Die Chro­nik ei­ner Nacht, die Deutsch­land ver­än­dert hat

Mittelschwaebische Nachrichten - - Politik Extra - Kris­ti­na Dunz und Kay Niet­feld, dpa

Es ist die Nacht vom 4. auf den 5. Sep­tem­ber 2015, in der Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel ei­ne fol­gen­schwe­re Ent­schei­dung trifft. In Un­garn wird das Ver­sa­gen der Eu­ro­päi­schen Uni­on in der Flücht­lings­po­li­tik ge­ra­de für al­le Welt sicht­bar, der rechts­na­tio­na­le Mi­nis­ter­prä­si­dent Vic­tor Or­bán ver­schärft die La­ge mit Zäu­nen und Ab­schot­tungs­rhe­to­rik. Tau­sen­de Flücht­lin­ge, vie­le da­von aus dem Bür­ger­kriegs­land Sy­ri­en, fle­hen um Hil­fe. Er­schöpft, ver­zwei­felt, trau­ma­ti­siert – mit ei­nem Rest an Ener­gie schaf­fen es man­che, zu Fuß auf Au­to­bah­nen und Bahn­glei­sen gen Wes­ten zu lau­fen. CDU-Che­fin Mer­kel und Ös­ter­reichs da­ma­li­ger so­zi­al­de­mo­kra­ti­scher Kanz­ler Wer­ner Fay­mann be­fürch­ten To­te. Sie ent­schei­den, die Men­schen un­bü­ro­kra­tisch in ih­re Län­der zu las­sen. Was ei­ne Aus­nah­me sein soll­te, ent­wi­ckelt dann aber ei­ne ei­ge­ne Dy­na­mik. Mer­kel sagt: „Wir schaf­fen das.“Das sagt sie bis heu­te. Ei­ne Re­kon­struk­ti­on rund um die his­to­ri­sche Nacht.

Die Vor­ge­schich­te Im Früh­jahr

An ei­nem ein­zi­gen Tag er­trin­ken fast 1000 Men­schen im Mit­tel­meer, nach­dem ihr Boot auf dem Weg von Li­by­en nach Ita­li­en ge­ken­tert ist. Die EU-Staats- und Re­gie­rungs­chefs sind noch so mit dem grie­chi­schen Schul­den­de­sas­ter be­schäf­tigt, dass sie sich nicht zeit­gleich der nächs­ten Kri­se stel­len wol­len – die viel schlim­mer wer­den wird. Im Som­mer ver­dop­pelt sich die Zahl der in Deutsch­land an­kom­men­den Flücht­lin­ge von Mo­nat zu Mo­nat. Im Au­gust spre­chen die Be­hör­den von ver­mut­lich 800 000 Flücht­lin­gen 2015. Ent­lang der Bal­kan­rou­te drän­gen im­mer mehr Men­schen nach We­st­eu­ro­pa.

26. Au­gust 2015

Erst­mals in ih­rer bis da­hin zehn­jäh­ri­gen Kanz­ler­schaft be­sucht Mer­kel ein Flücht­lings­heim. Im säch­si­schen Hei­denau. SPD-Chef Sig­mar Ga­b­ri­el war zwei Ta­ge vor ihr da ge­we­sen und hat­te rech­te Het­zer und Aus­län­der­fein­de als „Pack“be­schimpft. Als Mer­kel aus ih­rer schwar­zen Li­mou­si­ne steigt, hört sie von der an­de­ren Stra­ßen­sei­te Ru­fe. Re­flex­haft setzt sie zum Win­ken an. Meis­tens ju­beln Bür­ger ihr zu, wenn sie die Kanz­le­rin er­ken­nen. Erst mit Ver­zö­ge­rung ver­steht Mer­kel, was ge­ru­fen wird: „Volks­ver­rä­ter.“Sie ist ir­ri­tiert, kann sol­che Atta­cken ge­gen sich je­doch aus­hal­ten. An­ge­wi­dert ist sie aber von Hass und Ge­walt ge­gen Men­schen, die al­les ver­lo­ren ha­ben. Das Grau­en des Fol­ge­ta­ges ahnt sie noch nicht.

