Ro­bert Mu­sil – Die Ver­wir­run­gen des Zög­lings Tör­leß (43)

Mittelschwaebische Nachrichten - - Wetter | Roman -

Nach ei­ni­ger Zeit frag­te Bein­eberg: „Bist du mü­de?“Die­se Fra­ge war in der ge­wöhn­li­chen Wei­se der Hyp­no­ti­seu­re ge­stellt.

Dann be­gann er mit lei­ser, ver­schlei­er­ter Stim­me zu er­klä­ren.

„Das Ster­ben ist nur ei­ne Fol­ge un­se­rer Art zu le­ben. Wir le­ben von ei­nem Ge­dan­ken zum an­dern, von ei­nem Ge­fühl zum nächs­ten. Denn un­se­re Ge­dan­ken und Ge­füh­le flie­ßen nicht ru­hig wie ein Strom, son­dern sie fal­len uns ein, fal­len in uns hin­ein wie St­ei­ne. Wenn du dich ge­nau be­ob­ach­test, fühlst du es, daß die See­le nicht et­was ist, das in all­mäh­li­chen Über­gän­gen sei­ne Far­ben wech­selt, son­dern daß die Ge­dan­ken wie Zif­fern aus ei­nem schwar­zen Loch dar­aus her­vor­sprin­gen. Jetzt hast du ei­nen Ge­dan­ken oder ein Ge­fühl und mit ei­nem Ma­le steht ein an­de­res da, wie aus dem Nichts ge­sprun­gen. Wenn du auf­merkst, kannst du so­gar zwi­schen zwei Ge­dan­ken den Au­gen­blick spü­ren, wo al­les schwarz ist.

Die­ser Au­gen­blick ist, ein­mal er­faßt, für uns ge­ra­de­zu der Tod.

Denn un­ser Le­ben ist nichts an­de­res als Mark­stei­ne set­zen und von ei­nem zum an­de­ren hüp­fen, täg­lich über tau­send Ster­be­se­kun­den hin­weg.

Wir le­ben nur ge­wis­ser­ma­ßen in den Ru­he­punk­ten. Des­we­gen ha­ben wir auch ei­ne so lä­cher­li­che Furcht vor dem un­wi­der­ruf­li­chen Ster­ben, denn es ist das schlecht­hin Mark­stein­lo­se, der un­er­meß­li­che Ab­grund, in den wir hin­ein­fal­len. Für die­se Art zu le­ben ist es wirk­lich die völ­li­ge Ver­nei­nung.

Aber auch nur un­ter der Per­spek­ti­ve die­ses Le­bens, nur für den, der nicht an­ders ge­lernt hat sich zu füh­len, als von Au­gen­blick zu Au­gen­blick.

Ich nen­ne dies das hüp­fen­de Übel, und das Ge­heim­nis be­steht dar­in es zu über­win­den. Man muß das Ge­fühl sei­nes Le­bens als ei­nes ru­hig Glei­ten­den in sich er­we­cken. In dem Mo­men­te, wo dies ge­lingt, ist man dem To­de eben­so nah als dem Le­ben. Man lebt nicht mehr nach un­se­ren ir­di­schen Be­grif­fen, aber man kann auch nicht mehr ster­ben, denn mit dem Le­ben hat man auch den Tod auf­ge­ho­ben. Es ist der Au­gen­blick der Uns­terb­lich­keit, der Au­gen­blick, wo die See­le aus un­se­rem en­gen Ge­hirn in die wun­der­ba­ren Gär­ten ih­res Le­bens tritt. Fol­ge mir al­so jetzt ge­nau. Schlä­fe­re al­le Ge­dan­ken ein, star­re in die­se klei­ne Flam­me; den­ke nicht von ei­nem zum an­dern. Kon­zen­trie­re al­le Auf­merk­sam­keit nach in­nen. Star­re die Flam­me an. Dein Den­ken wird wie ei­ne Ma­schi­ne, die im­mer lang­sa­mer geht… im­mer… lang­sa­mer… geht… Star­re nach in­nen… so lan­ge, bis du den Punkt fin­dest, wo du dich fühlst, oh­ne ei­nen Ge­dan­ken oder ei­ne Emp­fin­dung zu füh­len.

Dein Schwei­gen wird mir die Ant­wort sein. Wen­de den Blick nicht von in­nen weg.“Mi­nu­ten ver­stri­chen.

„Fühlst du den Punkt?“Kei­ne Ant­wort.

„Hö­re, Ba­si­ni, ist es dir ge­lun­gen?“Schwei­gen.

Bein­eberg stand auf, und sein ha­ge­rer Schat­ten rich­te­te sich ne­ben dem Bal­ken in die Hö­he. Oben schwang Ba­si­nis Kör­per, von der Dun­kel­heit trun­ken, merk­bar hin und her.

„Dreh dich zur Sei­te“, be­fahl Bein­eberg.

„Was jetzt ge­horcht, ist nur mehr das Ge­hirn,“mur­mel­te er, „das me­cha­nisch noch ei­ne Wei­le funk­tio­niert, bis die letz­ten Spu­ren ver­zehrt sind, die ihm die See­le auf­drück­te. Sie selbst ist ir­gend­wo in ih­rem nächs­ten Da­sein.

