Er­nähr dich von drau­ßen!

Die Hei­mat als Aben­teu­er­raum – geht das noch? Aber ja! Wir ha­ben uns für den Jour­nal-Som­mer ein paar Auf­trä­ge er­teilt, die als Her­aus­for­de­run­gen nicht dra­ma­tisch sind, aber erst ein­mal ge­meis­tert wer­den wol­len

Mittelschwaebische Nachrichten - - Wochenend Journal - Die Auf­ga­be die­se Wo­che: Raus­ge­hen in die Na­tur und ei­nen Tag nur es­sen, was Wald und Wie­se her­ge­ben. Na dann los! Un­ter­wegs in Fol­ge 2: Lea Thies mit dem Ehe­paar Koch

Der Ma­ya Ka­len­der brach­te ei­ni­ge ins All­gäu

Welt­un­ter­gangs­wet­ter, wie pas­send! Der Him­mel ist grau ver­han­gen, Dau­er­re­gen, Men­schen ver­krie­chen sich in ih­ren Häu­sern und hof­fen, dass das da drau­ßen ir­gend­wie schnell vor­bei geht. Ich auch beim Auf­ste­hen, und doch bin ich neu­gie­rig auf­ge­regt. Dass die Re­dak­ti­ons­auf­ga­be hart ist, sich nur von Wald und Wie­se zu er­näh­ren, war so­fort klar. Dass es gleich so au­then­tisch wird, konn­te ei­ne Wo­che zu­vor bei der Ter­min­ab­spra­che nie­mand ah­nen. Viel­leicht hät­te ich doch Ste­fan Kochs An­ge­bot vom Vor­abend an­neh­men sol­len, das Gan­ze um ein paar Ta­ge zu ver­schie­ben, bis die Me­ga­du­sche der Na­tur vor­bei ist. Viel­leicht hät­te ich auch ein­fach laut mit mei­nem Kör­per spre­chen sol­len, wie es Hei­ke Koch mir spä­ter am Tag ra­ten soll­te. „Das hilft, um durch ex­tre­me Si­tua­tio­nen zu kom­men.“Hin­ter­her ist man halt im­mer schlau­er.

„Ach­tung, Stark­re­gen an den Stei­g­la­gen des All­gäus“, warnt die Nach­rich­ten­spre­che­rin im Ra­dio fast vier­tel­stünd­lich, wäh­rend ich die Kom­fort­zo­ne Stadt ver­las­se. Die Schei­ben­wi­scher sind jetzt schon auf höchs­ter Stu­fe mit all dem Was­ser über­for­dert – und in et­wa ei­ner St­un­de muss ich da raus. Zum Glück ha­be ich Go­re­tex-Kla­mot­ten an. An ei­nem sol­chen Tag ein wah­rer Lu­xus. Wie ab­hän­gig ich von den Er­run­gen­schaf­ten der Zi­vi­li­sa­ti­on bin, spür­te ich gleich in der Früh. Kein Kaf­fee. Mmpf. Mein Früh­stück: ein Glas Was­ser, ein Ap­fel vom Baum und ein paar Blät­ter Klee. Ich ah­ne, wie weit mein Le­ben sich von der Na­tur weg­ent­wi­ckelt hat, wie ab­hän­gig ich von der mo­der­nen In­fra­struk­tur bin und wie viel ich ver­lernt ha­be oder noch nie wuss­te. Ich weiß aber: Oh­ne Hil­fe bin ich auf Nah­rungs­su­che in frei­er Wild­bahn auf­ge­schmis­sen. Mir fällt da die trau­ri­ge Ge­schich­te des 24-jäh­ri­gen Chris­to­pher McCand­less ein, die in „In­to the Wild“ver­filmt wur­de. Ein jun­ger Mann, der An­fang der 1990er Jah­re in der Wild­nis Alas­kas die Frei­heit such­te und das Ex­pe­ri­ment nicht über­leb­te. Ver­gif­tet, ver­hun­gert. Die Na­tur ist le­bens­ge­fähr­lich, wenn man sich nicht aus­kennt. Da­her er­laub­ten die Kol­le­gen net­ter­wei­se auch zwei Be­glei­ter, die auf­pas­sen, dass ich nicht aus Ver­se­hen ei­ne Toll­kir­sche es­se.

