»Fickt euch frei!«

Weil auf die se­xu­el­le Be­frei­ung der 68er-Be­we­gung nicht die so­zia­lis­ti­sche Re­vo­lu­ti­on folg­te, ha­ben sich die Lin­ken von den The­sen des Psy­cho­ana­ly­ti­kers und So­zi­al­wis­sen­schaft­lers Wil­helm Reich zum Ver­hält­nis von Se­xu­al­un­ter­drü­ckung und Po­li­tik ab­ge­wandt.

Neues Deutschland - - Gesellschaft - »Dies war die Bot­schaft, die sich Wil­helm Reichs Buch ›Die se­xu­el­le Re­vo­lu­ti­on‹ ent­neh­men ließ, und sie war kein Miss­ver­ständ­nis: Fickt euch frei!« (»Die Zeit«, 27.12.1991) Von Cars­ten Pri­en

In sei­ner un­ter dem Ti­tel »Se­xua­li­tät und Bin­dung im Spät­ka­pi­ta­lis­mus« in der »Zeit« ver­öf­fent­lich­ten Dia­gno­se kon­sta­tiert der Psy­cho­ana­ly­ti­ker Franz Ober­leh­ner, die Ona­nie sei zur »Zen­tral­ein­heit ei­ner ›se­xu­el­len De­mo­kra­tie‹« ge­wor­den, in der »part­ner­schaft­li­che Se­xua­li­tät« ein markt­för­mi­ger »Tausch › Or­gas­mus‹ ge­gen › Or­gas­mus‹« ist. Wil­helm Reich gilt ge­mein­hin als geis­ti­ger Ur­he­ber die­ser, or­wellsch »se­xu­el­le Re­vo­lu­ti­on« ge­nann­ten »Dis­so­zia­ti­on des Se­xu­el­len«. Dass die­ser Art se­xu­el­ler › Be­frei­ung‹ nicht, wie er­hofft, die so­zia­lis­ti­sche Re­vo­lu­ti­on folg­te, gilt der Lin­ken seit­her über­dies als Be­weis für die Falsch­heit der Reich­schen Theo­ri­en über das Ver­hält­nis von Se­xu­al­un­ter­drü­ckung und Po­li­tik. Es geht hier um ei­ne grund­sätz­li­che Än­de­rung im Er­le­ben des Ge­schlecht­li­chen, wie des Le­bens über­haupt. Po­pu­lär aus­ge­drückt: »›Vö­geln‹ ist nicht lie­ben, son­dern das ge­ra­de Ge­gen­teil da­von«, ver­tei­dig­te sich Reich schon 1938 ge­gen die Ver­dre­hung sei­ner Leh­re. Ver­ge­bens, denn das »Miss­ver­ständ­nis« ist ge­wollt.

Reich be­griff sei­ne Theo­rie der »Se­xu­al­öko­no­mie« als »theo­re­ti­sche Be­wusst­wer­dung« ei­ner ge­schicht­li­chen »Ten­denz zur Ver­schär­fung der Se­xu­al­un­ter­drü­ckung« und ei­ner ihr »ent­ge­gen­ge­setz­ten zur Wie­der­her­stel­lung der na­tür­li­chen se­xu­el­len Öko­no­mie«. Die »Ver­schär­fung der Se­xu­al­un­ter­drü­ckung« be­ginnt laut Reich mit der pro­gres­si­ven Auf­lö­sung der auf pa­tri­li­nea­rer Erb­fol­ge grün­den­den pa­tri­ar­cha­len Fa­mi­li­en­ord­nung wäh­rend der »ur­sprüng­li­chen Ak­ku­mu­la­ti­on«. Auch die wirt­schaft­li­che Ein­heit der Fa­mi­lie im Fa­mi­li­en­lohn des Man­nes zer­fällt. Denn um das »Aus­beu­tungs­feld des Ka­pi­tals« zu er­wei­tern, wie Marx schreibt, wirft bald »die Ma­schi­ne­rie al­le Glie­der der Ar­bei­ter­fa­mi­lie auf den Ar­beits­markt«.

