Als Hit­lers Ra­di­ka­li­tät die Deut­schen reiz­te

Der Schock über die deut­sche Ka­pi­tu­la­ti­on von 1918 trieb der NSDAP Mit­glie­der in Mas­sen zu. Wie kei­ne an­de­re Par­tei stand sie für Ge­walt und Kom­pro­miss­lo­sig­keit. Ein His­to­ri­ker hat Aus­sa­gen ih­rer An­hän­ger aus­ge­wer­tet

Neu-Ulmer Zeitung - - Feuilleton - Klett Cot­ta Ver­lag, 464 Sei­ten, 25 Eu­ro.

Herr Kel­ler­hoff, kaum ei­ne Pha­se der Mensch­heits­ge­schich­te ist so in­ten­siv er­forscht wie die NS-Zeit. War­um gab es bis­her kei­ne um­fas­sen­de Be­trach­tung der NSDAP?

Mich hat das schon im Stu­di­um vor 25 Jah­re ge­wun­dert. Aber das über­lie­fer­te Ma­te­ri­al ist sehr dis­pa­rat. Man muss al­so ei­nen prak­ti­ka­blen Zu­gang fin­den, und das sind die Be­rich­te aus dem Nach­lass des So­zio­lo­gen Theo­do­re Abel. Die sind auch un­ter His­to­ri­kern eher un­be­kannt.

Sie lie­gen seit Jahr­zehn­ten in der Hoo­ver In­sti­tu­ti­on der St­an­ford Uni­ver­si­ty in Ka­li­for­ni­en und wur­den bis­her fast nur quan­ti­ta­tiv aus­ge­wer­tet. Bei mei­ner in­halt­li­chen Un­ter­su­chung hat sich ge­zeigt, wie die Na­zis ih­re Par­tei ver­stan­den ha­ben. Ich kom­me al­so von den Mit­glie­dern her.

Abel hat sei­ne Um­fra­ge 1934 ge­macht.

Zu ei­nem Zeit­punkt, als die Ver­fas­ser die­ser Be­rich­te der Mei­nung wa­ren, sie sei­en auf der Sie­ger­stra­ße. Das heißt, es gab ei­nen „po­si­ti­ven An­schub“. Nach 1945 ha­ben sich frü­he­re NSDAP-Mit­glie­der ent­we­der nicht oder sehr ver­schwur­belt ge­äu­ßert, das kann man in Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ak­ten nach­le­sen. Da geht es im­mer um Recht­fer­ti­gung, das ist nicht zu ge­brau­chen.

Die NSDAP ist wie kei­ne an­de­re Par­tei mit ei­ner ein­zi­gen Per­son – Adolf Hit­ler – ver­bun­den. Der muss­te sich nichts völ­lig Neu­es mehr ein­fal­len las­sen, das ul­tra­rech­te Feld war be­reits gut be­ackert.

In­halt­lich schon, aber was bei Hit­ler da­zu­kommt, ist die­se ra­di­ka­le Kom­pro­miss­lo­sig­keit, die er vor­ge­lebt hat und die an­zie­hend wirk­te. Dar­aus re­sul­tiert mei­ne Haupt­the­se: der Reiz der Ra­di­ka­li­tät. Wir er­le­ben auch ge­gen­wär­tig, dass Ra­di­ka­li­tät und das Ver­spre­chen ein­fa­cher Lö­sun­gen für kom­ple­xe Pro­ble­me at­trak­tiv er­scheint.

Nach dem Ers­ten Welt­krieg füh­len sich vor al­lem ent­täusch­te Front­kämp­fer von den Ul­tra­rech­ten an­ge­zo­gen.

Die Ent­täu­schung ist ein ganz we­sent­li­ches Ele­ment. Die­se Leu­te ha­ben vier Jah­re lang – ich be­schrei­be ih­re ei­ge­ne Wahr­neh­mung – Ein­schrän­kun­gen hin­ge­nom­men und al­les ge­ge­ben, um den gro­ßen Sieg zu er­rin­gen, und dann zer­stäubt das al­les im Herbst 1918. Noch im Sep­tem­ber rech­nen vie­le Deut­sche mit ei­nem mo­de­ra­ten Frie­den. Bis auf we­ni­ge Aus­nah­men ist im Ers­ten Welt­krieg ja nicht auf deut­schem Ge­biet ge­kämpft wor­den. Das führt da­zu, dass vie­le die­sen Schock der bei­na­he pa­ni­schen Bit­te um Waf­fen­still­stand nicht ver­kraf­tet ha­ben. Ne­ben der Frus­tra­ti­on zie­hen sich das Ra­di­ka­le und die Ge­walt durch die gan­ze Ge­schich­te der NSDAP.

Man hat­te da­mals auch ei­nen ganz an­de­ren Be­griff von Ge­walt. Sie war ak­zep­tiert.

Auch be­dingt durch den Krieg?

