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Wie übersetzt man »Alaaf« für Gehörlose?

Nordrhein-Westfalen: Gebärdendo­lmetscheri­n Aline Ackers hat auch den Kölschen Dialekt im Repertoire

- Von Yuriko Wahl-Immel, Köln

Es gibt mehrere Dialekte in der Gebärdensp­rache – und diese unterschei­den sich deutlich. Der »Bub« im Süden ist der »Jong« in Kölle – und Gestik, Mimik und Mundbild fallen entspreche­nd anders aus. Im Karneval hat Gebärdensp­rach-Dolmetsche­rin Aline Ackers alle Hände voll zu tun. Dann herrscht Hochsaison für kölsche Töne und Lieder. Die 31-Jährige kann, was nur sehr wenige können: Sie übersetzt für Gehörlose Schunkelso­ngs, Späßchen oder Büttenrede­n »op Kölsch«. Im Straßenkar­neval, bei Sitzungen, jecken Auftritten. Auch bei Konzerten von den Bläck Fööss oder Wolfgang Niedeckens BAP steht sie manchmal auf der Bühne, um die Texte im reinsten Kölsch mit ihren Händen und ihrer Mimik für diejenigen zugängig zu machen, die Musik nur spüren können.

»Kölschen Dialekt und kölsche Lieder zu gebärden – das ist eine Herzensang­elegenheit für mich«, sagt Ackers, heute bei einer Chorprobe mit den »Jecke Öhrcher«. Hörende und Gehörlose üben dabei zusammen für einen Karnevalsa­uftritt.

Aber wie funktionie­rt dieses spezielle Dolmetsche­n auf Kölsch überhaupt? Aline Ackers hat zusätzlich zu den Tausenden Gebärden fürs Hochdeutsc­he viele Vokabeln im Kölschen Dialekt drauf. Beispiel: »Für das Bützje, das Wangen-Küsschen im Karneval, gibt es ein anderes Zeichen als für den Kuss«, erläutert die Fachfrau – und setzt die Fingerspit­zen flüchtig zwischen Wange und Mund. »Und eine Kamelle, die im Umzug geworfen wird, ist was anders als ein Bonbon, wird also auch anders gebärdet.« Es gibt mehrere Dialekte in Gebärdensp­rache, und die unterschei­den sich deutlich. Als die Kölnerin jüngst in Bayern für Gehörlose dolmetscht­e, trat im Anschluss jemand an sie heran: »Na, Sie kommen aber nicht aus München, das sieht man sofort, Sie sind ja aus Köln.« Und das bedeutet auch: »Weil ich tiefstes Bayerisch nicht verstehe, könnte ich es auch nicht dolmetsche­n.« Der »Bub« im Süden ist eben der »Jong« in Kölle – und Gestik, Mimik und Mundbild fallen entspreche­nd anders aus.

Mit dem Kölschen Chor »Jecke Öhrcher« ist also Üben angesagt. 15 kleine und große Sänger sind gekommen, einige können hören, einige nicht. Es ist ein wildes Gewusel an diesem Abend, denn alle Chormitgli­eder gebärden. Geprobt wird »Kumm mer leeve« (Komm wir leben) von Kasalla und »Et jitt kei Wort« (Es gibt kein Wort) von Cat Ballou. Wie geht das? »Die Chormitgli­eder haben mir die Lieder vorher geschickt, ich habe sie übersetzt, also gebärdet, und ihnen das dann auf Video aufgenomme­n«, erläutert Ackers. Zuhause haben alle fleißig geübt. Nun die Generalpro­be. Severin (4) ist nicht richtig bei der Sache. »Die Musik ist nicht laut genug für ihn. Er kann den Takt nicht spüren. Wenn er auf der Bühne steht, ist das anders«, sagt Ackers. Severins Bruder Frederik (6) gebärdet dage- gen engagiert mit, obwohl er hören kann. »In unserer Familie lernen wir alle die Gebärdensp­rache, das ist uns wichtig«, erzählt der Vater der beiden Jungs, Marcel Rombach.

Derweil muss Aline Ackers korrigiere­nd eingreifen. »Nein, das heißt so nicht ›Tanzen‹«, erklärt sie den Sängern. Die Hand müsse in bisschen anders stehen. Ach ja, stimmt, Gekicher. Die kleine Abweichung in der Handstellu­ng hätte große Wirkung – sie bedeutet ein ziemlich vulgäres Schimpfwor­t. Am Ende gibt es lautlosen Applaus für alle Mitwirkend­en: Arme nach oben, Hände kreisen lassen. Der große Auftritt kann kommen.

»Gehörlose haben genauso ein Gefühl für Musik. Vor allem, wenn Bässe im Spiel sind, fühlen sie die Musik«, sagt die Dolmetsche­rin. »Deshalb sind Konzerte und Auftritte im Karneval so gut geeignet.« Nach der Ausbildung hat sie sich autodidakt­isch weitergebi­ldet, ältere gehörlose Kölner gefragt, wie sie dies und das auf Kölsch gebärden. Ihr Job ist auch Traditions­pflege. »Das gesprochen­e Kölsch stirbt ja allmählich aus wie jeder Dialekt – und damit sind auch die Kölschen Gebärden gefährdet.«

Die sie gibt sie gern weiter. Und dazu noch quasi im Handumdreh­en ein kleines Wörterbuch. Die Stadt »Kölle« geht so: Beide Arme ein Stück nach oben und die beiden Domspitzen mit den Händen nachformen. Wer das Getränk »Kölsch« meint, führt die gerundete Hand – um das fiktive schmale Bierglas gelegt – vom Mund weg und und formt dann schnell die Domspitzen nach. Und »Kölle Alaaf«? Wieder die Gebärde für die Stadt – plus rechter Unterarm zur linken Schulter und dann aufrecht zum Gruß.

Auch bei Konzerten von den Bläck Fööss oder BAP steht sie manchmal auf der Bühne.

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Foto: dpa/Oliver Berg Gebärdendo­lmetscheri­n Ackers (r.) übt mit dem Chor »Jecke Öhrcher« ein Karnevalsl­ied im kölschen Dialekt.

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