27. Au­gust

Ös­ter­reichs Re­gie­rung rich­tet die West­bal­kan-Kon­fe­renz aus, die sich um die Be­zie­hun­gen der Bal­kan­län­der, Maß­nah­men für ei­nen EU-Bei­tritt und Mi­gra­ti­on küm­mert. Kanz­ler Fay­mann mahnt bei der Er­öff­nung am Mit­tag zum Kampf ge­gen Schlep­per­ban­den: „Wir ha­ben ge­mein­sam die Pflicht, et­wa je­ne, die an die­sem Leid auch noch ver­die­nen, in ih­re Schran­ken zu wei­sen.“Nur ei­ne St­un­de spä­ter, es ist kurz nach 13 Uhr, ver­brei­tet sich ei­ne Schre­ckens­nach­richt. 40 Au­to­mi­nu­ten ent­fernt wur­de ein ab­ge­stell­ter Kühl­las­ter mit un­ga­ri­schem Kenn­zei­chen ent­deckt. Sei­ne Fracht: 71 Flücht­lin­ge – al­le tot. Mer­kel sagt be­klom­men: „Das wa­ren Men­schen, die auf dem Weg wa­ren, um mehr Si­cher­heit und Schutz zu su­chen.“Sie sieht den „rei­chen Kon­ti­nent“Eu­ro­pa in der Pflicht, Flücht­lin­ge zu ret­ten.

Eu­ro­pas Asyl­po­li­tik mit dem Du­blin-Ver­fah­ren hält sie längst für wirk­lich­keits­fremd. Da­nach ist der­je­ni­ge Staat für Asyl­ver­fah­ren zu­stän­dig, in dem Flücht­lin­ge erst­mals EU-Bo­den be­tre­ten. Deutsch­land theo­re­tisch al­so fast nie. Flücht­lin­ge, die es den­noch in ein an­de­res Land schaf­fen, sol­len in ihr Ein­rei­se­land an der EU-Au­ßen­gren­ze zu­rück­ge­bracht wer­den. In der Pra­xis funk­tio­niert das schon lan­ge nicht mehr. In Deutsch­land sind so vie­le an­ge­kom­men, dass das Bun­des­amt für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge mit Prü­fung und Ab­schie­bung nicht mehr hin­ter­her­kommt. Die Be­hör­de ent­schei­det, das Ver­fah­ren bei Sy­rern „zum ge­gen­wär­ti­gen Zeit­punkt wei­test­ge­hend fak­tisch nicht zu ver­fol­gen“. Was als in­ter­ne An­wei­sung ge­dacht ist, ge­langt an die Öf­fent­lich­keit und er­zeugt Fra­gen. Al­so macht das Bamf die Vor­ga­be am 25. Au­gust via Twit­ter selbst pu­blik. Über so­zia­le Me­di­en ver­brei­tet sich der Tweet bis nach Sy­ri­en – was vie­le als Ein­la­dung miss­ver­ste­hen. Mer­kel kor­ri­giert den Kurs nicht. Sy­rer schrei­ben ihr im In­ter­net Lie­bes­bot­schaf­ten.

31. Au­gust

An ei­nem herr­li­chen Som­mer­tag gibt Mer­kel um 13.30 Uhr ih­re tra­di­tio­nel­le Jah­res­pres­se­kon­fe­renz. Sie trägt ei­nen Bla­zer in kräf­ti­gem Ro­sé. Wie im­mer ist sie akri­bisch vor­be­rei­tet. Ih­re Stim­me ist fest, ih­re Stim­mung gut. Dies­mal will sie ei­ne Bot­schaft ver­kün­den. Das Leid von Flücht­lin­gen lin­dern, dem C im Na­men ih­rer CDU die ori­gi­nä­re christ­li­che Be­deu­tung zu­mes­sen – und das Land ver­än­dern. Um 13.44 Uhr sagt sie: „Wir schaf­fen das, und wo uns et­was im We­ge steht, muss es über­wun­den wer­den.“Wir schaf­fen das, die­ser Satz wird ih­re Kanz­ler­schaft prä­gen. Das ist schon in die­sem Mo­ment klar. Nie zu­vor hat Mer­kel so an den Mut und die Her­zen der Men­schen ap­pel­liert. Und selbst so viel Cou­ra­ge und Wär­me aus­ge­strahlt. Zeit­gleich winkt Un­garn Flücht­lin­ge un­re­gis­triert gen Wes­ten durch. Die Bun­des­po­li­zei warnt in die­sen Ta­gen in­tern, dass zehn­tau­sen­de Flücht­lin­ge von Un­garn nach Deutsch­land wol­len.

