Kämp­fer für die Ab­ge­häng­ten

Der So­zi­al­ak­ti­vist Ha­rald Tho­mé will die Schwächs­ten nicht den Na­zis über­las­sen.

Neues Deutschland - - Die Woche - Von Pe­ter No­wak

Die Wup­per­ta­ler AfD hat in der ver­gan­ge­nen Wo­che wie­der ein­mal ei­nen Skan­dal auf­ge­deckt: »Ver­wal­tung und Rat der Stadt Wup­per­tal las­sen es zu, dass über in­ter­ne Mai­lac­counts der Stadt die Agi­ta­ti­on ei­nes sich of­fen mit po­li­ti­schen Ge­walt­ta­ten so­li­da­ri­sie­ren­den Links­ex­tre­mis­ten ver­brei­tet und da­zu auf­ge­ru­fen wird, den recht­mä­ßi­gen Wahl­kampf der AfD zu be- be­zie­hungs­wei­se nach Mög­lich­keit zu ver­hin­dern,« schreibt die Rechts­au­ßen­par­tei auf ih­rer Home­page. Dort for­dert sie auch Ver­wal­tung und Rat der Stadt auf, jeg­li­che Zu­sam­men­ar­beit mit dem »Links­ex­tre­mis­ten und sei­nem Ver­ein um­ge­hend zu be­en­den und die wei­te­re Ver­brei­tung links­ex­tre­mis­ti­scher Agi­ta­ti­on in den städ­ti­schen In­sti­tu­tio­nen kon­se­quent zu un­ter­bin­den«. Ein Skan­dal sei es, dass die be­schul­dig­te Per­son und ihr Ver­ein die städ­ti­sche In­fra­struk­tur für ih­re Mit­tei­lun­gen nut­zen konn­te.

Der wort­reich ver­un­glimpf­te an­geb­li­che Links­ex­tre­mist, der in Fried­rich En­gels’ Ge­burts­ort die kom­mu­na­len Mail­ser­ver mit ro­tem Ge­dan­ken­gut in­fil­triert ha­ben soll, heißt Ha­rald Tho­mé und sieht die Auf­re­gung der Rechts­po­pu­lis­ten auch als In­diz, dass sei­ne Ar­beit nicht wir­kungs­los war: »Wir ha­ben in den letz­ten Wo­chen die AfD ganz schön ge­nervt, wenn wir in der Nä­he ih­rer In­fo­stän­de mit Müll­tü­ten stan­den, in die Pas­san­ten die ver­teil­ten Ma­te­ria­len gleich ent­sor­gen konn­ten«, er­klärt er.

Ge­gen den bun­des­weit be­kann­ten Re­fe­ren­ten für Ar­beits­lo­sen- und So­zi­al­recht und dem von ihm mit­ge­grün­de­ten Ver­ein Ta­che­les e.V. rich­tet sich die Kam­pa­gne der AfD. Seit mehr als zwei Jahr­zehn­ten be­ra­ten Tho­mé und sei­ne Mit­strei­ter schon Er­werbs­lo­se und So­zi­al­hil­fe­be­zie­her. Da­bei setzt Ta­che­les auf zwei Säu­len: die Selbst­er­mäch­ti­gung der Be­trof­fe­nen und den ju­ris­ti­schen Weg. Da­mit hat der Ver­ein in den ver­gan­ge­nen Jah­ren vie­len Menschen zu ih­rem Recht ver­hol­fen. So­gar man­che Ver­wal­tungs­be­am­te zol­len Tho­mé des­halb Re­spekt: »Sie ha­ben sich um die­sen (so­zia­len) Rechts­staat ver­dient ge­macht. Ihr nim­mer­mü­der Ein­satz hat maß­geb­lich da­zu bei­ge­tra­gen, dass dem be­hörd­lich viel tau­send­fa­chen Rechts­bruch ein Me­di­um ent­ge­gen­ge­stellt wird, das wir­kungs­voll ist«, schrieb im ver­gan­ge­nen Jahr der pen­sio­nier­te Ver­wal­tungs­be­am­te Dietrich Schoch an den 1962 ge­bo­re­nen Ver­eins­grün­der Tho­mé.

