Mit Mu­sik geht im­mer al­les bes­ser

Das Wa­ter­mill Thea­t­re New­bury ist mit zwei Ins­ze­nie­run­gen beim Sha­ke­speareFes­ti­val zu Gast: „Ro­meo and Ju­liet“und „The Tw­elfth Night“. Bei­de Auf­füh­run­gen wur­den von Thea­ter­chef Paul Hart in­sze­niert und über­zeu­gen.

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - KULTUR IN NEUSS - VON HEL­GA BITT­NER

Af­ter­work-Par­ty im Glo­be – so klingt es, wäh­rend die Zu­schau­er noch her­ein­strö­men, gar nicht dar­auf ein­ge­stellt sind, dass das Stück wo­mög­lich be­gon­nen hat. Na ja, so rich­tig hat es das auch nicht. Ob­wohl: Songs wie „Ta­ke me to Church“, „Sweet Dreams (are ma­de of this)“oder „Sha­pe of you“sind ei­ne wun­der­ba­re Ou­ver­tü­re für die Tra­gö­die von „Ro­meo und Ju­lia“, die Re­gis­seur Paul Hart für sein Wa­ter­mill Thea­t­re in ei­ne Bar ver­legt hat.

Ir­gend­was zwi­schen schick und schmud­de­lig ist das Am­bi­en­te im „Ca­pu­let’s“. Ein ro­ter Schrift­zug ver­rät den Na­men, die jun­gen Be­su­cher tra­gen läs­si­ge Hoo­dies, be­druck­te T-Shirts oder en­ge Je­ans. Sin­gen, spie­len Gi­tar­re oder Schlag­zeug, im­mer geht es um die Lie­be. Bis es zu ei­ner Schlä­ge­rei kommt.

Zwei Gangs tref­fen auf­ein­an­der, mit zwei ag­gres­si­ven An­füh­rern: Thy­balt und Mer­cu­tio. Der ei­ne ge­hört zu den Ca­pu­lets, der an­de­re zu den Mon­ta­gues, zwei ver­fein­de­ten Fa­mi­li­en, de­ren Feh­de nichts und nie­man­den in ih­rem Um­feld un­be­rührt lässt. Nur drei Ta­ge braucht es, um sie für ei­ni­ge (und auf bei­den Sei­ten) töd­lich en­den zu las­sen.

Im Ablauf hält sich Hart an Sha­ke­speare, aber er ver­legt das Stück ins Heu­te, be­schränkt sich auf die Schlüs­sel­fi­gu­ren. Va­ter Ca­pu­let ist der Bar-Be­sit­zer, selbst­ge­fäl­lig und ein biss­chen schmie­rig, die Mut­ter trinkt und hat we­nig zu mel­den, Toch­ter Ju­lia ist ei­ne tol­le Sän­ge­rin, die Am­me ih­re müt­ter­li­che Ma­na­ge­rin. Ju­li­as Möch­te­gern-Ehe­mann Pa­ris sieht aus wie der Ju­gend­li­che aus gut­bür­ger­li­cher Fa­mi­lie, Pa­ter La­wrence wie ein Wan­der­pre­di­ger. Und die Mon­ta­gues – Ro­meo und sei­ne Freun­de, der iro­ni­sche, aber auch be­son­ne­ne Ben­vo­lio und der ag­gres­si­ve Mer­cu­tio – sind Un­der­dogs, Pun­ker. Zu­min­dest ein biss­chen. Ro­me­os El­tern gibt es auch, aber ha­ben kei­ne gro­ße Prä­senz.

Harts Ins­ze­nie­rung hält sich strikt an die­se zeit­ge­nös­si­sche Aus­rich­tung. Die Kar­te für die Par­ty in der Bar hängt an ei­nem Schlüs­sel­band, die Mas­ken pas­sen zu Hor­ror­fi­gu­ren oder An­ony­mous. Und dass Ben­vo­lio und Pa­ter La­wrence von Frau­en ge­spielt wer­den, ge­rät über das in­ten­si­ve Spiel der jun­gen Trup­pe, die auch tan­zen und sin­gen kann, in Ver­ges­sen­heit. Die Mu­sik bleibt ein sinn­vol­les und we­sent­li­ches Ele­ment die­ser Ins­ze­nie­rung, aber Hart setzt im Spiel­ver­lauf klu­ger­wei­se nicht mehr auf Chart­hits, son­dern geht spar­sam mit Me­lo­die­fol­gen, dem Ein­satz von Schlag­zeug und Gi­tar­ren um. Das zehn­köp­fi­ge En­sem­ble wird dann zum Chor, der die Tra­gö­die auf sei­ne Wei­se kom­men­tiert (und da­für den Hoo­die über­zieht).

Aber vor al­lem über­zeugt die Les­art des Spiels: Ro­meo und Ju­lia wir­ken wie zwei jun­ge Leu­te, die von ih­ren ei­ge­nen Ge­füh­len über­rannt wer­den. Ob sie oh­ne den Druck ih­rer Um­ge­bung wirk­lich ge­hei­ra­tet hät­ten? Die Fra­ge bleibt un­be­ant­wor­tet. Dass sie über­haupt (un­ter­schwel­lig) da ist, ist ei­ne lo­gi­sche Kon­se­quenz aus der Über­tra­gung des Stücks in ei­ne heu­ti­ge westliche Welt. In der kaum ein Va­ter sei­ne 14jäh­ri­ge Toch­ter zu ei­ner Hei­rat zwin­gen könn­te.

