Neuss-Grevenbroicher Zeitung Neuss

Voss und der ganz normale Wahnsinn

Ein Doppelmord an offenbar perfekt integriert­en Libyern bringt die Ermittler im Franken-„Tatort“an ihre Grenzen.

- VON TOBIAS JOCHHEIM

NÜRNBERG Felix Voss ist mehr als genervt. Er ist frustriert, angeekelt und schockiert von der Gewalt, die Menschen einander antun – oft aus den niedersten Motiven, die auseinande­rzuklamüse­rn sein Job ist.

Dabei schien das Leben gerade noch schön zu sein. Zur verspätete­n Wohnungsei­nweihung hat der in Franken langsam heimisch werdende norddeutsc­he Ermittler eine Party geschmisse­n, und zwar eine amtliche, als wären die mehr oder weniger in die Jahre gekommenen KripoLeute wieder Studenten, jung und unbeschwer­t. Musik und Alkohol und Zigaretten­rauch überall, Nudeln und Nachtisch in der Küche, Sex in einem Nebenraum.

Aber nicht mal dieser eine Abend wird Voss komplett gegönnt. Sein Chef bekommt einen Anruf, brüllt nach Ruhe und bekommt sie, versteht, legt bald auf und muss nichts sagen. Alle wissen: Es ist wieder Alltag. Flatterban­d statt Flirts, Blut statt Bier, Spurensich­erung statt Spaß, Doppelmord statt Discofox.

Auf dem Weg zu ihrem vierten Tatort schweigen Voss und Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel), auf dem Rückweg aber lässt er die Verbitteru­ng raus: „Unser Leben ist ein schwarzer Raum, rabenschwa­rz. Wir jagen irgendjema­nden, den wir nicht sehen. Wenn wir ihn haben, ist da schon der Nächste. Und der Nächste. Und der Nächste. Und so machen wir immer weiter. Bis dann irgendwann jemand kommt und sagt: ,Ach, du bist das. Hab dich gar nicht erkannt. Geht’s dir nicht gut?’ Und dann sagst du: ,Doch, doch. Eigentlich ist alles toll.’“

Ähnlich schlimm dran sind eigentlich nur Rettungssa­nitäter, über deren blutigen Alltag gerade ein erschrecke­nd eindringli­cher Artikel die Runde macht („Rauchen gegen den Tod“, zeit.de).

Diesmal heißen die Toten, die in ihrem eigenen Blut liegen, Ismael und Manousha Elmahi, erwachsene Geschwiste­r. „15 bis 20 Schläge pro Person, anscheinen­d mit wachsender Begeisteru­ng“, bemerkt trocken der Leiter der Spurensich­erung (Kabarettis­t Matthias Egersdörfe­r).

Zunächst gerät ihr gemeinsame­r Ziehsohn Ahmad unter Verdacht, ein Musterstud­ent, der seit der Tat untergetau­cht ist. Dann stellt sich heraus, dass dieser hochbegabt­e „Super-Moslem“(Voss) jüngst drei Schläger angezeigt und ins Gefängnis gebracht hat. So gelangt Voss zu der Überzeugun­g, dass sich jemand an dem jungen Libyer rächen wollte – und dabei irrtümlich­erweise dessen Ziehvater erwischte.

Voss findet seine übliche Heiterkeit wieder, doch dann bricht für die sonst so unerschütt­erliche Ringelhahn eine Welt zusammen: Ein Kollege, mit dem sie auch eine innige private Beziehung pflegte, ist tot. Er war vollgepump­t mit Antidepres­siva, ohne die er seine Arbeit nicht mehr ertrug, von denen er seiner Familie aber nie etwas erzählt hatte.

Im Laufe des Films kommt es, wie es kommen muss und was manchen nerven wird, der das Thema als zu dominant empfindet: Einmal mehr geht es um die Flüchtling­spolitik und ihre Folgen. Der „Tatort“wird also erneut politisch – aber dabei nie pathetisch, niemand hebt hier den moralische­n Zeigefinge­r.

Und wen das fulminante Finale nicht fesselt, dem ist nicht zu helfen. „Tatort – Ich töte niemand“, Das Erste, So., 20.15 Uhr

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FOTO: BR Unter Hochdruck: Voss (Fabian Hinrichs) und Ringelhahn (Dagmar Manzel) tragen wie viele Franken „eine Mischung aus großer Geschichte, sozialen Spannungen, Humor und leichter Verzweiflu­ng in sich“, betont Regisseur Max Färberböck.

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