1. Sep­tem­ber

Bay­ern er­lebt die­ser Ta­ge den stärks­ten Zu­gang an Flücht­lin­gen der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te. Nach­dem Un­garn und Ös­ter­reich Flücht­lin­ge aus Bu­da­pest un­ge­hin­dert in Zü­gen nach Deutsch­land aus­rei­sen lie­ßen, bin­nen 24 St­un­den al­lein am Münch­ner Haupt­bahn­hof rund 3000 Flücht­lin­ge ein. Un­ter dem Ein­druck der Kri­sen­bil­der aus Bu­da­pest emp­fan­gen Pas­san­ten am Münch­ner Haupt­bahn­hof die An­kömm­lin­ge mit Ap­plaus. Vie­le hilfs­be­rei­te Bür­ger kom­men an den Bahn­hof und ver­tei­len Es­sen, Ge­trän­ke und Spiel­zeug für Kin­der. Die Po­li­zei ver­teilt die Flücht­lin­ge zü­gig mit Bus­sen in baye­ri­sche Erst­auf­nah­me­ein­rich­tun­gen.

2. Sep­tem­ber

Ay­lan Kur­di, sy­ri­sches Flücht­lings­kind, drei Jah­re alt, wird am Strand in Bo­drum in der Tür­kei an­ge­spült. Tot. Auf der Flucht er­trun­ken. Sein Bru­der und sei­ne Mut­ter auch. Das Bild des Jun­gen geht um die Welt. „Es gibt so vie­le Aylans“, klagt ei­ner aus der obe­ren Eta­ge im Kanz­ler­amt. Sie wis­sen dort um die Wucht der Bil­der. Und wer­den selbst da­von ge­trof­fen, von Ay­lan. Un­garn baut wei­ter an ei­nem Zaun zu Ser­bi­en und lässt Flücht­lin­ge spü­ren, wie un­er­wünscht sie sind. In Bu­da­pest sit­zen wei­ter­hin Tau­sen­de am Bahn­hof fest. Die La­ge ist an­ge­spannt. Sie ru­fen „Ger­ma­ny“. Auf ei­nem Papp­schild steht „Ma­ma Mer­kel help us“.

3. Sep­tem­ber

Un­ga­ri­sche Be­hör­den lo­cken Flücht­lin­ge in ei­nen ver­meint­lich zur Gren­ze fah­ren­den Zug. Doch die Po­li­zei stoppt ihn na­he ei­nem La­ger. Pa­nik bricht aus. Re­gie­rungs­chef Or­bán sagt, Un­garn sei ein Land der Chris­ten und wol­le kei­ne Mus­li­me. Er spricht von ei­nem „deut­schen Pro­blem“, weil die Flücht­lin­ge nicht in Un­garn blei­ben, son­dern nach Deutsch­land woll­ten. Mer­kel ist ge­ra­de in der Schweiz, als sie das hört. Stock­sau­er lässt sie Or­bán wis­sen: „Deutsch­land tut das, was mo­ra­lisch und recht­lich ge­bo­ten ist.“Un­garn nicht, steht zwi­schen ih­ren Zei­len. Frank­reichs Staats­chef François Hol­lan­de te­le­fo­niert viel mit Mer­kel. Sie ver­ein­ba­ren ei­ne Initia­ti­ve für Flücht­lings-Auf­nah­me­quo­ten in der EU. Or­bán will aber gar kei­ne Men­schen auf­neh­men. An­de­re EU-Län­der wol­len es auch nicht.