Links ne­ben der Stra­ße taucht plötz­lich ei­ne wild to­sen­de, brau­ne Sup­pe auf, die ein­drucks­voll ins Tal rauscht. Die klei­ne Breitach sieht durch den Stark­re­gen wie der Co­lo­ra­do­ri­ver aus, auch das noch. Ich bin froh, gleich auf Hei­ke und Ste­fan Koch zu tref­fen, die mich Stadt­mensch hof­fent­lich ein biss­chen vor der wil­den Na­tur be­schüt­zen – und mir hof­fent­lich auch so­fort sa­gen wer­den, was ich es­sen darf.

Sie war­ten schon in der Orts­mit­te von Tie­fen­bach bei Oberst­dorf un­ter zwei Re­gen­schir­men. So­fort ist klar: Wenn die Welt un­ter­geht, möch­te man Hei­ke und Ste­fan Koch an sei­ner Sei­te ha­ben. Dann ist be­stimmt vie­les gar nicht so tra­gisch. Sie strah­len et­was aus, das man in der Stadt lan­ge su­chen muss: Ru­he und Erd­ver­bun­den­heit. Zwei Men- schen, die mit bei­den Bei­nen im Le­ben ste­hen und sich in der Na­tur zu­recht­fin­den wie an­de­re im Su­per­markt. Sie Lo­go­pä­din und Kräu­ter­füh­re­rin, er Wild­nis­päd­ago­ge. 2005 grün­de­te Ste­fan Koch die Wild­nis­schu­le All­gäu, in der er nun zu­sam­men mit sei­ner Frau Men­schen hilft, der Na­tur und ei­ner na­tür­li­che­ren Le­bens­wei­se wie­der nä­her zu kom­men. Sie sind Leh­rer für Wur­zel­su- cher – auch im über­tra­ge­nen Sin­ne. Über ih­re Home­page wild­nis­schu­le­all­ga­eu.de fin­den auch ein paar Men­schen ins All­gäu, die ler­nen möch­ten, in Kri­sen­zei­ten in der Na­tur zu­recht­zu­kom­men. Aber zu die­sen „Prep­pern“(von eng­lisch „pre­pa­re“für vor­be­rei­ten) spä­ter mehr.

Mit mir wol­len Hei­ke und Ste­fan Koch nun al­so essbare Wur­zeln und an­de­re Pflan­zen­tei­le su­chen. Wir ge­hen von der Tie­fen­ba­cher Orts­mit­te ei­nen Hang in Rich­tung Sulz­burg hin­auf und bie­gen links auf ei­nen Weg zwi­schen zwei un­ge­mäh­ten Wie­sen ab. Hier gibt es et­was zu es­sen? Wür­de mir Hei­ke Koch nun Bil­der von Pflan­zen zei­gen, die ich in dem saf­ti­gen Grün fin­den soll, kä­me das ei­nem Wim­mel­buch­such­spiel gleich. Mög­li­cher­wei­se hät­te ich auch gleich die harm­lo­se But­ter­blu­me mit dem le­ber­to­xi­schen Ja­kob­s­kreuz­kraut ver­wech­selt. Bei­des knall­gelb, wenn­gleich mit sehr un­ter­schied­li­chen Blü­ten­blät­tern. Städ­ter hät­ten ver­lernt, ge­nau hin­zu­schau­en, meint Hei­ke Koch.

