Wir Schnei­ders bei den Ber­bern

Ei­ne Trek­king-Tour mit der gan­zen Fa­mi­lie in Ma­rok­ko – ist das nicht ge­fähr­lich?

Mittelschwaebische Nachrichten - - Reise-journal - VON ANDREA SCHNEI­DER

Kei­ne vier Flug­stun­den lie­gen zwi­schen München und Mar­ra­kesch, und wir ha­ben den Kon­ti­nent ge­wech­selt, das Kli­ma, die Kul­tur. Und kei­ne 20 Mi­nu­ten Bus­fahrt vom Flug­ha­fen, und wir ste­hen mit­ten auf dem Dje­maa al-Fna. Auf die­sem rie­si­gen Platz, auf dem seit Jahr­hun­der­ten je­den Abend ein Spek­ta­kel statt­fin­det, das den Markt in die Unesco-Lis­te der „Meis­ter­wer­ke des münd­li­chen und im­ma­te­ri­el­len Er­bes der Mensch­heit“ge­bracht hat. Die Au­gen ge­hen uns über: Feu­er­schlu­cker, Tromm­ler, Schlan­gen­be­schwö­rer, Mär­chen­er­zäh­ler, Kö­che und Ge­trän­ke­händ­ler. Tau­send­und­ei­ne Nacht.

So quir­lig und bunt wie die­ser ewi­ge Jahr­markt ist die Alt­stadt auch bei Ta­ges­licht: Durch die en­gen Gas­sen der Me­di­na ei­len Män­ner, Frau­en und Kin­der, knat­tern Mo­peds, kur­ven Rad­ler, bah­nen sich Esels­kar­ren ih­ren Weg. Die Frau­en tra­gen Tscha­dor, man­che aber auch nur Kopf­tuch. Un­be­hel­ligt von den Händ­lern schlen­dern wir im Souk von Stand zu Stand. Ei­ne Ruck­sack­rei­se mit der gan­zen Fa­mi­lie quer durch Ma­rok­ko? Das sorg­te im Vor­feld für Be­den­ken. Ist das nicht ge­fähr­lich?

Ob wir Ber­ber-Whis­ky möch­ten, fragt uns der An­ge­stell­te im Ri­ad, ei­ner tra­di­tio­nel­len Un­ter­kunft in der Me­di­na von Mar­ra­kesch. Das hal­ten wir tat­säch­lich für be­denk­lich und win­ken ab. Nein dan­ke, nicht am Mor­gen. Und schon gar nicht für die Kin­der. Der jun­ge Mann lä­chelt ver­schmitzt und klärt uns auf: Ber­ber-Whis­ky ist ein stark ge­süß­ter Minz­tee, das Na­tio­nal­ge­tränk in Ma­rok­ko. Sehr le­cker – noch ei­ne Tas­se bit­te!

Wir las­sen das bun­te Trei­ben der fast 1000 Jah­re al­ten Stadt hin­ter uns und neh­men ein Ta­xi zum Bus­bahn­hof. Die Fahrt Rich­tung Ho­her At­las führt durch ein­sa­me St­ein­wüs­ten, über kur­vi­ge Stra­ßen berg­auf und berg­ab, an Fels­land­schaf­ten vor schnee­be­deck­ten Gip­feln vor­bei. Im Tal üp­pi­ge Oa­sen, Pal­men­hai­ne, satt­grü­ne Fel­de. Und das in ei­nem Wüs­ten­land. Da­zu un­zäh­li­ge die­ser im­po­san­ten Lehm­bur­gen, in de­nen frü­her die Stam­mes­fürs­ten re­si­dier­ten und ih­re Un­ter­ta­nen Zuflucht bei Über­fäl­len fan­den. Wir er­rei­chen Bo­u­mal­ne auf der „Stra­ße der tau­send Kas­bahs“und schau­en uns nach ei­nem Ta­xi um. Un­se­re Un­ter­kunft liegt weit drin­nen im Da­de­s­tal.