Da­bei schont Ta­che­les die Be­hör­den kei­nes­wegs, wenn es um das Recht und die Wür­de von Er­werbs­lo­sen und ein­kom­mens­ar­men Menschen geht. So hat­te der Ver­ein ab 2013 die Durch­wahl­num­mern von Job­cen­ter­mit­ar­bei­tern auf sei­ne In­ter­net­sei­te ge­stellt, muss­te sie nach Kla­ge­dro­hun­gen der Agen­tur für Ar­beit aber wie­der lö­schen. Doch der Ha­rald Tho­mé Ver­ein hat­te mit der Ak­ti­on das Macht­ge­fäl­le in den Job­cen­tern und Ar­beits­agen­tu­ren deut­lich ge­macht. Wäh­rend die Äm­ter über Menschen, die Leis­tun­gen be­an­tra­gen, vie­le sehr pri­va­te Da­ten sam­meln, wer­den den »Kun­den« selbst die Durch­wahl­num­mern für die Bü­ros »ih­rer« Fall­ma­na­ger vo­rent­hal­ten. Wenn sie beim Amt an­ru­fen, lan­den sie in ei­ner Te­le­fon­zen­tra­le und da­mit meis­tens in der War­te­schlei­fe. Das er­fah­ren vie­le Be­trof­fen als de­mü­ti­gend.

Doch die Ar­beit von Ta­che­les hat­te von An­fang an auch ei­ne an­ti­ras­sis­ti­sche Kom­po­nen­te. Der Ver­ein hat­te sich 1994 ge­grün­det – Aus­lö­ser wa­ren die Po­gro­me von Ros­tock im Jahr 1992, an de­nen sich vie­le Menschen be­tei­lig­ten, die arm und so­zi­al ab­ge­hängt wa­ren oder sich zu­min­dest so fühl­ten. Mit ih­rem An­satz schlu­gen die Ta­che­les-Grün­der um Tho­mé ab­sicht­lich ei­nen an­de­ren Weg ein als vie­le an­de­re in der an­ti­ras­sis­ti­schen Be­we­gung ak­ti­ve Menschen. In vie­len der be­ste­hen­den Initia­ti­ven wur­den Menschen mit ge­rin­gen Ein­kom­men als für die lin­ke Politik ver­lo­ren ab­ge­schrie­ben. Die Auf­ru­fe rich­te­ten sich eher an ei­nen aka­de­mi­schen Mit­tel­stand als an die, die ganz un­ten ste­hen.

Genau die will Ta­che­les aber mit sei­ner Ar­beit er­rei­chen: »Wenn je­mand mit rech­ten Sym­bo­len in un­se­re Be­ra­tung kommt, re­den wir mit ihm«, sagt Tho­mé, der sich in sei­nem Twit­ter-Pro­fil selbst als »In­di­vi­dua­list, Kämp­fer für ei­ne an­de­re Welt und Träu­mer« be­zeich­net. »So hat­te ein Mann den bei Rech­ten be­lieb­ten Auf­kle­ber 88 auf sei­nem Mo­tor­rad. Es stell­te sich her­aus, dass er in ei­nem Ver­ein ak­tiv war, in dem ein ak­ti­ver Neo­na­zi mit­mischt. Der Mann kann­te den Hintergrund des Auf­kle­ber­mo­ti­ves nicht und ent­fern­te ihn, nach­dem wir ihn dar­über in­for­miert hat­ten.«

Den­noch hat der Ver­ein ganz kla­re Grund­sät­ze: »Ge­fes­tig­te Ras­sis­ten wer­den von uns nicht be­ra­ten«, be­tont Tho­mé. Be­sorgt ist er, weil Menschen, die sich nie für Politik in­ter­es­siert ha­ben, jetzt ver­mehrt er­klär­ten, dass sie die­ses Mal die AfD wäh­len wol­len, um »die da oben« zu är­gern. »De­nen ist auch völ­lig egal, dass die­se Par­tei gar nicht ge­gen Hartz IV ist. Lin­ke Par­tei­en hin­ge­gen wer­den von de­nen nicht als Op­ti­on wahr­ge­nom­men, auch wenn die sich ganz klar ge­gen Hartz IV und für so­zia­le For­de­run­gen ex­po­nie­ren«, be­rich­tet Tho­mé aus sei­ner täg­li­chen Be­ra­tungs­pra­xis.

Die Kam­pa­gne der AfD be­stärkt ihn noch in sei­ner Ar­beit. Die Par­tei stört be­son­ders, dass er als er­klär­ter Lin­ker und An­ti­ras­sist die Ein­kom­mens­schwa­chen nicht ein­fach rechts lie­gen lässt, wo sie die AfD leicht auf­sam­meln könn­te. Tho­mé ar­bei­tet des­halb dort, wo vie­le Lin­ke sich nicht hin trau­en. Von den brau­nen Hor­den wird er sich auch in Zu­kunft nicht von die­ser Ar­beit ab­hal­ten las­sen.

Fo­to: pri­vat

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