Ich wä­re auch nie im Le­ben dar­auf ge­kom­men, die Pflan­ze zu es­sen, de­ren Blü­te dol­den­ar­tig aus der Wie­se em­por­ragt: „Das ist ein Wie­sen­bä­ren­klau, nicht zu ver­wech­seln mit dem Rie­senbä­ren­klau“, er­klärt Hei­ke Koch und geht ei­nen Schritt auf die Wie­se, um mir die haa­ri­gen, ge­zack­ten Blät­ter bes­ser zu zei­gen. „Dar­aus kann man ei­nen Spi­nat ko­chen, gu­te Blatt­sub­stanz“, sagt sie. Beim Pflü­cken müss­ten emp­find­li­che Men­schen auf­pas­sen: Die Här­chen kön­nen die Haut rei­zen. Aber bei wei­tem nicht so stark wie beim gro­ßen Bru­der „Rie­senbä­ren­klau“. Im an die Wie­se an­gren­zen­den Bau­ern­haus be­ob­ach­tet in­zwi­schen ei­ne Frau, was wir da tun. „Wie­sen dür­fen zur­zeit ei­gent­lich nicht be­tre­ten wer­den“, er­klärt Ste­fan Koch, und wir ge­hen auf der Stra­ße wei­ter. Sei­ne Frau zupft noch ein Blatt­stück vom Wie­sen­bä­ren­klau ab und reicht es mir zum Kos­ten. Und was ist mit Fuchs­band­wurm? „Pa­nik­ma­che“, sagt Ste­fan Koch, „dar­über kannst du gleich mal schrei­ben. Bun­des­weit gibt es je­des Jahr we­ni­ger als 100 Fäl­le. Von kei­nem ist er­wie­sen, dass der Band­wurm über Le­bens­mit­tel auf­ge­nom­men wur­de“, re­sü­miert Ste­fan Koch ver­schie­de­ne Stu­di­en. Auf der In­ter­net­sei­te von In­ter­nis­ten im Netz“, die ich am Vor­abend ge­le­sen hat­te, heißt es auch: „Bis­lang gibt es noch kei­ne ein­deu­ti­gen Hin­wei­se dar­auf, dass das Sam­meln und Es­sen von Bee­ren oder Pil­zen die In­fek­ti­ons­ge­fahr er­höht.“Au­ßer­dem wäscht der Stark­re­gen ge­ra­de die Na­tur or­dent­lich durch.

Schon ist das Blatt im Mund. Schmeckt et­was wie Spi­nat. Satt macht so et­was aber nur in gro­ßen Men­gen. „Und an die­se Fa­ser­stof­fe muss sich dein Kör­per auch erst ein­mal ge­wöh­nen“, sagt Ste­fan Koch, der viel­leicht schon ge­se­hen hat, wie ich nach wei­te­ren Blät­tern Aus­schau ge­hal­ten ha­be. „Hast du et­was Wie­sen­thy­mi­an ge­pflückt?“, fragt er sei­ne Frau. „Was man hat, das hat man“, sagt er dann. Ich ah­ne: Sur­vi­val hat auch et­was mit Kraft scho­nen zu tun, was mir heu­te sehr zu­sagt.

Wir ge­hen wei­ter berg­auf und ich mer­ke, dass ein Hang sich mit fast nüch­ter­nem Ma­gen we­sent­lich schwe­rer be­zwin­gen lässt. Vor un­se­ren Fü­ßen taucht et­was Ess­ba­res auf: Breit­we­ge­rich. „Le­cker“, sagt Hei­ke Koch, und ehe ich mich ver­se­he, hat sie sich schon ge­bückt, ei­nen Halm ab­ge­bro­chen, die klei­nen Sa­men in ih­re Hand ge­streift und in den Mund ge­steckt. „Im Re­form­haus ge­ben die Leu­te viel Geld für Floh­sa­men aus. Das hier ist ge­nau­so gut“, er­klärt sie. Ihr Mann er­klärt: Breit­we­ge­rich­sa­men las­sen sich trock­nen, mah­len, zu Teig ver­mi­schen und Fla­den ba­cken. Am liebs­ten wür­de ich das gleich in Zei­t­raf­fer aus­pro­bie­ren. Klingt je­den­falls sät­ti­gend. Ich ler­ne: We­ge­rich­ge­wäch­se sind Sur­vi­val-Food, denn die­se Pflan­zen wach­sen über­all auf der Welt und man kann sie über­all es­sen. Dis­teln üb­ri­gens auch. Und Spring­kraut.

Ein paar Breit­we­ge­rich­blät­ter wan­dern in das Körb­chen, in dem wir Zu­ta­ten für ei­nen Sur­vi­val-Ein­topf sam­meln. Und weil die Sa­men wirk­lich le­cker nus­sig sind, neh­me ich noch ein paar für mei­ne Kol­le­gen mit. So­gar ein ganz di­ckes Blatt mit di­cken Fa­sern. Viel­leicht möch­te ein Kol­le­ge nach­her ja noch ei­nen an­de­ren Sur­vi­val-Trick aus­pro­bie­ren: Breit­we­ge­rich­fa­sern als Zahn­sei­de­er­satz. Qua­si Not­fall-Zahn­pfle­ge.

