Ge­walt ist auch Sprach­lo­sig­keit

Neuss-Grevenbroicher Zeitung (Neuss) - - G20-GIPFEL -

Es gibt ein Wort, das es uns leicht macht, sich mit den Ge­walt­ex­zes­sen auf Ham­burgs Stra­ßen nicht wirk­lich aus­ein­an­der­set­zen müs­sen: in­dem wir die Tä­ter pau­schal Chao­ten nen­nen. Weil Chao­ten eben Chao­ten sind, al­so un­er­gründ­lich, ir­ra­tio­nal und al­lein dar­auf be­dacht, al­le Ord­nung auf­zu­lö­sen. Bei den Grie­chen war Cha­os die fins­te­re Kehr­sei­te vom Kos­mos. Dar­um scheint das Cha­os nicht nur ro­bus­te Ge­gen­re­ak­tio­nen zu recht­fer­ti­gen, son­dern auch un­se­re Wei­ge­rung, über die Tä­ter nach­zu­den­ken und in ih­ren Ak­tio­nen ein mög­li­ches Sym­ptom un­se­rer Zeit zu se­hen. Das wä­re an­stren­gen­der als ei­ne schnel­le Ver­ur­tei­lung. Wer die Wut zu ver­ste­hen sucht, ent­schul­digt kei­ne Ge­walt. Sie ist nie ge­recht­fer­tigt. Und ih­re Es­ka­la­tio­nen be­gin­nen nicht erst mit dem drit­ten bren­nen­den Ein­satz­wa­gen. Weil je­der Ge­walt­tat ei­ne Es­ka­la­ti­on im Kopf vor­aus­geht: Es ist die Es­ka­la­ti­on des Ver­stan­des.

Ge­walt­tä­ter sind nur dem Au­gen­schein nach die Star­ken. Ge­walt ist oft ein In­diz für Sprach­lo­sig­keit, ein Zei­chen auch von Hilf­lo­sig­keit. In ei­ner of­fe­nen Ge­sell­schaft, in der Mei­nungs­frei­heit als ho­hes Gut ge­han­delt wird, er­scheint der Ge­walt­tä­ti­ge der Schwa­che zu sein, der ge­sell­schaft­lich Ab­ge­häng­te, Per­spek-

Mas­si­ve Ge­walt hat im­mer ei­ne Vor­ge­schich­te. In ihr kommt oft die Ver­ach­tung für ein Ge­mein­we­sen zum Aus­druck, an dem nicht al­le in glei­cher Wei­se teil­ha­ben kön­nen.

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