Der »Kon­sum­zwang« löst die fa­mi­li­a­re Gü­ter- und Le­bens­ge­mein­schaft wei­ter auf. Die Fa­mi­li­en­mit­glie­der kön­nen die »Ar­bei­ten, wel­che der Fa­mi­li­en­kon­sum er­heischt«, nicht mehr selbst aus­füh­ren. Die­se »müs­sen durch Kauf fer­ti­ger Wa­ren er­setzt wer­den. Der ver­min­der­ten Aus­ga­be von häus­li­cher Ar­beit ent­spricht al­so ver­mehr­te Geld­aus­ga­be.« Die er­wei­ter­te Lohn­ar­beits­zeit ver­kürzt die ge­mein­sa­me Le­bens­zeit.

Die­se Ten­denz zur Ato­mi­sie­rung der Ge­sell­schaft kommt über ei­ne de­mo­gra­fi­sche Kri­se zum lo­gi­schen End­punkt ei­ner tech­nisch ver­mit­tel­ten Fort­pflan­zung in sen­su Al­dous Hux­ley. Die Kom­mo­di­fi­zie­rung der Re­pro­duk­ti­ons­sphä­re der ver­ein­zel­ten Ar­beits­kraft en­det mit ei­ner durch Wa­ren – und letzt­lich eben­falls tech­nisch ver­mit­tel­ten Sub­sti­tu­ti­on na­tür­li­cher Se­xua­li­tät.

Die Ge­gen­ten­denz, die Reich meint, ist Teil des pro­le­ta­ri­schen Klas­sen­kamp­fes. Im Klas­sen­kampf müs­sen die Ein­zel­nen, be­wusst und von sich aus, ih­re Ato­mi­sie­rung durch so­li­da­ri­sches Ver­hal­ten über­win­den. Der Klas­sen­kampf bil­det ei­nen Men­schen, der »in sei­nem in­di­vi­du­ells­ten Da­sein zu­gleich Ge­mein­we­sen ist« und des­sen be­frei­te Pro­duk­ti­vi­tät zur Ba­sis der kom­mu­nis­ti­schen Pro­duk­ti­ons­wei­se wird. Der jun­ge Marx sah die­sen neu­en Men­schen in ei­nem Ge­schlechts­ver­hält­nis ver­wirk­licht, in dem »der and­re Mensch als Mensch zum Be­dürf­nis« ge­wor­den ist. Reich nann­te die ihm ent­spre­chen­de psy­cho­se­xu­el­le Kon­sti­tu­ti­on »Ge­ni­ta­li­tät«. Die ka­pi­ta­lis­ti­sche Se­xu­al­un­ter­drü­ckung gilt al­so der So­zia­bi­li­tät des Se­xu­el­len, sie gilt der »Ge­ni­ta­li­tät«.

Je­an Pier­re Voy­er hat 1971 in sei­ner »Reich-Ge­brauchs­an­wei­sung« den Wi­der­spruch bei­der Ten­den­zen tref­fend zum Aus­druck ge­bracht: »Nur weil die uni­ver­sel­le So­zia­li­sie­rung der mensch­li­chen Be­zie­hun­gen die ein­zi­ge Form des Wer­tes an­ge­nom­men hat, der ih­re Ne­ga­ti­on ist, sind die ech­ten mensch­li­chen, von der Lust be­sie­gel­ten Be­zie­hun­gen in die­ser So­zia­li­sie­rung auf­be­wahrt, als na­tür­li­che Be­zie­hun­gen von Mensch zu Mensch, die in­so­weit un­er­laubt und heim­lich sind, denn al­le Ge­sell­schaft­lich­keit, die gan­ze Mensch­heit ist vom Wert be­setzt, der ein­zi­gen er­laub­ten So­zia­li­sie­rung. Was dem Ge­setz des Wer­tes zu ent­ge­hen sucht, nimmt folg­lich die Form des Na­tür­li­chen an, das heißt per De­fi­ni­ti­on die Form des­sen, was der Be­herr­schung durch die Mensch­heit ent­geht.«

Der US-ame­ri­ka­ni­sche Se­xu­al­for­scher Al­f­red Kin­sey de­fi­nier­te »se­xu­el­le Be­frei­ung«, ge­mäß der Ten­denz zur Auf­lö­sung von pa­tri­ar­cha­ler Fa- mi­lie und re­pres­si­ver Se­xu­al­mo­ral, rein for­ma­lis­tisch als un­ge­hin­der­ten Zu­gang zum »to­tal-se­xu­al-out­let«. Reichs ma­te­ria­lis­ti­sche De­fi­ni­ti­on »se­xu­el­ler Be­frei­ung« hin­ge­gen ist die Ent­fal­tung der mensch­li­chen Fä­hig­keit zur »Selbst­re­gu­la­ti­on«, die er »or­gas­ti­sche Po­tenz« nann­te.

