Der al­te Mann will noch mehr

Nur der Hen­kel­pott fehlt Gi­gi Buf­fon noch. Mor­gen steht er mit Ju­ven­tus Tu­rin im Fi­na­le der Cham­pi­ons Le­ague.

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - SPORT - VON RO­BERT PE­TERS

DÜSSELDORF/CAR­DIFF Im No­vem­ber 1995 wird in Ge­or­gi­en eu­ro­päi­sche Ge­schich­te ge­schrie­ben. Das Par­la­ment wählt den ehe­ma­li­gen so­wje­ti­schen Au­ßen­mi­nis­ter Edu­ard Sche­ward­nad­se zum Prä­si­den­ten. Die gan­ze Welt schaut zu. In Par­ma wird zur glei­chen Zeit ein neu­es Ka­pi­tel der eu­ro­päi­schen Fuß­ball­ge­schich­te auf­ge­schla­gen. Aber das ahnt noch nie­mand. Par­mas Trai­ner stellt ei­nen 17-jäh­ri­gen Schlaks ins Tor, der ent­schei­den­de Bei­trä­ge zu ei­nem tor­lo­sen Un­ent­schie­den ge­gen AC Mai­land leis­tet. Bei Mi­lan spie­len Welt­stars wie Fran­co Ba­re­si, Pao­lo Mal­di­ni und Ge­or­ge Weah. Der Schlaks im Tor von Par­ma heißt Gi­an­lu­i­gi Buf­fon. Al­le nen­nen ihn Gi­gi.

Ba­re­si, Mal­di­ni und Weah sind längst Fuß­ball­rent­ner. Buf­fon, seit 2001 bei Ju­ven­tus Tu­rin, könn­te auch schon auf dem Al­ten­teil sein, denn er ist 39 Jah­re alt. Manch­mal sieht man ihm das Al­ter so­gar an, sein Ge­sicht spie­gelt die Jah­re, aber auf sei­ne Leis­tun­gen hat es gar kei­nen Ein­fluss. Und er hat noch nicht ge­nug. „Ei­gent­lich wird er im­mer bes­ser“, sagt Oli­ver Kahn, der deut­sche Tor­wart-Ti­tan. In den ver­gan­ge­nen 22 Jah­ren hat Buf­fon fast al­les ge­won­nen, nur die Cham­pi­ons Le­ague nicht. Mor­gen bie­tet ihm das Fi­na­le von Car­diff zwi­schen Ju­ven­tus Tu­rin und Re­al Ma­drid die drit­te Ge­le­gen­heit. Vor zwei Jah­ren ver­lor Juve ge­gen den FC Bar­ce­lo­na 1:3 und 2003 nach Elf­me­ter­schie­ßen ge­gen Mi­lan. „Das tat sehr weh“, er­klärt Buf­fon, „aber ich war 2003 erst 25 und über­zeugt da­von, dass ich den Ti­tel noch vie­le Ma­le ge­win­nen wür­de. Das war der ju­gend­li­che Leicht­sinn.“

Leicht­sin­nig ist er schon lan­ge nicht mehr. Nicht erst seit dem WMTi­tel von Berlin 2006 gilt Buf­fon als Cha­rak­ter­dar­stel­ler. Sein lei­den­schaft­li­ches Mie­nen­spiel ist fast so be­rühmt wie sei­ne be­son­de­re Art, den Job des Tor­warts zu er­le­di­gen. Aus dem dün­nen lan­gen Kerl ist ein Ath­let ge­wor­den, der Ein­druck macht mit sei­nem Bi­zeps und dem brei­ten Kreuz. Wahr­schein­lich liegt es in den Ge­nen, denn sei­ne Mut­ter war ita­lie­ni­sche Meis­te­rin mit Ku­gel und Dis­kus, sein Va­ter Ge­wicht­he­ber. Der Tor­wart Buf­fon ge­hört zu de­nen, die das Feld für die Geg­ner im­mer ein biss­chen klei­ner ma­chen. Mit sei­ner Prä­senz be­setzt er nicht nur den Straf­raum, son­dern ei­ne gan­ze Hälf­te. So groß wirkt im Welt­fuß­ball al­len­falls noch Ma­nu­el Neu­er – kein Wun­der, dass sich die bei­den blen­dend ver­ste­hen.

Neu­er ist bei wei­tem nicht der ein­zi­ge Fuß­bal­ler, der mit Buf­fon bes­tens aus­kommt. Der Tu­ri­ner Schluss­mann ver­dankt sei­nen Ruf, sei­ne Grö­ße auch dem Um­stand, dass er selbst mit­ten im Wett­kampf Zeit für ein net­tes Wort, ei­ne freund­li­che Ges­te fin­det. Un­ver­ges­sen ist die Sze­ne aus dem EM-Vier­tel­fi­na­le ge­gen Deutsch­land 2016, als er Tho­mas Mül­ler vom Baum hol­te. Der deut­sche Stür­mer hat­te ei­ne Mei­nungs­ver­schie­den­heit mit Gior­gio Chiel­li­ni, die Buf­fon mit dem gü­ti­gen Lä­cheln ei­nes da­mals be­reits 38-Jäh­ri­gen aus der Welt schaff­te. Bei Buf­fons brei­tem Lä­cheln konn­te we­der Mül­ler noch Chiel­li­ni im Kampf­mo­dus ver­har­ren. Und das heißt et­was in ei­nem Vier­tel­fi­na­le.

An Ehr­geiz man­gelt es dem Tor­wart trotz­dem nicht. Er be­treibt sei­nen Job im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter frei von furcht­er­re­gen­der Ver­bis­sen­heit. Buf­fon be­geg­net sei­nen Auf­ga­ben mit der Ent­spannt­heit, zu der nur au­ßer­ge­wöhn­li­che Sport­ler im Wis­sen um ihr Ta­lent in der La­ge sind. Das heißt nicht, dass es ihm an Re­spekt vor wich­ti­gen Spie­len fehlt. Auch die­sen pu­ber­tä­ren Leicht­sinn hat er ab­ge­legt. Selbst­ver­ständ­lich ha­be er Angst vor dem Fi­na­le, sagt er dem Sen­der Pre­mi­um Sport. Das sei frei­lich die nö­ti­ge Angst, „die man hat, wenn sol­che Wett­kämp­fe be­strit­ten wer­den. Man muss den Mut fin­den, die­se Angst zu be­sie­gen, und meis­tens ge­lingt mir das. Des­we­gen füh­le ich mich viel stär­ker als die, die kei­ne Angst ha­ben oder sa­gen, dass sie kei­ne ha­ben“.

Buf­fon hat in 22 Jah­ren als Pro­fi ge­lernt, dass zur Stär­ke ge­hört, Schwä­chen ein­zu­räu­men. Das macht ihn so nah­bar. Und auch des­we­gen gönnt ihm die gan­ze Fuß­bal­lwelt den Ti­tel, der noch in der Samm­lung fehlt. Vi­el­leicht nur der An­hang von Re­al nicht. Aber der bleibt hier mal au­ßen vor.

FOTO: AP

Ein lei­den­schaft­li­cher Typ: Gi­an­lu­i­gi, ge­nannt Gi­gi, Buf­fon be­ju­belt die Meis­ter­schaft mit Ju­ven­tus Tu­rin.

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