„Andrea?“Ein jun­ger Kerl im tra­di­tio­nel­len Ber­ber-Out­fit schaut mich fra­gend an. Er sei Am­qra­ne vom Mai­son d’Ho­tes Re­stau­rant Chez L’Ha­bi­tant Ama­zigh. Dort ha­ben wir zwei Über­nach­tun­gen ge­bucht und hat­ten an­ge­kün­digt, dass wir mit dem Bus aus Mar­ra­kesch kom­men wer­den. Klar, dass er uns ab­ho­le, er­klärt er, zurrt die Ruck­sä­cke auf dem Jeep-Dach fest, bringt un­se­re Jüngs­ten auf den Not­sit­zen im Kof­fer­raum un­ter und hält uns die Tü­ren auf. So gast­freund­lich wie Am­qra­ne nimmt uns die ge­sam­te Fa­mi­lie Tair in ih­rer ein­fa­chen, aber ge­müt­li­chen Pen­si­on auf. Im Ess­zim­mer pras­selt das Ka­min­feu­er, und wir set­zen uns dank­bar da­vor. Es ist kalt ge­wor­den, und die üb­ri­gen Zim­mer im Haus sind un­be­heizt. In der Kü­che be­rei­ten die Frau­en des Hau­ses das Abend­es­sen vor, Va­ter Zaid setzt sich zu uns und er­zählt von der Ge­schich­te der Ber­ber, die seit meh­re­ren 1000 Jah­ren in Nord­afri­ka le­ben, lan­ge be­vor Ero­be­rer in das heu­ti­ge Ma­rok­ko vor­dran­gen. Die Van­da­len be­zeich­ne­ten sie im 5. Jahr­hun­dert als „Bar­ba­ren“, dar­aus wur­de „Ber­ber“. Sie selbst aber, so er­klärt uns Zaid, nen­nen sich lie­ber „Ama­zigh“, was so viel be­deu­tet wie „frei­er Mensch“.

Ber­ber, er­fah­ren wir, wa­ren An­hän­ger von Na­tur­re­li­gio­nen, mit der Ero­be­rung Ma­rok­kos durch die Ara­ber wur­den sie aber ge­zwun­gen, zum Is­lam zu kon­ver­tier­ten. Sie lehn­ten sich ge­gen die neu­en Her­ren auf, be­hiel­ten ih­re Tra­di­tio­nen bei. Trotz­dem droh­te die Ber­ber-Kul­tur zu ver­schwin­den – vor al­lem mit der Un­ab­hän­gig­keit 1956 und der Bil­dung ei­nes zen­tra­lis­ti­schen Staa­tes. Die Ber­ber mit ih­rer Spra­che Ta­ma­zight gal­ten als rück­stän­dig. Erst Kö­nig Mo­ham­med VI. re­ha­bi­li­tier­te sie: Laut der neu­en Ver­fas­sung von 2011 sind die Ber­ber fes­ter Be­stand­teil der ma­rok­ka­ni­schen Iden­ti­tät, ih­re Spra­che ist ne­ben Ara­bisch of­fi­zi­el­le Lan­des­spra­che. Ganz zu­frie­den ist Zaid da­mit noch nicht. „Es bleibt trotz­dem noch viel zu tun“, sagt der Ber­ber-Ak­ti­vist. Vie­le Ber­ber le­ben in Ar­mut. Die Jun­gen wan­dern in die Städ­te ab und ver­lie­ren ih­re Kul­tur, ih­re Spra­che und die Le­bens­wei­se. „Und genau das ist fa­tal“, re­det sich Zaid fast in Ra­ge, „denn un­se­re Wer­te sind jetzt wich­ti­ger als je zu­vor. Wir Ber­ber ha­ben den ra­di­ka­len Is­lam im­mer ab­ge­lehnt, Re­li­gi­on und Staat ge­trennt und tre­ten für die Gleich­heit zwi­schen Mann und Frau ein.“Als Zaids Frau und sei­ne Schwie­ger­töch­ter die Spei­sen auf­tra­gen, mer­ken wir erst, wie schnell die Zeit ver­gan­gen ist. Span­nen­der kann man Ge­schich­te nicht ler­nen. Und nach dem Abend­es­sen ver­sam­melt sich die ge­sam­te Fa­mi­lie Tair in tra­di­tio­nel­ler Tracht, singt und trom­melt bis tief in die Nacht hin­ein.