Mit­te der 1960er Jah­re stand die Lin­ke am Schei­de­weg. Sie konn­te sich zur Avant­gar­de ei­ner dem Ka­pi­tal­ver­hält­nis funk­tio­na­len »se­xu­el­len Re­vo­lu­ti­on« ma­chen, oder sich, wie Ru­di Dutsch­ke, ei­ner »re­pres­si­ven Se­xua­li­sie­rung« ent­ge­gen­stel­len, mit der sich die Ge­sell­schaft »das Trieb­le­ben des Ein­zel­nen in re­pres­si­ver Form« an­eig­ne, »um es sich nicht in sub­ver­si­ver Form ent­fal­ten zu las­sen«.

»Se­xua­li­sie­rung« be­zeich­net psy­cho­ana­ly­tisch ei­nen Ab­wehr­me­cha­nis­mus: ei­nem »prä­ge­ni­ta­len« Af­fekt, der nicht be­wusst wer­den darf, wird ein se­xu­el­ler Aus­druck ge­ge­ben, um auf die­se Wei­se die­sen un­er­träg­li­chen Af­fekt – et­wa De­pres­si­on oder »in­ne­re Lee­re« – zu­gleich zu be­herr­schen und im Ver­schie­bungs­er­satz ab­zu­füh­ren. Der se­xua­li­sie­ren­de Neu­ro­ti­ker, so der ös­ter­rei­chi­sche Psy­cho­ana­ly­ti­ker Ot­to Fe­ni­chel schon 1931, »lei­det an der Un­fä­hig­keit zur Be­frie­di­gung und ver­sucht des­halb im­mer wie­der, die­se Be­frie­di­gung in neu­er­li­cher Wie­der­ho­lung des Ak­tes zu er­zwin­gen. Ob­wohl er ei­nen se­xu­el­len Hö­he­punkt je­des Mal er­le­ben mag, ist er doch im Reich­schen Sin­ne »or­gas­tisch im­po­tent.« Der nicht­neu­ro­ti­sche »Or­gas­mus« ist nach Reichs kli­ni­scher Er­fah­rung »in der Haupt­sa­che Aus­druck un­ge­hemm­ter, ein­deu­tig ge­rich­te­ter Hin­ga­be an ei­nen Part­ner«.

Die se­xu­al­po­li­ti­sche Ent­schei­dung der Neu­en Lin­ken ge­gen Wil­helm Reich und für den Op­por­tu­nis­mus fiel im April 1969 im Theo­rie-Or­gan des SDS »Neue Kri­tik« in der De­bat­te zwi­schen Wolf­gang F. Haug und Rei­mut Rei­che. Rei­che hat­te in sei­nem Buch »Se­xua­li­tät und Klas­sen­kampf« wie Wil­helm Reich zwi­schen »Ge­ni­ta­li­tät« und se­xua­li­sier­ter »Schein­ge­ni­ta­li­tät« un­ter­schie­den. Doch die­se Un­ter­schei­dung wird wie­der ver­wischt. Dem »ka­pi­ta­lis­ti­schen Herr­schafts­sys­tem«, schreibt Rei­che, »scheint es zu ge­lin­gen, ei­ne zu­ge­rich­te­te und ka­na­li­sier­te Schein­ge­ni­ta­li­tät zu ent­wi­ckeln und zu steu­ern. Die ka­na­li­sier­te Ge­ni­ta­li­tät hat zwar nichts ge­mein mit der von Reich an­ge­streb­ten ›se­xu­al­öko­no­mi­schen Selbst­steue­rung‹, sie ist viel­mehr ihr Ge­gen­teil: näm­lich Frei­las­sung der ge­ni­ta­len Se­xua­li­tät im Di­ens­te fremd­ge­steu­er­ter Herr­schaft, nach Mar­cu­ses Ka­te­go­rie un­ge­fähr: re­pres­si­ve Ent­sub­li­mie­rung. So­viel müs­sen wir aus der Funk­ti­on der Se­xua­li­tät im Spät­ka­pi­ta­lis­mus, die Reich im Ver­blen­dungs­zu­sam­men- hang sei­ner Über­schät­zung der be­frei­en­den Kraft der ›or­gas­ti­schen Po­tenz‹ nicht mehr er­kann­te, doch ler­nen: Die Be­frei­ung der ›Ge­ni­ta­li­tät‹ bie­tet kei­ne aus­rei­chen­den Ga­ran­ti­en mehr da­für, dass die Se­xua­li­tät zum Mo­tor im Kampf ge­gen so­zia­le Un­ter­drü­ckung, öko­no­mi­sche Aus­beu­tung und in­di­vi­du­el­les Elend wird.«