Ganz si­cher. Na­he­zu al­le Män­ner hat­ten mi­li­tä­ri­sche Er­fah­rung, man kann auch sa­gen: ei­ne Aus­bil­dung zur Ge­walt. Frau­en wie­der­um wa­ren vom Mi­li­tä­ri­schen, Es gab auch kei­ne wirk­li­che Dis­kus­si­ons­kul­tur, schon gar nicht in rech­ten Krei­sen.

Die NSDAP hat nie­mals po­li­ti­sche Kon­zep­te oder Lö­sun­gen for­mu­liert, sie be­fand sich viel­mehr im kon­ti­nu­ier­li­chen Wahl­kampf. Das war die ei­gent­li­che Auf­ga­be der Par­tei – an­dau­ern­de Pro­pa­gan­da. Was hat die Leu­te ne­ben der Ra­di­ka­li­tät so an­ge­zo­gen?

Es gibt zwei Mo­ti­ve: Das ne­ga­ti­ve war Ab­gren­zung, et­wa ge­gen Ju­den. Der An­ti­se­mi­tis­mus spiel­te ei­ne Rol­le, war aber kei­nes­wegs auf die NSDAP be­schränkt, son­dern kann bis in die So­zi­al­de­mo­kra­tie und beim Zen­trum nach­ge­wie­sen wer­den. Dann auch die Ab­gren­zung von den Mar­xis­ten: Da wur­den SPD und KPD ein­fach zu­sam­men­ge­wor­fen, was völ­li­ger Un­sinn ist. Um ei­ne Grup­pe zu­sam­men­zu­hal­ten, muss aber noch et­was Po­si­ti­ves kom­men, ich nen­ne es Ver­hei­ßung. Hier fällt der Be­griff des „na­tio­na­len So­zia­lis­mus“, die Aus­sicht auf ei­ne neue Ge­sell­schaft, in der es ge­rech­ter zu­ge­hen soll.

Es ging al­ler­dings nicht um die Um­ver­tei­lung von Be­sitz.

Der Kern­punkt des NSPro­gramms lau­tet „Ge­mein­nutz geht vor Ei­gen­nutz“. Das klingt erst mal gut. Wenn man aber dar­über nach­denkt, merkt man schnell, wie ge­fähr­lich die­ser Ge­dan­ke ist. Ir­gend­je­mand muss ja fest­le­gen, was Ge­mein­nutz ist. Und das funk­tio­niert nur in ei­ner Dik­ta­tur. Da­mit ha­ben Sie au­to­ma­tisch Feind­schaf­ten, Aus­gren­zung und so wei­ter. Für die Par­tei wur­de er­staun­lich frei­mü­tig Geld ge­ge­ben.

Die Mit­glie­der der NSDAP ha­ben sehr viel ih­res meist knap­pen Gel­des für die Par­tei in­ves­tiert, das heißt, für Rei­sen zu Par­tei­ta­gen und Auf­mär­schen, Ein­trit­te, Pu­bli­ka­tio­nen oder für Uni­for­men. Die NSDAP hat sich aus sich selbst her­aus fi­nan­ziert.

Und was ist mit den im­men­sen Spen­den des Groß­ka­pi­tals?

Sie ken­nen si­cher das ge­nia­le Pla­kat von John He­art­field: „Mil­lio­nen ste­hen hin­ter mir“. Da be­kommt ein klei­ner Hit­ler von ei­nem rie­si­gen An­zug­trä­ger Geld­schei­ne zu­ge­steckt. Das Bild ist ein­gän­gig, aber falsch. Hit­ler hat zwar per­sön­lich Spen­den kas­siert, aber die Mas­se des Gel­des kam von den Mit­glie­dern.

Un­ter baye­ri­schen Po­li­ti­kern gab es 1922 die Über­le­gung, Hit­ler nach Ös­ter­reich aus­zu­wei­sen. Da­ge­gen hat der So­zi­al­de­mo­krat Er­hard Au­er „de­mo­kra­ti­sche und frei­heit­li­che Grund­sät­ze“ins Feld ge­führt.

Mit ih­ren Mit­teln kann sich die De­mo­kra­tie nicht völ­lig ge­gen sol­che Her­aus­for­de­run­gen schüt­zen. Da kommt es dann auf Men­schen an, die sich auf dem schma­len Grat zwi­schen De­mo­kra­tie und Rechts­staat­lich­keit ei­ner­seits und ent­schie­de­nem Han­deln an­de­rer­seits be­we­gen kön­nen.

Au­er woll­te kor­rekt sein.

Über­kor­rekt, und er woll­te nicht se­hen, dass wirk­lich Ge­fahr droh­te. Aber das war da­mals auch schwie­rig, und hin­ter­her ist man im­mer schlau­er.

In­ter­view: Chris­ta Sigg

Fo­to: AKG

Adolf Hit­ler spricht auf dem 8. Reichs­par­tei­tag der NSDAP („Par­tei­tag der Eh­re“) am 12. Sep­tem­ber 1936 in der Luit­pold­hal­le in Nürn­berg.

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