„Mich wun­dert nichts mehr“

Der deut­sche Olym­pia-Prä­si­dent Hör­man hat für den An­ti-Do­ping­kampf kei­ne Hoff­nung. An an­de­ren Stel­len fällt das Ur­teil der Funk­tio­nä­re über die Spie­le in Rio al­ler­dings freund­li­cher aus

Mittelschwaebische Nachrichten - - Olympische Spiele 2016 - VON PE­TER DEI­NIN­GER

Rio Für Micha­el Ve­sper wa­ren die Spie­le „ein Ab und Auf“. Der Chef de Mis­si­on der deut­schen Olym­pia­mann­schaft konn­te nach schwa­chem Be­ginn auf der Ab­schluss­kon­fe­renz in Rio mit­tei­len, dass es doch nicht so schlimm kam wie zu­nächst be­fürch­tet. Das Team ge­wann 42 Me­dail­len, nur zwei we­ni­ger als 2012 in Lon­don, da­für aber mit 17 er­heb­lich mehr Gold­me­dail­len (11). Das be­deu­tet Rang fünf in der Rang­lis­te mit Schwer­punkt Gold und Platz fünf bei der An­zahl der Pla­ket­ten (zu­sam­men mit Frank­reich).

Der Me­dail­len­spie­gel Nach Mei­nung von DOSB-Prä­si­dent Al­fons Hör­mann zeigt sich, dass im­mer mehr Na­tio­nen in die Leis­tungs­spit­ze vor­drin­gen. Die USA und Groß­bri­tan­ni­en sind die Top-Na­tio­nen. „Bei den Bri­ten hat der Ef­fekt der Heim­spie­le 2012 zu ei­nem hö­he­ren Ni­veau ge­führt“, so der All­gäu­er. Die Ver­lie­rer sind für ihn Chi­na, Süd­ko­rea und Aus­tra­li­en. „Das aus­tra­li­sche Sport­sys­tem wur­de uns im­mer als Vor­bild ge­prie­sen, jetzt gibt es dort ei­ne Dis­kus­si­on, ob sie sich nicht an Deutsch­land ori­en­tie­ren wol­len.“

Das deut­sche Team Laut Micha­el Ve­sper ha­ben sich die Ath­le­ten „als sym­pa­thi­sche Bot­schaf­ter un­se­res Lan­des ge­zeigt“. Wie groß der Zu­sam­men­halt der Mann­schaft ge­we­sen sei, ha­be die Ge­denk­fei­er für den Ka­nu­sla­lom-Bun­des­trai­ner Ste­fan Hen­ze ge­zeigt, der an den Fol­gen ei­nes Au­to­un­falls ge­stor­ben ist. „Da­ran ha­ben über 200 Ath­le­ten teil­ge­nom­men.“

Die sport­li­che Bi­lanz Das „ehr­gei­zi­ge Ziel“(DOSB-Vor­stand Leis­tungs­sport Dirk Schim­mel­pfen­nig) – die 44 Me­dail­len von Lon­don – wur­de knapp ver­fehlt. Ge­gen­über den Ziel­vor­stel­lun­gen gab es vor al­lem De­fi­zi­te im Rad­sport, Ju­do und der Leicht­ath­le­tik. In die­ser Kern­sport­art (47 Ent­schei­dun­gen) gab es laut Schim­mel­pfen­nig drei Pro­blem­fel­der. Aus­sichts­rei­che Ath­le­ten hat­ten Ver­let­zungs­pau­sen hin­ter sich, die Eu­ro­pa­meis­ter­schaft war nicht hilf­reich für die Trai­nings­steue­rung und die we­gen Zi­ka ver­än­der­te Vor­be­rei­tung brach­te Un­ru­he. All­ge­mein gab es das De­fi­zit zu we­ni­ger Fi­nal­plät­ze. „Wir müs­sen ver­su­chen, uns in Zu­kunft brei­ter auf­zu­stel­len“, so Schim­mel­pfen­nig, der in Rio „vie­le Fa­vo­ri­ten­stür­ze“ge­se­hen hat.

