Ein Si­gnal des Zorns

Die Uni­on er­lebt un­ru­hi­ge Zei­ten. Aus­ge­rech­net Mer­kels Ver­trau­ter muss den Pos­ten des Frak­ti­ons­chefs ab­ge­ben. Da­mit ver­liert die Kanz­le­rin wei­ter an Bein­frei­heit

Neu-Ulmer Zeitung - - Politik -

ten Zir­kus-Di­rek­tor wer­den woll­te, nun zu sei­nem größ­ten Man­ko.

„Als Frak­ti­ons­vor­sit­zen­der schafft man sich im Lau­fe der Zeit wahr­lich nicht nur Freun­de“, er­klärt Thors­ten Faas, Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler an der FU Berlin. Al­ler­dings ha­be bis­lang die Al­ter­na­ti­ve ge­fehlt, die sich nun aber in Per­son von Ralph Brink­haus prä­sen­tiert ha­be. „Dass es die­se Al­ter­na­ti­ve nun gab – vor al­lem das ist auf die Un­zu­frie­den­heit mit der Kanz­le­rin zu­rück­zu­füh­ren“, sagt Faas am Abend un­se­rer Zei­tung.

Zu­dem ver­stär­ken, wie meh­re­re Ab­ge­ord­ne­te über­ein­stim­mend un­se­rer Zei­tung sa­gen, auch die Be­wer­bungs­re­den von Brink­haus und Kau­der den Stim­mungs­um­schwung in letz­ter Mi­nu­te. Brink­haus ha­be die Ar­gu­men­te Mer­kels auf­ge­nom­men und ins Ge­gen­teil ver­dreht, ha­be aus­drück­lich für den Neu­an­fang und den Auf­bruch ge­wor­ben, an das Selbst­be­wusst­sein der Ab­ge­ord­ne­ten ap­pel­liert und ein neu­es „Wir-Ge­fühl“be­schwo­ren. In der Frak­ti­on wür­den „vie­le Po­ten­zia­le brach­lie­gen“, den gra­vie­ren­den Ver­trau­ens­ver­lust der letz­ten Ta­ge und Wo­chen kön­ne man nicht mit ei­nem Wei­ter-so wett­ma­chen.

Kau­der da­ge­gen bleibt blass und kann nicht über­zeu­gen. „Er hat es nicht ge­schafft, den Nerv der Frak­ti­on zu tref­fen“, sagt ein füh­ren­des Frak­ti­ons­mit­glied un­se­rer Zei­tung. Und ein an­de­rer Ab­ge­ord­ne­ter bringt in ei­ner SMS mit drei sim­plen Wor­ten die Stim­mung auf den Punkt: „Die Frak­ti­on lebt!“

Was nun, Frau Mer­kel? Um 17.45 Uhr tritt die Kanz­le­rin vor die Ka­me­ras und macht in ei­nem ein­mi­nü­ti­gen State­ment deut­lich, wel­che Kon­se­quen­zen sie aus der Ab­wahl ih­res Ver­trau­ten für sich selbst zie­hen will: kei­ne. „Das ist ei­ne St­un­de der De­mo­kra­tie, in der gibt es auch Nie­der­la­gen, und da gibt es auch nichts zu be­schö­ni­gen“, sagt sie in ei­ner kur­zen Stel­lung­nah­me. Da sie aber möch­te, dass die CDU/CSUBun­des­tags­frak­ti­on „er­folg­reich wei­ter­ar­bei­tet“, wer­de sie Brink­haus, „wo im­mer ich das kann, auch un­ter­stüt­zen“. Auch für CSU-Chef Horst See­ho­fer kommt die Ab­wahl von Kau­der über­ra­schend. Das Er- sei zu re­spek­tie­ren, sagt er hin­ter­her kurz an­ge­bun­den. „Es war knapp“, er­klärt er spä­ter. „Wir ha­ben das Er­geb­nis als De­mo­kra­ten zu re­spek­tie­ren.“Und auf die Fra­ge, ob die Par­tei­füh­rung die Stim­mung in der Frak­ti­on falsch ein­ge­schätzt ha­be, ant­wor­tet er, man müs­se jetzt mit den Ab­ge­ord­ne­ten re­den.

