist der Sie­ben­kampf ver­gleich­bar.

Mo­der­ner Fünf­kampf Noch ei­ne Spur kom­ple­xer ist der Mo­der­ne Fünf­kampf. Denn wäh­rend die Teil­dis­zi­pli­nen des Zehn­kampfs nur we­ni­ge An­for­de­run­gen gleich­zei­tig an den Sport­ler stell­ten, sei das bei dem Kom­bi­na­ti­ons­sport aus Schwim­men, Fech­ten, Rei­ten, Schie­ßen und Lau­fen an­ders, er­klärt Kün­zell. „Hier gibt es schon in­ner­halb der Dis­zi­pli­nen ver­schie­de­ne An­for­de­run­gen“, sagt der Sport­wis­sen­schaft­ler. „Das Fech­ten mit sei­nen Fin­ten und sei­nen Re­fle­xen for­dert noch ein­mal mehr“, er­klärt Kün­zell. Und die Her­aus­for­de­rung, sich in ein zu­ge­los­tes Pferd hin­ein­zu­ver­set­zen, sei da noch gar nicht er­wähnt. Hin­zu kom­men zahl­rei­che Ve­rän­de­run­gen in den ver­gan­ge­nen Jah­ren, die die 104 Jah­re al­te Dis­zi­plin mo­der­ner ma­chen sol­len. Lau­fen und Schie­ßen wer­den – ähn­lich wie Bi­ath­lon – als Kom­bi­na­ti­on durch­ge­führt. „Auch das macht den Sport här­ter“, sagt Kün­zell. Da­mit sei er fast un­schlag­bar in der Ab­wechs­lung. Da­von kann man sich am Frei­tag (Frau­en) und Sams­tag (Män­ner) je­weils ab 23 Uhr über­zeu­gen, wenn die fi­na­len Ren­nen an­ste­hen.

Der Jo­ker Fast un­schlag­bar? „Wir ha­ben bei den Ball­sport­ar­ten ei­ne re­la­tiv star­ke Mi­schung aus Tech­nik, Tak­tik und Kon­di­ti­on“, sagt der Sport­wis­sen­schaft­ler. Un­ter Kon­di­ti­on fal­len hier auch Aus­dau­er, Kraft, Schnel­lig­keit und Be­weg­lich­keit. Ist al­so am En­de der Fuß­bal­ler der Kö­nig der Ath­le­ten? So weit will Ste­fan Kün­zell dann doch nicht ge­hen. Schließ­lich sei dies ja kei­ne In­di­vi­du­al­sport­art und schwer zu ver­glei­chen. Der Mo­der­ne Fünf­kampf ha­be al­so noch im­mer gu­te Grün­de, sei­nen Sie­ger zum „per­fek­ten Ath­le­ten“zu kü­ren.

Fo­to: Brit­ta Pe­der­sen, dpa

Le­na Schö­ne­born ist die Vor­zei­ge-Sport­le­rin des deut­schen Mo­der­nen Fünf­kampfs. Ist sie die per­fek­te Ath­le­tin?

Fo­to: Mar­kus Scholz, dpa

An­ne Haug wird für Deutsch­land im Tri­ath­lon star­ten.

Fo­to: Micha­el Kap­peler, dpa

Zehn­kämp­fer Kai Kaz­mi­rek beim Ku­gel­sto­ßen.

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