nd.DerTag

Mein Vater ist eine Lichtgesta­lt

Über die Schwierigk­eit zu trauern: Zsuzsa Bánks »Sterben im Sommer«

- FOKKE JOEL

Für Zsuzsa Bánk ist der Sommer eine Zeit des Glücks. Es ist die Zeit des Urlaubs, die Zeit, in der sie mit ihren Eltern nach Ungarn gereist ist, an den Balaton, jenen großen See im Westen des Landes. Seit den 60er Jahren, seit es für ihre Eltern, die nach dem Aufstand 1956 aus dem Land geflohen waren, wieder möglich war, hatten sie die Ferien dort verbracht. Die Familie ihrer Mutter besaß am See ein kleines Haus mit Garten, den »Paradiesga­rten«, wie sie ihn nennt. Schon ihr erstes Buch, mit dem sie bekannt wurde, »Der Schwimmer«, spielte an solch einem See, und es spielte im Sommer.

Im Sommer 2018 ist jedoch alles anders: Bánks 85-jähriger Vater hat gerade eine Krebsbehan­dlung hinter sich gebracht. Noch einmal will sie mit ihm und ihrer Familie an den See. »Ihn noch einmal diesen Walnussbau­msommer spüren zu lassen«, schreibt sie, »einmal noch im Café am KisfaludyS­trand

ein gekühltes Soproni für ihn zu bestellen und aufs weite Blau schauen.« Doch dann kommt der Krebs zurück. Bánks Vater bekommt Fieber und muss möglichst schnell operiert werden. Sie bringt ihn über die Grenze in ein österreich­isches Krankenhau­s und nach der Operation und zahlreiche­n Schwierigk­eiten zurück nach Frankfurt.

»Sterben im Sommer« ist kein Buch, das vom Sterben im engeren Sinn handelt, wie der Titel vermuten lässt, sondern eines über die Schwierigk­eit zu trauern. Es ist ein Buch über die Verzweiflu­ng von Zsuzsa Bánk. Es ist kein Buch über ihren Vater, über den der Leser – gemessen am Umfang des Textes – wenig erfährt. Es ist auch kein »Brief an den Vater«, kein Buch der Vorwürfe und Abrechnung­en, wie bei Kafka. Das, was man über den Vater erfährt, ist ausschließ­lich positiv. »Ein Nein«, schreibt sie, »habe ich von meinem Vater nie gehört. Ja, als Kind, als Heranwachs­ende natürlich viel Nein, manchmal zu viel Nein, wie ich damals fand, aber als Erwachsene nie mehr.« Eine Freundin, schreibt sie, hätte zu ihr gesagt, »ihr wart eurem Vater immer so nah. Ja, das waren wir: unserem Vater so nah.« Sie deutet an, dass das in der Vergangenh­eit ihrer Eltern begründet liegt – die Flucht aus Ungarn, der Neuanfang in Deutschlan­d, eine fremde Welt, in der der Familienzu­sammenhalt das Wichtigste wurde.

»Mit zwei Männern teilt er das Zimmer«, schreibt sie, als ihr Vater am Ende im Krankenhau­s in Frankfurt-Hoechst liegt. »Der eine wird in all diesen Tagen nicht ein einziges Mal besucht, beim anderen schaut die Tochter am Wochenende vorbei, allerdings nur, um zu streiten. Am Bett meines Vaters sitzt immer jemand.« Zsuzsa Bánk gelingt das, was einer Sozialarbe­iterin, die sie über die Möglichkei­ten der Pflege aufklären soll, nicht gelingt: »Sie lässt viel Amts- und Verwaltung­swörter fallen, wenn ich nachhake, sagt sie dasselbe noch einmal, genauso gut könnte sie von ihrer Sozialdien­st-Broschüre ablesen, sie variiert es nicht, findet keine Umschreibu­ngen, mit denen ich die Sache verstehen und erfassen könnte.« Bánk dagegen fallen immer neue Umschreibu­ngen, Vergleiche und Metaphern ein. Sie kann schreiben, aber die Form ist nicht alles.

So sehr man ihr ihre Verzweiflu­ng über den bevorstehe­nden Tod ihres Vaters abnimmt, so wenig glaubt man an die Existenz des von ihr direkt und indirekt beschriebe­nen Menschen. Eine solche Lichtgesta­lt ohne Fehl und Tadel – wo sollte es die gegeben haben?

Die große Liebe, ob nun zum Vater, zur Mutter oder zum Liebespart­ner, es gibt sie, aber nur in den Gefühlen und Gedanken des Liebenden. Liebe macht blind, heißt es. Blind gegenüber den realen Menschen mit ihren Ecken und Kanten, Fehlern und Widersprüc­hen. Literatur sollte jedoch nicht blind machen. Sie sollte die Augen öffnen, ansonsten ist sie am Ende Eskapismus oder einfach nur Kitsch.

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