Ob das reicht? „Al­len, die ge­gen Kau­der ge­stimmt ha­ben, muss klar ge­we­sen sein, dass sie da­mit die Kanz­le­rin schwä­chen“, er­klärt Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Faas. „Ob es ei­ne Schwä­chung in die­sem Aus­maß wirk­lich wer­den soll­te, weiß man nicht – aber die Au­ßen­wir­kung ist na­tür­lich ent­spre­chend.“

Und so ist wohl al­len klar, dass an die­sem Nach­mit­tag im Sep­tem­ber mehr pas­siert ist als nur ein Wech­sel an der Spit­ze der Frak­ti­on. Von ei­ner „Re­vol­te“ge­gen Mer­kel, ei­nem „Erd­be­ben“, ist in Berlin die Re­de, von „Mer­kel-Däm­me­rung“, vom „An­fang vom En­de der Ära Mer­kel“. Die Frak­ti­on be­gehrt auf, eman­zi­piert sich, zeigt der Kanz­le­geb­nis rin die Gren­zen ih­rer Macht und dringt auf ei­nen per­so­nel­len wie in­halt­li­chen Wech­sel. Der bis­lang eher un­auf­fäl­li­ge und sprö­de Fi­nanz­fach­mann aus Gü­ters­loh, ein Mann der nüch­ter­nen Zah­len, nicht der mar­ki­gen Wor­te, woll­te sei­ne Kan­di­da­tur zwar nicht als ei­nen An­ti-Mer­kel-Akt se­hen, steht aber doch für ei­nen deut­lich kon­ser­va­ti­ve­ren Kurs und ein schär­fe­res ei­gen­stän­di­ges Pro­fil der Uni­on in der Gro­ßen Ko­ali­ti­on.

Und dort, im kon­ser­va­ti­ven La­ger, bricht des­halb re­gel­rech­ter Ju­bel aus. „Der sen­sa­tio­nel­le Sieg von Herrn Brink­haus zeigt, wie groß so­gar in der bis­her sehr folg­sa­men Frak­ti­on der Wunsch nach ei­nem in­halt­li­chen und per­so­nel­len Neu­an­fang an der Spit­ze ist“, sagt Alex­an­der Mitsch, Vor­sit­zen­der der Wer­te­uni­on. Das Er­geb­nis sei ein kla­res Vo­tum in Rich­tung der Par­tei­vor­sit­zen­den, den bis­he­ri­gen Kurs, be­son­ders in der Asyl­po­li­tik, end­lich zu än­dern. „Mit dem heu­ti­gen Tag hat die Mer­kel-Däm­me­rung un­wi­der­ruf­lich be­gon­nen“, sag­te Mitsch. „Für die Uni­on er­öff­net die­ser ers­te Do­mi­no­stein die Chan­ce, zu­künf­tig mit ei­nem wie­der kla­ren christ­de­mo­kra­ti­schen Pro­fil zu al­ter Stär­ke auf­zu­lau­fen.“

Für An­ge­la Mer­kel bre­chen schwe­re Zei­ten an. Tra­di­tio­nell ist die Uni­ons­frak­ti­on Macht­ba­sis je­der Kanz­ler­schaft. Kann Mer­kel sich nicht mehr auf den brei­ten Rück­halt in der Frak­ti­on ver­las­sen, dürf­te je­de halb­wegs knif­fe­li­ge Ab­stim­mung im Plenum für sie künf­tig zur Zit­ter­par­tie wer­den. Gut mög­lich, dass sie dann ir­gend­wann doch noch die Ver­trau­ens­fra­ge im Par­la­ment stel­len muss – wie ei­ner ih­rer stärks­ten Kri­ti­ker, FDP-Chef Christian Lindner, emp­fiehlt.

Brink­haus weiß aber auch, wie groß die Er­war­tun­gen de­rer sind, die ihm ih­re Stim­me ge­ge­ben ha­ben. So gibt er sich denn auch in der St­un­de sei­nes bis­lang größ­ten Tri­um­phes de­mons­tra­tiv be­schei­den. „Eins ist klar: Die Frak­ti­on steht ganz fest hin­ter An­ge­la Mer­kel“, sagt er. Er freue sich auf ei­ne en­ge und ver­trau­ens­vol­le Ko­ope­ra­ti­on mit Mer­kel. „Da passt zwi­schen uns kein Blatt Pa­pier.“Nun ge­he es dar­um, ganz schnell wie­der an die Ar­beit zu ge­hen. Er wol­le das tun, „was die Men­schen von uns er­war­ten: näm­lich an der Sa­che zu ar­bei­ten“. Und das, im­mer­hin, wür­de auch An­ge­la Mer­kel nicht an­ders sa­gen.

„Da passt zwi­schen uns kein Blatt Pa­pier.“Ralph Brink­haus, neu­er Uni­ons Frak­ti­ons­chef, über Kanz­le­rin Mer­kel

Fo­to: Micha­el Kap­peler, dpa

Nach 13 Jah­ren stür­zen die Uni­ons­ab­ge­ord­ne­ten Vol­ker Kau­der – und ver­pas­sen da mit der Kanz­le­rin ei­nen Denk­zet­tel.

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