Wo­mit wir wie­der beim The­ma Welt­un­ter­gang oder Kri­se wä­ren. Als vor rund zehn Jah­ren im­mer häu­fi­ger vom Ma­ya-Ka­len­der und dem dort für 2012 an­ge­kün­dig­ten En­de der Welt die Re­de war, be­ka­men Kochs ver­mehrt An­fra­gen für Über­le­bens­kur­se. „Als die Welt dann doch nicht un­ter ging, war erst ein­mal Ru­he“, sagt Ste­fan Koch und schnitzt im Hand­um­dre­hen aus ei­nem Stock ein Werk­zeug zum Gr­a­ben, das er mir „für gleich“in die Hand drückt. Seit­dem die Welt aber in Zei­ten von Trump und Pu­tin, von Ha­cker­an­grif­fen und nord­ko­rea­ni­schen Atom­tests vie­len un­si­che­rer scheint, stei­ge das In­ter­es­se an Über­le­bens­kur­sen wie­der. Prep­per wol­len von Kochs ler­nen, wie sie in der Wild­nis über­le­ben, wie sie Feu­er ma­chen und Un­ter­schlüp­fe bau­en, wie sie ei­nen Flucht­ruck­sack pa­cken und wel­chen Pflan­zen sie es­sen kön­nen. Man­che wol­len auch Tie­re tö­ten.

Aber da stel­len Kochs, bei­de Ve­ge­ta­ri­er, schon auf ih­rer Home­page klar: Das gibt es nur im äu­ßers­ten Not­fall, nie­mals beim Trai­ning. Ein Glück muss ich al­so kei­ne Re­gen­wür­mer bra­ten, Eich­hörn­chen schlach­ten oder Kel­leras­seln kau­en. Es reicht schon zu wis­sen, dass man dies al­les tun könn­te – al­lein der Ge­dan­ke dar­an fühlt sich un­an­ge­nehm an. Kochs wä­re es lie­ber, wenn mehr Men­schen ve­ge­ta­risch le­ben wür­den.

Zu Prep­pern hat das Ehe­paar ein am­bi­va­len­tes Ver­hält­nis. Zum ei­nen ver­die­nen Kochs mit Sur­vi­val-Kur­sen ei­nen Teil ih­res Gel­des. Zum an­de­ren pas­sen man­che die­ser Men­schen aber gar nicht in ihr Kon­zept. „Un­ser An­trieb ist die Lie­be zur Na­tur, de­ren An­trieb ist die schie­re Angst“, sagt Ste­fan Koch. Er ha­be schon Kurs­teil­neh­mer ge­habt, die sich nicht dar­um küm­mer­ten, was sie hin­ter­lie­ßen, ob ir­gend­et­was zer­stört wur­de. Und man­che ent­wi­ckel­ten ei­nen re­gel­rech­ten Sur­vi­valEhr­geiz. Den soll­te ich bald am ei­ge­nen Leib er­fah­ren.

Zu­nächst aber gibt es ei­ne klei­ne Lö­wen­zahn­knos­pe „to go“(süß­lich saf­tig) und dann ste­hen wir vor ei­nem Brenn­nes­sel­feld. Su­per­food. Vit­amin­bom­ben. Nähr­stoff­reich. Ich zup­fe die Sa­men ab, ste­cke sie in den Mund. Nus­sig, le­cker – ich pflü­cke und pflü­cke, es­se und es­se, mein Hun­ger bleibt. Ich er­zäh­le von mei­ner Oma, die im Nach­kriegs­Ber­lin Brenn­nes­seln aß, weil es sonst nichts gab. „Sind wir mal ehr­lich. Für uns ist hier ge­nug da. Wenn aber al­le Augs­bur­ger kä­men, wür­de das vor­ne und hin­ten nicht rei­chen“, sagt Ste­fan Koch. Sei­ne Frau drückt es so aus: „Wenn et­was pas­siert, dann wird man aus­sor­tiert. Die Na­tur ist so.“Und da ist wie­der der Ge­dan­ke vom „Was wä­re wenn …“, der mich schon den gan­zen Tag be­glei­tet. Was wür­de man tun, wenn Elek­tri­zi­tät und Was­ser­ver­sor­gung dau­er­haft aus­ge­fal­len wä­ren? Wenn die zi­vi­le Ord­nung zu­sam­men­ge­bro­chen wä­re? Wür­de ich dann ei­nen Su­per­markt über­fal­len? Oder ver­su­chen, die Fa­mi­lie aus der Stadt raus­zu­brin­gen? Wo wür­den wir Was­ser her­be­kom­men? Das al­ler­wich­tigs­te Nah­rungs­mit­tel über­haupt! Dann wä­re ein Re­gen wie heu­te ein Se­gen. So aber nervt mich das Was­ser von oben lang­sam. Al­les klamm und mir wird kalt. Es hat 13 Grad. Im Hoch­som­mer!