Ei­nen Abend spä­ter ist aus Ro­meo Se­bas­ti­an (Stuart Wil­de) ge­wor­den, aus Ju­liet Oli­via (Aru­han Ga­lie­va), aus Thy­balt Mal­vo­lio (Pe­ter Du­kes), aus Ben­vo­lio Ma­ria (Vic­to­ria Bl­unt), aus Mer­cu­tio Fes­te (Of­fue Okeg­be), aus Mut­ter Ca­pu­let An­to­nia ( Em­ma McDo­nald), aus der Am­me/Ma­na­ge­rin To­by Belch (Lau­ryn Red­ding), aus Va­ter Ca­pu­let Her­zog Or­si­no (Ja­mie Sat­ter­thwai­te), aus Pa­ter La­wrence Vio­la/Ce­sa­rio (Re­bec­ca Lee) und aus Pa­ris And­rew (Mi­ke Sla­der). Wie­der ste­hen sie in ei­ner Bar, The Ele­phant heißt sie, aber die­ses Mal be­stimmt jaz­zi­ger Klang den Sound und der Ge­schmack der 1920er Jah­re das Am­bi­en­te.

Auch die Ins­ze­nie­rung der Ko­mö­die „The Tw­elfth Night“(Was ihr wollt) be­ginnt Paul Hart mit Mu­sik. Mit „Sum­mer­ti­me“, „Geor­gia“, „Mad World“oder „Hit the Road Jack“und ei­nem – ei­nem Orches­ter wür­di­gen – In­stru­men­ta­ri­um zeigt das jun­ge En­sem­ble ein­mal mehr sei­ne gro­ße mu­si­ka­li­sche Kom­pe­tenz – und Hart sein gu­tes Händ­chen für des­sen Aus­wahl. Den flie­gen­den Rol­len­wech­seln zwi­schen den Mu­si­kern der Rah­men­hand­lung und den Rol­len der Ko­mö­die be­wäl­ti­gen al­le fast mü­he­los.

Hart ih­nen Sze­nen kon­stru­iert, die auch die Wech­sel wie zum Spiel zu­ge­hö­rig er­schei­nen las­sen – et­wa von Mu­sik und Stim­mung in der Bar zu der nach ei­nem Schiff­bruch an der Küs­te Il­ly­ri­ens ge­stran­de­ten Vio­la. Die Mu­sik macht’s: Ge­nau­er: Die zu­neh­men­den Miss­tö­ne sind es, die erst zu der er­staun­ten Vio­la füh­ren und sich dann wie­der zu ei­nem Song stei­gern, als sie er­kennt, dass es bes­ser ist, sich im frem­den Land als Mann ( na­mens Ce­sa­rio) in den Di­enst des Lan­des­fürs­ten zu be­ge­ben.

Der heißt Her­zog Or­si­no liebt das Le­ben in der Bar, die Mu­sik, vor al­lem aber Oli­via. Sie aber will von ihm nichts wis­sen, was sie ihm er­neut in ei­nem Brief mit­teilt. Und so lei­det Or­si­no gar fürch­ter­lich. Jam­mert und klagt mit gro­ßer Hin­ga­be, auf ei­ne thea­tra­li­sche Art, dass es ein Ver­gnü­gen ist, ihm da­bei zu­zu­se­hen. In Ce­sa­rio sieht er ei­nen neu­en Lie­bes­bo­ten, der für ihn um Oli­via wirbt. Die al­ler­dings ver­liebt sich in den ver­meint­li­chen Mann, wäh­rend Ce­sa­rio/Vio­la Or­si­no liebt, der wie­der­um nicht er­kennt, wer da vor ihm steht. Oder doch? Zu­min­dest ist er ir­ri­tiert, weil sei­ne Hand plötz­lich so zärt­lich über das Ge­sicht von Ce­sa­rio streicht.

Aber fei­ne Zwi­schen­tö­ne im Spiel sind Harts Sa­che nicht, und so kommt auch das Hap­py End der Paa­re et­was hol­ter­di­pol­ter da­her. Or­si­no nimmt Vio­la, de­ren wie­der­auf­ge­tauch­ter Zwil­lings­bru­der Se­bas­ti­an ist ein Nutz­nie­ßer der Ver­wick­lun­gen und be­kommt Oli­via.

Aber Paul Hart weiß um die Wir­kung von Ko­mik und de­ren In-Sze­ne-set­zen. Glän­zend ge­lingt das mit dem stock­stei­fen Die­ner Mal­vo­lio, der in gel­ben Strümp­fen und Hüft­mie­der, mit Pe­rü­cke und Schmin­ke im Ge­sicht, vor al­lem in den Be­we­gun­gen ein Wie­der­gän­ger von Frank N. Fur­ter aus der „Ro­cky Hor­ror Picture Show“ist. Eben­bür­tig ist ihm al­le­mal To­by Belch – als ein Sch­la­wi­ner wie Fal­staff. To­ben­der Bei­fall für bei­de Auf­füh­run­gen.

FO­TO: CHRIS­TOPH KREY

Die Par­ty in der Bar der Ca­pu­lets ist im vol­len Gan­ge. Noch ahnt kei­ner, dass Ju­liet (r.) bei die­ser Ge­le­gen­heit ih­ren Ro­meo ken­nen­lernt.

FO­TO: CHRIS­TOPH KREY

Or­si­no ge­nießt ei­nen Mo­ment des Glücks in­mit­ten sei­ner Mu­si­ker. Noch, denn den Brief sei­ner heiß­ge­lieb­ten Oli­via hat er noch nicht zu En­de ge­le­sen.

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