Am nächs­ten Tag fährt Am­qra­ne uns durch das Da­des- und To­dra­tal, hin­ein in das saf­tig grü­ne Ro­sen­tal und zu Be­dui­nen, die seit je­her in Höh­len le­ben und ih­re Kin­der hier groß­ge­zo­gen ha­ben. Sie bie­ten uns Minz­tee an, ge­kocht auf dem of­fe­nen Feu­er, das sich von Schafs­kot nährt. Über die Sch­licht­heit die­ses Le­bens stau­nen wir, erst recht über die Zuf­rie­den­heit, die die­se Men­schen aus­strah­len. Kurz vor Son­nen­un­ter­gang er­rei­chen wir die Au­ber­ge und spa­zie­ren in das ge­gen­über­lie­gen­de tro­cke­ne Fluss­tal. Der Voll­mond steht schon über dem wel­len­för­mi­gen Ge­bir­ge, die Son­ne taucht die St­ein­wüs­te in die un­ter­schied­lichs­ten Pa­s­tell- und Rot­tö­ne. Ein­drü­cke, die selbst ei­ne sechs­köp­fi­ge Fa­mi­lie ver­stum­men las­sen.

End­sta­ti­on Sa­ha­ra. Wir ha­ben das klei­ne Dorf M’ha­mid er­reicht und stei­gen spät am Abend aus dem Bus. Gleich be­grüßt uns M’barek von der Au­ber­ge Kas­bah Dar Sa­ha­ra Tours. Mit ihm wer­den wir in die Wüs­te zie­hen. Ob wir denn un­be­dingt zum Erg Che­ga­ga möch­ten, fragt er zwei­felnd. Die Sand­wüs­te ha­be zwar die höchs­ten Dü­nen, aber eben auch sehr vie­le Tou­ris­ten in ei­nem or­ga­ni­sier­ten Camp. Viel schö­ner sei ei­ne Tour auf ei­ge­ne Faust – mit ei­ge­nem Zelt, La­ger­feu­er und Son­nen­un­ter­gang nur für uns al­lei­ne. Mehr braucht er nicht zu sa­gen – das ist genau das Rich­ti­ge. Vor al­lem ist M’barek der Rich­ti­ge, denn ei­nen bes­se­ren Gui­de für die Wüs­te hät­ten wir nicht fin­den kön­nen.

Die Ka­me­le ste­hen am nächs­ten Mor­gen schon be­reit. Der Tross setzt sich mit drei Ka­mel­füh­rern in Be­we­gung. M’barek be­packt der­weil den Jeep. Wir reiten hin­ein in die end­lo­se Sand­wüs­te und ma­chen an ei­ner ein­sa­men Pal­me Halt. Wie aus dem Nichts taucht M’barek am Ho­ri­zont auf – mit sei­nen Freun­den Has­san und Caid als Rei­se­be­glei­ter. Und wie aus dem Nichts zau­bern die drei Män­ner ein drei­gän­gi­ges Me­nü. In­brüns­tig ze­le­briert un­ser Gui­de die Tee-Ze­re­mo­nie, das mehr­ma­li­ge Hin- und Her­gie­ßen von Kan­ne zu Tas­se und zu­rück. Er hebt das Glas, pros­tet uns zu „B’seha!“– und fängt zu er­zäh­len an: Sein Groß­va­ter war ein ech­ter No­ma­de, er hat das gan­ze Le­ben in der Wüs­te ver­bracht. Sein Va­ter das hal­be, be­vor er wie vie­le an­de­re No­ma­den mit An­kunft der Tou­ris­ten in M’ha­mid sess­haft wur­de. Und M’barek? Er sei eben ein mo­der­ner Be­dui­ne, mit Han­dy und Ge­schäfts­sinn. Sein Herz aber schlägt für die Wüs­te, hier ist er zu Hau­se.