Sie trägt nicht mehr die Fes­seln der Na­tur­ge­set­ze,“er wand­te sich jetzt an Tör­leß, „sie ist nicht mehr zur Stra­fe ver­ur­teilt, ei­nen Kör­per schwer zu ma­chen, zu­sam­men­zu­hal­ten. Nei­ge dich vor Ba­si­ni, so ganz all­mäh­lich . . . im­mer wei­ter mit dem Kör­per hin­aus . . . so­wie die letz­te Spur im Ge­hirn er­lo­schen sein wird, wer­den die Mus­keln nach­las­sen und der lee­re Kör­per in sich zu­sam­men­bre­chen. Oder er wird schwe­ben blei­ben; ich weiß es nicht; die See­le hat ei­gen­mäch­tig den Kör­per ver­las­sen, es ist nicht der ge­wöhn­li­che Tod, viel­leicht bleibt der Kör­per in der Luft schwe­ben, weil nichts, kei­ne Kraft des Le­bens noch des To­des mehr, sich sei­ner an­nimmt. Nei­ge dich vor . . . mehr noch.“

In die­sem Au­gen­blick pol­ter­te Ba­si­nis Kör­per, der aus Angst al­len Be­feh­len ge­folgt war, schwer auf­schla­gend Bein­eberg zu Fü­ßen.

Vor Schmerz schrie Ba­si­ni auf. Reit­ing be­gann laut zu la­chen. Bein­eberg aber, der ei­nen Schritt zu­rück­ge­wi­chen war, stieß ei­nen gur­geln­den Wut­schrei aus, als er den Be­trug er­faßt hat­te. Mit ei­ner blitz­schnel­len Be­we­gung riß er sei­nen Le­der­gurt vom Lei­be, faß­te Ba­si­ni bei den Haa­ren und peitsch­te wie ra­send auf ihn ein. Die gan­ze un­ge­heu­re Span­nung, un­ter der er ge­stan­den war, ström­te in die­sen wü­ten­den Schlä­gen aus. Und Ba­si­ni heul­te un­ter ih­nen vor Schmerz, daß es wie die Kla­ge ei­nes Hun­des in al­len Win­keln zit­ter­te.

Tör­leß war wäh­rend des gan­zen vor­an­ge­gan­ge­nen Auf­trit­tes ru­hig ge­blie­ben. Er hat­te im stil­len ge­hofft, daß sich viel­leicht doch et­was er­eig­nen wer­de, das ihn wie­der mit­ten in sei­nen ver­lo­re­nen Emp­fin­dungs­kreis ver­set­zen wür­de. Es war ei­ne tö­rich­te Hoff­nung, des­sen blieb er sich stets be­wußt, aber sie hat­te ihn doch fest­ge­hal­ten. Nun schien ihm je­doch, daß al­les vor­bei sei. Die Sze­ne wi­der­te ihn an. Ganz ge­dan­ken­los; stum­mer, to­ter Wi­der­wil­le.

Er er­hob sich lei­se und ging oh­ne ein Wort zu sa­gen fort. Ganz me­cha­nisch.

Bein­eberg schlug sich noch im­mer an Ba­si­ni mü­de.

Als Tör­leß im Bet­te lag, fühl­te er: ein Ab­schluß. Et­was ist vor­bei.

Wäh­rend der nächs­ten Ta­ge ob­lag er ru­hig sei­nen Ar­bei­ten in der Schu­le; er küm­mer­te sich um nichts; Reit­ing und Bein­eberg moch­ten wohl einst­wei­len ihr Pro­gramm Punkt für Punkt in Sze­ne set­zen, Tör­leß ging ih­nen aus dem We­ge.

Da trat am vier­ten Ta­ge, als ge­ra­de nie­mand zu­ge­gen war, Ba­si­ni auf ihn zu. Er sah elend aus, sein Ge­sicht war bleich und ab­ge­ma­gert, in sei­nen Au­gen fla­cker­te das Fie­ber ei­ner be­stän­di­gen Angst. Mit scheu­en Sei­ten­bli­cken, in has­ti­gen Wor­ten stieß er her­vor: „Du mußt mir hel­fen! Nur du kannst es tun! Ich hal­te es nicht mehr län­ger aus, wie sie mich quä­len.

Al­les Frü­he­re ha­be ich er­tra­gen, jetzt aber wer­den sie mich noch tot­schla­gen!“

Tör­leß war es un­an­ge­nehm, hier­auf ei­ne Ant­wort zu ge­ben. End­lich sag­te er: „Ich kann dir nicht hel­fen; du selbst bist an al­lem schuld, was mit dir ge­schieht.“

„Aber du warst doch vor kur­zem noch so lieb zu mir.“„Nie­mals.“„Aber . . .“„Schweig da­von. Das war nicht ich. Ein Traum, ei­ne Lau­ne. Es ist mir so­gar recht, daß dei­ne neue Schan­de dich von mir fort­ge­ris­sen hat. Es ist gut so für mich.“

Ba­si­ni ließ den Kopf sin­ken. Er fühl­te, daß ein Meer von grau­er, nüch­ter­ner Ent­täu­schung sich zwi­schen ihn und Tör­leß ge­scho­ben hat­te. Tör­leß war kalt, ein an­de­rer. »44. Fort­set­zung folgt

Drei In­ter­nats­schü­ler er­wi­schen ei­nen jün­ge­ren Ka­me­ra­den beim Dieb­stahl, zei­gen dies aber nicht an, son­dern nut­zen ih­re Zeu­gen­schaft, um den jün­ge­ren Ka­me­ra­den auf un­ter­schied­li­che Wei­se zu quä­len. Je­der der drei trak­tiert ihn auf sei­ne Wei­se – auch der jun­ge Tör­leß aus gu­tem Haus . . . © Gu­ten­berg

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