Wir ge­hen an ein paar Bäu­men vor­bei, in de­nen es wu­selt. Vö­gel und Eich­hörn­chen tum­meln sich hier, weil Kochs sie füt­tern. Da­mit möch­ten sie der Um­welt et­was zu­rück ge­ben und ei­nem trau­ri­gen Trend ent­ge­gen­wir­ken. „In den letz­ten 20 Jah­ren sind rund 80 Pro­zent der In­sek­ten ver­schwun­den, weil der Mensch die Um­welt ma­ni­pu­liert hat“, er­klärt Ste­fan Koch. We­ni­ger In­sek­ten, we­ni­ger Vö­gel. Ein Welt­un­ter­gang im Klei­nen, um den sich vie­le nicht sche­ren. Dank Kochs Initia­ti­ve hat sich hier aber ein Mi­kro­kos­mos zu­rück­ge­bil­det. Wo Vö­gel und Fut­ter sind, da sind auch Mäu­se, Dach­se und Füch­se. Auch die Nach­barn freu­ten sich, dass wie­der mehr Vo­gel­ge­zwit­scher zu hö­ren ist, sagt Koch und un­ter­bricht sich selbst: „Vor­sicht, ein Schne­cki.“Sei­ne Frau zieht so­fort ih­ren Fuß über dem Ge­häu­se ei­ner Wein­berg­schne­cke hoch. Ein Prep­per wür­de jetzt den­ken: Es­sen!

Wir be­tre­ten ei­ne Kuh­wei­de, auf der Schät­ze wach­sen. Ei­ne Pflan­ze mit zi­tro­nig schme­cken­den klei­nen gel­ben Blü­ten: Oder­men­nig, gut für die Le­ber. Dann wie­der wei­ße Dol­den: „Das ist ei­ne Wil­de Möh­re, der Vor­gän­ger un­se­rer Möh­ren. Die hat ei­nen schwar­zen Punkt in der Dol­de“, sagt Hei­ke Koch. Mit den Fin­ger­nä­geln kratzt sie die Er­de ab und hält mir die Kin­der­fin­ger­di­cke Wur­zel un­ter die Na­se, die wirk­lich nach Ka­rot­te riecht und et­was nach Ka­rot­te schmeckt. Ge­kocht soll das ei­ne sät­ti­gen­de Mahl­zeit sein.

Ich ver­su­che al­so, mit dem Gr­a­be­stock Wil­de Möh­ren zu ern­ten. Die ers­te flutscht förm­lich aus dem feuch­ten Bo­den. Die zwei­te will nicht. Der Stän­gel bricht ab, die Wur­zel bleibt in der Er­de ste­cken. Ich hal­te sie schon in mei­nen Hän­den, zie­he, spre­che mit ihr, „komm schon, hab dich gleich, noch ein Stück­chen“– Hei­ke Koch sieht mir zu und sagt: „Siehs­te, jetzt weiß­te, wie das mit dem Ehr­geiz ist.“Sie hat recht. Ich las­se die Wur­zel ste­cken und stap­fe hin­ter ihr durch das nas­se Gras, des­sen jun­gen Trie­be auch ess­bar wä­ren. Vor­bei an ein paar Mel­de-Pflan­zen (schme­cken mild), im­mer wei­ter, über ei­ne Stra­ße und ei­ne an­de­re Kuh­wie­se hin­auf. Lang­sam be­kom­me ich Kopf­schmer­zen. Ob’s am lee­ren Ma­gen liegt, am Wet­ter, am Kof­f­ein­ent­zug oder am un­ge­wohn­ten Blatt­werk im Bauch?

Un­ter ein paar gro­ßen Bäu­men spannt Ste­fan Koch ei­ne Zelt­pla­ne als Re­gen­schutz. Min­des­tens ge­nau­so schnell hat er mit Holz aus sei­nem Ruck­sack ein Feu­er ge­macht und Was­ser ge­kocht, in das wir nun die klein­ge­zupf­ten Blät­ter und die Blü­ten­dol­den wer­fen. Auf ei­nem zu ei­nem Su­vi­valbrett um­funk­tio­nier­ten Holz­schnitz schnei­de ich die selbst ge­sam­mel­te Wur­zel klein und wer­fe sie ins hei­ße Was­ser. „Man könn­te mit Wie­sen­thy­mi­an und Ma­jo­ran wür­zen. Und als Salz­er­satz Bu­chen­asche neh­men“, sagt Hei­ke Koch.