Wir tau­schen Ka­mel­rü­cken ge­gen Au­to­sitz, und wei­ter geht der Trip, aus den Bo­xen tönt lau­te Tuare­gMu­sik. Hin und wie­der ver­sackt der Jeep im Sand. Al­le Mann raus zum Schie­ben. Feu­er­holz? Müs­sen wir noch fäl­len. In der Wüs­te? Kein Pro­blem. Wie ent­spannt un­se­re Gui­des die­sen Trip gestal­ten, das fas­zi­niert uns. Die dür­ren Ta­ma­ris­ken, ty­pi­sche Sa­ha­ra­bäu­me, ha­ben wir nicht ein­mal wahr­ge­nom­men. Ein Seil um den Stamm und am Jeep fest­ge­macht, los­fah­ren, und schon ist der Baum ge­fällt. Wir fah­ren „quer­feld­ein“oh­ne jeg­li­che Pis­te. Wor­an sich un­se­re Gui­des ori­en­tie­ren? Das er­fah­ren wir nicht, er­rei­chen aber das Ziel. Schnell, da rauf auf die Dü­ne, die Son­ne geht gleich un­ter. Und wie­der wird es ganz still.

Was für ein Na­tur­schau­spiel – die gan­ze Sa­ha­ra uns zu Fü­ßen. Vom La­ger steigt schon Rauch auf, M’barek, Has­san und Caid sind flei­ßig ge­we­sen. Das No­ma­den­zelt steht, der Tee ist an­ge­rich­tet. „B’seha!“, pros­tet uns M’barek zu und ver­schwin­det im Zelt. Dann trägt er das Abend­es­sen auf: Tra­di­tio­nel­le Har­i­ra-Sup­pe, Lamm­spie­ße mit Cous­cous und Ge­mü­se in der Ta­ji­ne. Da­zu Fla­den­brot, ganz frisch. M’barek backt es hier und jetzt im Sa­ha­ra­sand. Wir kom­men aus dem Stau­nen nicht raus. Der Gui­de kne­tet den Teig in den er­hitz­ten Sand am La­ger­feu­er und deckt ihn mit der Glut des Feu­ers zu. Kei­ne zehn Mi­nu­ten spä­ter holt er das fer­ti­ge Brot her­vor, klopft den Sand ab. Bit­te­schön. Nachts um halb zehn mit­ten in der Sa­ha­ra. Ja, M’barek ist Be­dui­ne, mit Leib und See­le. An Schla­fen denkt er noch lan­ge nicht. Auch wenn un­se­ren Jüngs­ten die Au­gen zu­fal­len. Mit Gi­tar­re und Trom­meln set­zen sich un­se­re Be­glei­ter ums Feu­er, ma­chen Mu­sik.

Die­ses Land ken­nen­zu­ler­nen hat sich ge­lohnt. Noch mehr die Men­schen mit ih­ren Ge­schich­ten und Tra­di­tio­nen. Und ge­fähr­lich war es über­haupt nicht!

Die ge­sam­te Fa­mi­lie ver­sam­melt sich in Tracht und singt die gan­ze Nacht

Fo­tos: Schnei­der

Fa­mi­li­en­ur­laub ein ein­zi­ges Aben­teu­er: Die Fa­mi­lie Schnei­der war in Ma­rok­ko auf Trek­king Tour un­ter­wegs und hat vie­le span­nen­de Erlebnisse ge­sam­melt. Den Auf stieg auf die Dü­ne et­wa oder der Be­such ei­ner Spei­cher­burg.

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