Tag und Nacht der Ent­schei­dung, 4./5. Sep­tem­ber 2015 8.30 Uhr

Mer­kel ist zur Be­spre­chung – ge­nannt Mor­gen­la­ge – im Kanz­ler­amt, be­vor sie nach Mün­chen fliegt. Nicht zur Ge­denk­fei­er zum 100. Ge­burts­tag des frü­he­ren baye­ri­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten und CSU-Über­va­ters Franz Jo­sef Strauß. Son­dern zu ei­ner Schu­le in Buch am Erl­bach und ei­nem Un­ter­neh­men in Gar­ching. Es gibt Be­fürch­tun­gen, dass die Si­tua­ti­on in Un­garn es­ka­liert. In ei­ner Run­de mit Kanz­ler­amts­chef Pe­ter Alt­mai­er (CDU) wird der Ver­dacht ge­äu­ßert, Or­bán ma­che das mit Ab­sicht, um Druck auf­zu­bau­en. Ein an­de­rer sagt, dem Law-and-Or­der-Mann ent­glei­te die Sa­che.

Vor­mit­tags

Vie­le hun­dert Men­schen ma­chen sich vom Bu­da­pes­ter Ost­bahn­hof zu Fuß auf in Rich­tung Ös­ter­reich. Die Gren­ze liegt et­wa 175 Ki­lo­me­ter ent­fernt. Am En­de sind es wohl rund 2000 Men­schen – Kin­der, Frau­en, vie­le jun­ge Män­ner, aber auch Al­te, Ver­letz­te. Sie schlep­pen sich auf Krü­cken oder wer­den im Roll­stuhl ge­fah­ren. Ei­tref­fen

ner trägt ein Bild von Mer­kel vor der Brust. Der „Marsch der Hoff­nung“. Das ver­brei­tet sich auch über Twit­ter.

Mit­tags

Vor Jour­na­lis­ten sagt Re­gie­rungs­spre­cher Stef­fen Sei­bert: „Der Um­stand, dass Deutsch­land sy­ri­sche Flücht­lin­ge der­zeit nicht nach Un­garn zu­rück­schickt (...), än­dert nichts an der recht­lich ver­bind­li­chen Pflicht Un­garns, an­kom­men­de Flücht­lin­ge ord­nungs­ge­mäß zu re­gis­trie­ren, zu ver­sor­gen und die Asyl­ver­fah­ren un­ter Be­ach­tung der eu­ro­päi­schen Stan­dards in Un­garn selbst durch­zu­füh­ren.“

16.30 Uhr

Mer­kel ist nach Es­sen zu ei­ner Ver­an­stal­tung der CDU Ruhr zur Ober­bür­ger­meis­ter­wahl ge­fah­ren. Sie warnt: „Es kann nicht sein, dass wir oder fünf Län­der die gan­ze Last tra­gen.“Dort wer­fen ihr Kri­ti­ker noch ei­ne herz­lo­se Flücht­lings­po­li­tik vor. Ein Jour­na­list be­ob­ach­tet, wie ei­ne Frau der Kanz­le­rin das Foto mit dem Flücht­lings­jun­gen Ay­lan zu­steckt.

18.30 Uhr

– Mer­kel ist mit dem Hub­schrau­ber nach Köln ge­flo­gen, um auch bei „70 Jah­re CDU“da­bei zu sein. Sie will die Christ­de­mo­kra­ten bei der Eh­re pa­cken und er­in­nert an ih­re Par­tei­grün­der: „Wenn die den gan­zen Tag über­legt hät­ten, ob sie das nun schaf­fen oder ob sie es nicht schaf­fen, dann wä­ren wir heu­te nicht da, wo wir heu­te sind.“– Ös­ter­reichs Kanz­ler Fay­mann ver­sucht, Mer­kel an­zu­ru­fen. Er kann sie aber nicht er­rei­chen, weil sie auf der Büh­ne steht. Er will sie bit­ten, in ei­nem deutsch-ös­ter­rei­chi­schen Akt der Hu­ma­ni­tät die Flücht­lin­ge erst mal ein­fach ein­rei­sen zu las­sen. Sie ste­hen ja schon fast vor sei­ner Tür. Al­lein möch­te er die­sen Schritt nicht wa­gen und hofft auf die deut­sche Amts­kol­le­gin. – Nach der CDU-Ver­an­stal­tung kommt das Ge­spräch zu­stan­de. Es geht um ei­ne Aus­nah­me­re­ge­lung, al­le Au­gen bei den For­ma­li­en zu­zu­drü­cken. Kei­ne bü­ro­kra­ti­schen Hür­den, kei­ne gro­ßen Kon­trol­len. Bei den Ge­heim­diens­ten läu­ten die Alarm­glo­cken. Sie fürch­ten, dass Ter­ro­ris­ten ins Land kom­men. Spä­ter ma­chen sie die Er­fah­rung, dass sich Mör­der der Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat durch­aus gern re­gis­trie­ren las­sen wol­len, um die Flücht­lin­ge zu dis­kre­di­tie­ren.

