„IOC muss Po­li­tik ver­än­dern“

Leicht­ath­le­tik-Chef Cle­mens Prokop er­hebt Vor­wür­fe

Mittelschwaebische Nachrichten - - Olympische Spiele 2016 -

Hat es Ih­nen ge­fal­len, dass Russ­lands Leicht­ath­le­ten nicht da­bei wa­ren? Prokop: Ich hal­te die Ent­schei­dung des In­ter­na­tio­na­len Olym­pi­schen Ko­mi­tees nach wie vor für falsch. Das IOC hat viel an Glaub­wür­dig­keit im Kampf ge­gen Do­ping ein­ge­büßt.

IOC-Prä­si­dent Tho­mas Bach ver­tei­digt wei­ter die Ent­schei­dung, Russ­land nicht kom­plett we­gen Staats­do­pings von den Rio-Spie­len aus­ge­schlos­sen zu ha­ben, weil man dem ein­zel­nen Ath­le­ten ge­recht wer­den muss. Prokop: Auch der Prä­si­dent des IOC hat ei­nen schwe­ren Ima­ge­scha­den er­lit­ten. Die An­kün­di­gung von här­tes­ten Sank­tio­nen und die fast fol­gen­lo­se Hin­nah­me von Be­trugs­vor­gän­gen bei Olym­pi­schen Spie­len pas­sen nicht zu­sam­men. Das IOC muss sei­ne Po­li­tik ver­än­dern, sie muss an den In­ter­es­sen des Sports aus­ge­rich­tet wer­den und nicht vor­der­grün­dig nach po­li­ti­schen In­ter­es­sen.

Der Leicht­ath­le­tik-Welt­ver­band IAAF zeig­te Här­te und ver­bann­te Russ­land von den Rio-Spie­len … Prokop: Ich freue mich über die kla­ren Po­si­tio­nen, die die IAAF und de­ren Prä­si­dent Se­bas­ti­an Coe be­zo­gen hat. Das ist vor­bild­haft für al­le an­de­ren Sport­ar­ten. Ich wür­de mir wün­schen, dass sich das IOC ein Bei­spiel dar­an nimmt.

Ha­ben Sie den Ein­druck, dass Russ­land ein­ge­se­hen hat, was für ei­nen Scha­den es mit dem mas­si­ven Sport­be­trug an­ge­rich­tet hat? Ist ei­ne Do­ping-Wen­de in dem Land in Sicht? Prokop: Die Äu­ße­run­gen von rus­si­scher Sei­te we­cken nicht den Ein­druck, dass ein Re­form­pro­zess nach­voll­zieh­bar in Russ­land be­ginnt, son­dern es ist eher ei­ne Ab­wehr­schlacht. Ich den­ke, so­lan­ge kein wirk­li­cher Wech­sel in Russ­land er­kenn­bar ist, kann das Land am in­ter­na­tio­na­len Sport­ge­sche­hen nicht teil­neh­men.

Der DOSB hat be­reits er­klärt, dass das Ziel, 44 Me­dail­len wie in Lon­don 2012 zu ge­win­nen, nicht zu er­rei­chen sein wird. Ist das schlimm? Prokop: Ich will die sport­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit nicht nur am Maß­stab der Me­dail­len­zahl be­wer­ten, aber es ist ein Grund, dar­über nach­zu­den­ken, ob die Spit­zen­sport­för­de­rung wirk­lich op­ti­mal ist.

Des­halb soll es ei­ne Leis­tungs­sport­re­form ge­ben. Ha­ben Sie den Ein­druck, es geht nicht in die rich­ti­ge Rich­tung? Prokop: Der Pro­zess ist im Gan­ge. Man muss sich aber auch ei­nig sein, was die Kri­te­ri­en sein sol­len. Die Pro­duk­ti­on von Me­dail­len wür­de ich nicht als al­lein se­lig ma­chen­den Maß­stab an­se­hen.

153 Mil­lio­nen Eu­ro zahlt der Bund pro Jahr für Spit­zen­sport. Muss mehr da­zu­kom­men? Prokop: Ich glau­be, mit mehr Geld kann man mehr ma­chen. Da kann ich für die Leicht­ath­le­tik spre­chen. Aus den Spie­len 2008 sind wir mit ei­ner Me­dail­le her­aus­ge­kom­men, ha­ben ei­ne Er­hö­hung der För­der­mit­tel er­hal­ten und konn­ten uns schlag­ar­tig ver­bes­sern. Al­ler­dings wä­re es ein Irr­glau­be, die Mit­tel be­lie­big zu er­hö­hen und es kommt mehr Er­folg raus. Die Ath­le­ten sind kei­ne Ma­schi­nen, in die ich oben Geld rein­wer­fe und un­ten kom­men Me­dail­len raus. (dpa)

Zur Per­son Cle­mens Prokop ist seit 2001 Prä­si­dent des Deut­schen Leicht­ath­le­tik-Ver­ban­des. Der 59-jäh­ri­ge Ju­rist aus Re­gens­burg und ehe­ma­li­ge Leicht­ath­let ge­hört seit Jah­ren zu den Vor­kämp­fern im An­ti-Do­ping-Kampf.

Cle­mens Prokop

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