Die Ge­win­ner Die Renn­ka­nu­ten und die Rei­ter ha­ben die Er­war­tun­gen mehr als er­füllt, die po­si­ti­ve Über­ra­schung wa­ren die Schüt­zen, die ih­re Bi­lanz ge­gen­über Lon­don von null auf fünf ver­bes­ser­ten. Mo­ni­ka Karsch den Bann mit ih­rer Me­dail­le ge­bro­chen hat­te, ist al­les op­ti­mal ge­lau­fen“, sagt Dirk Schim­mel­pfen­nig. Der Ver­band ha­be die rich­ti­gen Schlüs­se aus 2012 ge­zo­gen und Ath­le­ten zu­sätz­lich aus sei­nen Mit­teln ge­för­dert. Olym­pia in Rio – das wa­ren auch „Spie­le der Spie­le“. Die Er­fol­ge der deut­schen Mann­schaf­ten – mit den Fuß­bal­lern an der Spit­ze – ha­ben Strah­lungs­kraft, ist sich DOSB-Chef Hör­mann si­cher. „Da­mit kom­men fast ein Drit­tel un­se­rer Olym­pia­teil­neh­mer mit ei­ner Me­dail­le nach Hau­se.“

Die Ver­lie­rer Schwim­mer und Fech­ter ha­ben den An­schluss an die Welt­klas­se ver­passt. Her­ab­ge­setz­te Teil­nah­me-Nor­men hat­ten beim Schwim­men – eben­so wie in der Leicht­ath­le­tik – nicht die ge­wünsch­te Wir­kung. „Kei­ner der auf die­se Wei­se no­mi­nier­ten Sport­ler konn­te die Gunst der St­un­de nut­zen“, so Schim­mel­pfen­nig. Bei den Schwim­mern sta­chen auch die we­ni­gen Trümp­fe nicht. „Das wird ein lan­ger Weg.“

Die Re­form Nach den Vor­stel­lun­gen des DOSB soll in Zu­sam­men­ar­beit mit In­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re und den Län­dern bis An­fang 2018 ein neu­es Sport­för­der­kon­zept grei­fen. Es könn­te zu gro­ßen Ve­rän­de­run­gen füh­ren, auch wenn die Fra­ge der Fi­nan­zen noch nicht be­spro­chen wur­de. „Erst die ge­plan­te Struk­tur ent­wi­ckeln, dann über das Geld re­den“, heißt die Rei­hen­fol­ge von Al­fons Hör­mann. Wer Spit­zen­trai­ner will, muss mehr zah­len, das weiß auch er. „Es kann ja auch sein, dass das Bud­get ei­nes Ver­ban­des auf zu vie­le Köp­fe ver­teilt ist“, deu­tet er ei­ne mög­li­che Rich­tung an. Auch die Zahl der Olym­pia- bzw. Bun­des­stütz­punk­te steht zur Dis­po­si­ti­on. „Wir soll­ten kei­ne Angst da­vor ha­ben, son­dern un­se­re geis­ti­gen Ka­pa­zi­tä­ten eher zum Nach­den­ken und Vor­den­ken ein­set­zen“, so Hör­mann.

Das Do­ping­pro­blem Der DOSB„Nach­dem Prä­si­dent spricht von ei­nem Me­dail­len­spie­gel der Schan­de. Bei Nach­tests von Urin­pro­ben frü­he­rer Spie­le wur­den vie­le Me­dail­len­ge­win­ner über­führt. Die­se Wer­tung füh­ren die USA und Russ­land mit je elf Ak­teu­ren an. Von den ak­tu­el­len Spie­len wur­de ein Teil der rus­si­schen Mann­schaft aus­ge­schlos­sen. „Was die Ar­beit der Welt-An­ti-Do­pingA­gen­tur an­geht, hat sich mein Bild dra­ma­tisch ver­än­dert. Mich wun­dert nichts mehr“, so Hör­mann. Die Glaub­wür­dig­keit des Spit­zen­sports ist mehr als ram­po­niert.

Der Gast­ge­ber Es gab Kla­gen über das Es­sen, der Trans­port klapp­te manch­mal nicht wie vor­ge­se­hen, die Ent­fer­nun­gen wa­ren rie­sig – das ers­te olym­pi­sche Gast­spiel in Süd­ame­ri­ka hat­te sei­ne Ma­cken, erst recht wäh­rend ei­ner gro­ßen Wirt­schafts­kri­se in Bra­si­li­en. Die deut­schen Funk­tio­nä­re sind den­noch be­müht, kein all­zu har­tes Ur­teil zu fäl­len. Hör­mann hofft trotz­dem auf ein Um­den­ken. „So ein Sport­fest von glo­ba­ler Be­deu­tung stellt gro­ße Her­aus­for­de­run­gen an die Or­ga­ni­sa­ti­on. Ich hof­fe, das IOC und die Fach­ver­bän­de dis­ku­tie­ren künf­tig an­ders, wenn sie die Spie­le ver­ge­ben. Ich wür­de mir wün­schen, dass die nächs­ten Win­ter­spie­le wie­der an ei­ne klas­si­sche Win­ter­sport­na­ti­on ver­ge­ben wer­den.“

Fo­to: dpa

Plant ein neu­es Spor­för­der­kon­zept: DOSB-Prä­si­dent Hör­mann.

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