Ge­gen 20.30 Uhr

Mer­kel be­rät sich mit Alt­mai­er, der auf dem Weg ins fran­zö­si­sche Evi­an zu ei­ner Ver­an­stal­tung ist. Sie er­wischt ihn am Gen­fer Flug­ha­fen. In­for­miert wer­den noch In­nen­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re (CDU), der mit ho­hem Fie­ber da­nie­der­liegt, Au­ßen­mi­nis­ter Fran­kWal­ter St­ein­mei­er (SPD), der ge­ra­de mit sei­nen EUAmts­kol­le­gen in Lu­xem­burg zu­sam­men­sitzt, und Vi­ze­Kanz­ler Sig­mar Ga­b­ri­el. Jetzt über­schla­gen sich die Er­eig­nis­se.

Ge­gen 21 Uhr

In Bu­da­pest tag­te ge­ra­de der Kri­sen­stab der Re­gie­rung. Or­báns Staats­kanz­lei­chef Ja­nos La­zar ver­kün­det da­nach, al­le ge­stran­de­ten Flücht­lin­ge soll­ten zur ös­ter­rei­chi­schen Gren­ze ge­bracht wer­den. Nach Re­cher­chen der Wo­chen­zei­tung Die Zeit hat die un­ga­ri­sche Bot­schaft in Ber­lin kurz zu­vor an Alt­mai­er ge­mailt, dass Un­garn die Flücht­lin­ge nicht mehr re­gis­trie­ren kön­ne und mit Bus­sen an die Gren­ze schi­cken wer­de, es sei mit vier- bis sechs­tau­send Flücht­lin­gen zu rech­nen. Or­bán, der sich an­sons­ten ein Fuß­ball­spiel Un­garn ge­gen Ru­mä­ni­en an­se­hen will, ha­be ver­sucht, mit Fay­mann zu te­le­fo­nie­ren. Der ha­be ihn erst auf den nächs­ten Mor­gen ver­trös­tet, dann aber nach 23 Uhr an­ge­ru­fen. Auch das Nach­rich­ten­ma­ga­zin Der Spie­gel be­rich­tet, das Ge­spräch ha­be es wohl ge­gen Mit­ter­nacht ge­ge­ben. Mer­kel spricht mit Or­bán erst am nächs­ten Abend. Ein ent­schei­den­der Mit­strei­ter steht aber an die­sem his­to­ri­schen Frei­tag­abend noch auf Mer­kels An­ruf­lis­te: CSUChef Horst See­ho­fer.

Nach 23 Uhr

Mer­kel wählt die Han­dy­num­mer des baye­ri­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten. Er ist, so heißt es hin­ter­her, in sei­nem Fe­ri­en­haus in Scham­haup­ten im Alt­mühl­tal. Aber er geht nicht ran. Alt­mai­er wen­det sich an die Amts­che­fin der Staats­kanz­lei, Ka­ro­li­na Gern­bau­er. Sie ver­sucht eben­falls er­folg­los, See­ho­fer ans Te­le­fon zu be­kom­men. In Mer­kels Um­feld ver­steht man nicht, wie ein Mi­nis­ter­prä­si­dent nicht er­reich­bar sein kann. Gern­bau­er zieht nicht das Re­gis­ter, die Po­li­zei zu kon­tak­tie­ren, da­mit die­se See­ho­fer raus­klin­gelt. Al­ler­dings heißt es spä­ter, Alt­mai­er ha­be Gern­bau­er die Bri­sanz nicht klar­ge­macht. Schließ­lich sagt Mer­kel Fay­mann zu, oh­ne den drit­ten Ko­ali­ti­ons­part­ner, den Chef der Schwes­ter­par­tei CSU und Mi­nis­ter­prä­si­den­ten je­nes Lan­des ge­spro­chen zu ha­ben, in dem St­un­den spä­ter tau­sen­de Flücht­lin­ge an­kom­men wer­den.