Ein Wi­der­sinn: »Schein­ge­ni­ta­li­tät« sei zwar kei­ne »Ge­ni­ta­li­tät« im Sin­ne Reichs, ja so­gar ihr Ge­gen­teil, und den­noch will Rei­che ge­ra­de mit der ka­pi­ta­lis­ti­schen Funk­tio­na­li­tät der »Schein­ge­ni­ta­li­tät« plau­si­bel ma­chen, dass Reichs Ge­ni­ta­li­täts­theo­rie falsch ist.

Haug nutzt die Halb­hei­ten Rei­ches weid­lich aus. Zur »Ab­wehr re­pres­si­ver Ent­sub­li­mie­rung« hat­te Rei­che für die Ein­heit von Se­xua­li­tät und Lie­be plä­diert. Haug zi­tiert Ador­no: »... nur der liebt, wer die Kraft hat, an der Lie­be fest­zu­hal­ten«, und fährt dann fort: »Wenn Rei­ches Theo­ri­en über ›Schein­ge­ni­ta­li­tät‹ auch nur an­nä­hernd zu­tref­fend sind« – was Haug bis da­hin ve­he­ment be­strit­ten hat­te –, dann er­ge­he »die Ant­wort«, die Rei­che gibt, »an ei­nen mas­sen­haft vor­herr­schen­den Ty­pus, der die Kraft nicht hat.«

Die­ser ver­deck­te Hin­weis Haugs, Rei­che stün­de al­lein da, hat durch­schla­gen­den Er­folg. In sei­ner »Ant­wort auf Haug« klagt sich Rei­che in ei­nem an die Mos­kau­er Schau­pro­zes­se er­in­nern­den Ton selbst an: »Wo ich den ge­ni­ta­len Cha­rak­ter idea­lis­tisch sti­li­sie­re, ha­be ich ei­ne re­for­mis­ti­sche For­de­rung ver­tre­ten. Ich woll­te al­so den Pri­mat der Ge­ni­ta­li­tät nur ›wirk­lich‹ her­stel­len. Die ent­spre­chen­de ›re­vo­lu­tio­nä­re‹ For­de­rung hie­ße: Be­frei­ung der Se­xua­li­tät auch von ih­ren ge­ni­ta­len Fes­seln.«

Jah­re spä­ter schreibt Rei­che: »Im best ca­se sce­na­rio be­gin­nen die Men­schen in den ent­wi­ckel­ten Ge­sell­schaf­ten sich ge­ra­de da­mit ein­zu­rich­ten, dass et­was am We­sen der Se­xua­li­tät selbst uns die vol­le Be­frie­di­gung ver­sagt.« Es ist der re­si­gnier­te Wil­le, sich mit der »or­gas­ti­schen Im­po­tenz« zu ar­ran­gie­ren.

Mit­te der 1960er Jah­re stand die Lin­ke am Schei­de­weg. Sie konn­te sich zur Avant­gar­de ei­ner dem Ka­pi­tal­ver­hält­nis funk­tio­na­len »se­xu­el­len Re­vo­lu­ti­on« ma­chen, oder sich, wie Ru­di Dutsch­ke, ei­ner »re­pres­si­ven Se­xua­li­sie­rung« ent­ge­gen­stel­len.

Fo­to: pho­to­ca­se/grenz­ver­kehr

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