Städ­te­for­dern­mehrGeld vom Land für Flücht­lin­ge

Aus Sicht von NRW-Bür­ger­meis­tern lässt der schwarz-gel­be Ko­ali­ti­ons­ver­trag noch vie­le Fra­gen of­fen. Ins­be­son­de­re er­war­ten sie ei­ne Wei­ter­ga­be der für In­te­gra­ti­on vor­ge­se­he­nen Bun­des­mit­tel.

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - VORDERSEITE - VON KIRS­TEN BIALDIGA

DÜS­SEL­DORF Die Bür­ger­meis­ter in Nord­rhein-West­fa­len for­dern von der neu­en Lan­des­re­gie­rung kon­kre­te Hil­fen für die In­te­gra­ti­on der Flücht­lin­ge. „Wir als Städ­te­tag er­war­ten, dass das Land ei­nen an­ge­mes­se­nen An­teil der Bun­des­mit­tel für die In­te­gra­ti­on an die Kom­mu­nen wei­ter­lei­tet. Die­ser Punkt ist im Ko­ali­ti­ons­ver­trag lei­der nicht an­ge­spro­chen“, sag­te der Vor­sit­zen­de des nord­rhein-west­fä­li­schen Städ­te­ta­ges, Ober­bür­ger­meis­ter Pit Clau­sen (SPD) aus Bie­le­feld, un­se­rer Re­dak­ti­on. Der Ko­ali­ti­ons­ver­trag ent­hal­te zur In­te­gra­ti­on ei­ni­ge gu­te Ab­sichts­er­klä­run­gen. Ent­schei­dend wer­de aber sein, wie sie aus­ge­stal­tet wür­den, sag­te Clau­sen.

Bei der In­te­gra­ti­on der Flücht­lin­ge kommt den Städ­ten und Ge­mein­den ei­ne Schlüs­sel­rol­le zu. Die rot­grü­ne Vor­gän­ger­re­gie­rung wur­de vor al­lem da­für kri­ti­siert, dass sie die für die In­te­gra­ti­on vor­ge­se­he­nen Bun­des­mit­tel nicht in aus­rei­chen­dem Um­fang wei­ter­reich­te, um et­wa Sprach­kur­se, zu­sätz­li­che Ki­ta-Plät­ze oder Wohn­raum zu fi­nan­zie­ren.

In ih­rem Ko­ali­ti­ons­ver­trag kün­di­gen CDU und FDP ei­ne „NRW-In­te­gra­ti­ons­stra­te­gie 2030“an, die un­ter an­de­rem we­ni­ger Bü­ro­kra­tie, län­ge­re För­der­zeit­räu­me und in gro­ßen Tei­len ver­pflich­ten­de Sprach­kur­se vor­sieht. Zu­dem will Schwarz-Gelb ei­ne Schul­pflicht für Flücht­lin­ge un­ter 25 Jah­ren ein­füh­ren.

Lang­fris­ti­ges Ziel ist es dem Pa­pier zu­fol­ge über­dies, dass nur an­er­kann­te Asyl­be­wer­ber den Kom­mu­nen zu­ge­wie­sen wer­den. Ab­ge­lehn­te Asyl­be­wer­ber sol­len bis zu ih­rer Aus­rei­se in den Lan­des­un­ter­künf­ten blei­ben. Ent­spre­chend soll die ma­xi­ma­le Auf­ent­halts­dau­er in Lan­des­ein­rich­tun­gen auf mehr als sechs Mo­na­te ver­län­gert wer­den. Da­bei sol­len die Be­woh­ner in den Lan­des­un­ter­künf­ten ein ge­rin­ge­res Ta­schen­geld in bar be­kom­men als bis­her und ei­ne Kar­te für Sach­leis­tun­gen.

Der Ham­mer Ober­bür­ger­meis­ter Tho­mas Hun­ste­ger-Pe­ter­mann (CDU), der punk­tu­ell selbst am Ko­ali­ti­ons­ver­trag mit­ar­bei­te­te, for­dert vor al­lem kür­ze­re bü­ro­kra­ti­sche We­ge, da­mit die Flücht­lin­ge schnel­ler an Sprach- und In­te­gra­ti­ons­kur­sen teil­neh­men und ar­bei­ten dür­fen. Bis zur Ent­schei­dung, ob ein Flücht­ling blei­ben dür­fe, ver­ge­he zu Wie vie­le Flücht­lin­ge aus­ge­wähl­te Kom­mu­nen auf­ge­nom­men ha­ben*, in Pro­zent viel Zeit: „Dann geht die Lust, sich zu in­te­grie­ren, schnell ver­lo­ren.“Die schwarz-gel­be Po­li­tik müs­se in man­cher Hin­sicht noch ge­nau­er wer­den, et­wa in der Fra­ge, ab wel­chem Zeit­punkt die Auf­ent­halts­dau­er der Flücht­lin­ge in Lan­des­ein­rich­tun­gen auf mehr als sechs Mo­na­te ver­län­gert wer­den soll.

Auch die Wit­te­ner Bür­ger­meis­te­rin Son­ja Lei­de­mann (SPD) drängt zur Ei­le: „Wir hof­fen, dass die Vor­ha­ben der neu­en Lan­des­re­gie­rung zur In­te­gra­ti­on der Flücht­lin­ge jetzt schnell um­ge­setzt wer­den.“Lei­de­mann weiß aus der Pra­xis, wo die größ­ten Schwie­rig­kei­ten lie­gen. So sei et­wa die Lauf­zeit der För­der­pro­gram­me zu kurz: „Je­des Mal, wenn ein In­te­gra­ti­ons­pro­jekt aus­läuft, brau­chen wir ak­ten­ord­ner­wei­se neue Un­ter­la­gen, um es neu zu be­an­tra­gen.“Sehr oft sei­en auch die Zu­stän­dig­kei­ten nicht klar: Mal sei es die Be­zirks­re­gie­rung, mal ein an­de­res Amt. Dar­an schei­te­re häu­fig auch die Ver­mitt­lung der Flücht­lin­ge in Jobs. Ein Pro­blem der ei­gens ein­ge­rich­te­ten „In­te­gra­ti­on Po­ints“sei, dass Da­ten nicht aus­ge­tauscht wer­den dürf­ten, son­dern neu er­ho­ben wer­den müss­ten.

Nach An­ga­ben des nord­rhein­west­fä­li­schen Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums hat­ten von 120.000 Flücht­lin­gen, die dem Ar­beits­markt lan­des­weit zur Ver­fü­gung ste­hen, in NRW An­fang des Jah­res erst 2000 ei­nen Job ge­fun­den. Ur­sa­che sei­en vor al­lem feh­len­de Sprach­kennt­nis­se, vie­le Flücht­lin­ge sei­en aber auch nicht aus­rei­chend qua­li­fi­ziert.

Bür­ger­meis­te­rin Lei­de­mann be­grüßt da­her die Ver­län­ge­rung der Schul­pflicht: „Bei un­be­glei­te­ten Min­der­jäh­ri­gen er­le­ben wir es oft, dass sie, so­bald sie voll­jäh­rig sind, die Schu­le ein­fach ver­las­sen, weil sie mei­nen, das gro­ße Geld ver­die­nen zu kön­nen.“

Über und un­ter dem Soll

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