Nach et­wa zehn Mi­nu­ten zückt ihr Mann drei selbst ge­schnitz­te Holz­löf­fel und wir pro­bie­ren un­se­ren Wild­nis­ein­topf. Die Wär­me tut gut. Die Dol­den schme­cken ka­rot­tig. Das Spring­kraut fast fruch­tig. Die ge­koch­te Wur­zel ist nicht mein Fall. Bit­ter und hung­rig – un­schö­ne Kom­bi­na­ti­on. Ich be­kom­me nichts mehr hin­un­ter. Ins­ge­heim wün­sche ich mir ei­nen Brom­beer­strauch. Oder ein Feld mit Cham­pi­gnons. Viel­leicht hat­te ich wie im Co­mic Brom­bee­ren in den Au­gen, viel­leicht kann Koch auch Ge­dan­ken le­sen. Viel­leicht ha­be ich auch vor Hun­ger was von Brom­bee­ren ge­fa­selt und wie­der ver­ges­sen. Je­den­falls sagt Koch: „Bee­ren und Pil­ze sind kein Sur­vi­val­food. In Bee­ren steckt nur Zu­cker, in Pil­zen nur Zell­stoff und et­was Fett. Die Ver­wechs­lungs­ge­fahr ist zu groß.“Le­cker wär’s jetzt aber trotz­dem!!

Dass die Aus­beu­te nicht son­der­lich üp­pig sein wird, das hat­te Ste­fan Koch am Te­le­fon schon an­ge­kün­digt. Nach der Som­mer­sonn­wen­de zieht sich die Na­tur schließ­lich lang­sam wie­der zu­rück. Ich ha­be zwar noch ei­nen Ex­traap­fel ein­ge­packt, al­ler­dings auf das An­fän­ger­glück ge­setzt, et­was Sät­ti­gen­des zu fin­den. Ganz falsch war das nicht, wie ich am La­ger­feu­er ler­ne. Ei­ne po­si­ti­ve Le­bens­ein­stel­lung, ein kla­rer Kopf sei­en in Not­si­tua­tio­nen über­le­bens­wich­tig, sa­gen Kochs, wäh­rend ich ein Ge­fühl da­von be­kom­me, wie schwer das sein kann. Denn: nass, kalt und hung­rig – das zer­mürbt.

So ei­ne Grenz­er­fah­rung schärft aber auch den Blick. Auf dem Rück­weg fal­len mir am Stra­ßen­rand plötz­lich über­all Dol­den­blüt­ler auf. Ich fah­re zu schnell, als dass ich klei­ne, schwar­ze Punk­te er­ken­nen könn­te. Aber es könn­te Es­sen sein. Am Abend, nach­dem ei­ne hei­ße Ba­de­wan­ne, ei­ne Kopf­schmerz­ta­blet­te und ei­ne Bre­ze mich wie­der in der Zi­vi­li­sa­ti­on emp­fan­gen ha­ben, fällt mir zum ers­ten Mal auf, welch wil­de Schät­ze in den Fu­gen der Ter­ras­se wach­sen, die ich am Mor­gen noch über­se­hen hat­te: Lö­wen­zahn und Breit­we­ge­rich – jetzt weiß ich: al­les Rüst­zeug für Kri­sen­zei­ten.

„Bee­ren und Pil­ze sind kein Sur­vi­val Food“

Fo­tos: Lea Thies (9), Hei­ke Koch/www.wild­nis­schu­le all­ga­eu.de

Auf dem Weg ins All­gäu: So könn­te es aus­se­hen, wenn die Welt un­ter­geht.

Die Blät­ter des Wie­sen­bä­ren­klau sind ess­bar.

Die Wil­de Möh­re er­kennt man an der Dol­de mit dem schwar­zen Punkt.

Die grü­nen Wie­sen bei Tie­fen­bach im Voll­wasch­gang der Na­tur.

Pflan­ze Hei­ke Koch hat ei­ne Oder­men­nig ent­deckt und kos­tet die­se.

Die­se Mel­de kommt auch in un­se­ren Sur vi­val Ein­topf

Ste­fan Koch hat bin­nen Mi­nu­ten ein Fe er ge­macht.

Ein Sur­vi­val Pa­ket zum Tes­ten für die Kol­le­gen.

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