0.42 Uhr

Eil­mel­dung der Deut­schen Pres­se-Agen­tur: „Die aus Un­garn kom­men­den Flücht­lin­ge kön­nen nach Ös­ter­reich und Deutsch­land ein­rei­sen.“Fay­mann sag­te das kurz zu­vor Ös­ter­reichs Nach­rich­ten­agen­tur APA un­ter Ver­weis auf die Ab­stim­mung mit Mer­kel.

1.20 Uhr

Vi­ze-Re­gie­rungs­spre­cher Ge­org Strei­ter be­stä­tigt der

dpa, dass die Ent­schei­dung nach Ge­sprä­chen am Frei­tag­abend ge­fal­len ist. Et­wa zeit­gleich kommt be­reits ein ers­ter Bus mit Flücht­lin­gen aus dem un­ga­ri­schen Zsam­bek na­he Bu­da­pest an der ös­ter­rei­chi­schen Gren­ze an. Die Men­schen ge­hen zu Fuß auf die an­de­re Sei­te und wer­den von Ös­ter­rei­chern mit Ap­plaus, Will­kom­mens­pla­ka­ten und Es­sen be­grüßt.

Ge­gen 8 Uhr

See­ho­fer mel­det sich bei Mer­kel. Er sagt spä­ter der dpa: „Ich ha­be dann mor­gens ge­gen 8 Uhr mit ihr te­le­fo­niert und ge­sagt, dass ich die Ent­schei­dung für ei­nen Feh­ler hal­te. Und sie hat ge­ant­wor­tet: Da bin ich jetzt aber be­trübt, dass du das so siehst.“See­ho­fer ist zu­tiefst ge­trof­fen. Für ihn ist das ein Ver­trau­ens­bruch. „Ich hät­te nie ei­ne sol­che Ent­schei­dung oh­ne den Ko­ali­ti­ons­part­ner ge­trof­fen. Die Po­li­tik des Durch­win­kens ist am 4. Sep­tem­ber au­to­ri­siert wor­den.“Das Ver­hält­nis wird in die­ser Nacht zer­stört.

9 Uhr

Alt­mai­er in­for­miert von Evi­an aus per Te­le­fon­schal­te die Chefs der Staats­kanz­lei­en der Län­der. Die Mer­kelFay­mann-Ver­ein­ba­rung lau­tet: „Auf­grund der heu­ti­gen Not­la­ge an der un­ga­ri­schen Gren­ze stim­men Ös­ter­reich und Deutsch­land in die­sem Fall ei­ner Wei­ter­rei­se der Flücht­lin­ge in ih­re Län­der zu, un­ter Bei­be­hal­tung der Du­blin-Kri­te­ri­en bis zum Be­schluss ei­nes bes­se­ren Sys­tems.“Alt­mai­ers Zu­hö­rer sind ver­stimmt, dass sie in die Ent­schei­dung nicht ein­be­zo­gen wur­den, nun aber die Men­schen ver­sor­gen müs­sen.

Spät am Nach­mit­tag

See­ho­fer be­ruft ei­ne Te­le­fon­schal­te des CSU-Prä­si­di­ums ein. Das Gre­mi­um kri­ti­siert Mer­kels Vor­ge­hen als fal­sche Ent­schei­dung. Mit­glie­der war­nen vor ei­ner „zu­sätz­li­chen Sog­wir­kung“. See­ho­fer sagt spä­ter: „Das war ein Feh­ler, der uns noch lan­ge be­schäf­ti­gen wird. Ich se­he kei­ne Mög­lich­keit, den Stöp­sel wie­der auf die Fla­sche zu krie­gen.“

Abends

Re­gie­rungs­spre­cher Strei­ter teilt nach dem Mer­kel-Or­bán-Te­le­fo­nat mit, die Auf­nah­me der Flücht­lin­ge sei „ei­ne Aus­nah­me auf­grund der Not­la­ge an der un­ga­ri­schen Gren­ze“ge­we­sen. „Wir ha­ben jetzt ei­ne aku­te Not­la­ge be­rei­nigt.“Im ARD-Brenn­punkt be­tont Alt­mai­er noch ein­mal, dass es sich um ei­ne Aus­nah­me han­de­le. In Mün­chen kom­men an dem Wo­che­n­en­de et­wa 20000 Men­schen an.

Der Fort­gang

Zwei, die zu­sam­men­hal­ten müss­ten, ha­ben sich gründ­lich ent­zweit: die Chefs der Schwes­ter­par­tei­en CDU und CSU, Mer­kel und See­ho­fer. Die Kanz­le­rin wird in Tei­len des Aus­lands für ih­re Ges­te der Of­fen­heit ge­fei­ert. Vie­le Be­hör­den je­doch sind über­for­dert, frei­wil­li­ge Hel­fer ge­ra­ten an ih­re Gren­zen. Al­lein 2015 wer­den über ei­ne Mil­li­on Flücht­lin­ge in Deutsch­land re­gis­triert. Rechts­po­pu­lis­ten – dar­un­ter die Al­ter­na­ti­ve für Deutsch­land – be­kom­men Zu­lauf und vie­le Bür­ger Angst. Die Gro­ße Ko­ali­ti­on ver­schärft im Herbst 2015 das Asyl­recht. In der Sil­ves­ter­nacht wer­den Frau­en in meh­re­ren deut­schen Städ­ten, am schlimms­ten in Köln, von Mi­gran­ten und Asyl­be­wer­bern se­xu­ell be­läs­tigt. Ein gro­ßer Teil soll aus Nord­afri­ka stam­men. Zwei­fel an Wil­len und Fä­hig­keit zur In­te­gra­ti­on wach­sen. Mer­kels Um­fra­ge­wer­te sin­ken. Ös­ter­reich än­dert sei­ne Flücht­lings­po­li­tik, im Mai tritt Fay­mann zu­rück. In Ansbach und Würz­burg ver­üben Flücht­lin­ge im Som­mer 2016 is­la­mis­tisch mo­ti­vier­te An­schlä­ge. 20 Men­schen wer­den ver­letzt. Mer­kel hält bis heu­te am Satz „Wir schaf­fen das“fest. Eben­so CSU-Chef See­ho­fer an sei­ner Mei­nung: „So wie bis­her schaf­fen wir es nicht.“

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Die Vor­ge­schich­te: Die le­bens­ge­fähr­li­che Flucht Zig­tau­sen­der über das Mit­tel­meer prägt das Jahr 2015.

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2. Sep­tem­ber: Das Bild des to­ten Ay­lan Kur­di geht um die Welt und er­höht den Druck auf die Po­li­tik.

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30. Au­gust: Tau­sen­de Flücht­lin­ge be­la­gern den Haupt­bahn­hof Bu­da­pest und for­dern ih­re Aus­rei­se nach Deutsch­land.

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27. Au­gust: Wäh­rend in Wi­en die EU-Po­li­ti­ker ta­gen, schockt die Nach­richt von 71 to­ten Flücht­lin­gen in Ös­ter­reich.

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26. Au­gust 2015: Im säch­si­schen Hei­denau wird Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel als „Volks­ver­rä­te­rin“be­schimpft.

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1. Sep­tem­ber: In Mün­chen kom­men 3000 Flücht­lin­ge aus Un­garn an und wer­den von vie­len herz­lich emp­fan­gen.

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4. Sep­tem­ber: 2000 Flücht­lin­ge ma­chen sich zu Fuß auf der Au­to­bahn auf den Weg von Un­garn nach Ös­ter­reich

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3. Sep­tem­ber: Die un­ga­ri­schen Be­hör­den lo­cken die Flücht­lin­ge mit fal­schen Ver­spre­chen aus Bu­da­pest weg.

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4. Sep­tem­ber: Mer­kel be­sucht am Mor­gen Bay­ern, spä­ter ver­sucht sie ver­geb­lich, CSU-Chef See­ho­fer zu spre­chen.

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Als in Köln an Sil­ves­ter Mi­gran­ten und Flücht­lin­ge mas­sen­haft Frau­en se­xu­ell be­läs­ti­gen, än­dert sich die Stim­mung.

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5. Sep­tem­ber: Un­garn schickt die Flücht­lin­ge mit Bus­sen an die ös­ter­rei­chi­sche Gren­ze.

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6. Sep­tem­ber: Der CSU-Vor­stand kri­ti­siert Mer­kels Vor­ge­hen „als fal­sche Ent­schei­dung“.

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