HEIß AUF HEL­FEN

Mit­ar­bei­ter der Bahn­hofs­mis­si­on über­wäl­tigt – Samm­lung am Sams­tag an zwei Stand­or­ten

Nordwest-Zeitung - - OLDENBURG - VON MARC GESCHONKE

Ein spon­ta­ner Auf­ruf via Face­book sorgt für ei­ne un­ge­ahn­te Re­so­nanz. Kaf­fee gilt als Tür­öff­ner.

OL­DEN­BURG – Für 90 hei­ße Tas­sen muss ei­ne al­te Kaf­fee­ma­schi­ne lan­ge brü­hen. Nicht nur des­halb lau­fen die Ma­schi­nen in der Bahn­hofs­mis­si­on im Dau­er­be­trieb. Nun „droht“al­ler­dings ein ge­wal­ti­ger Kof­f­e­in-Schock. Doch der Rei­he nach. „Mit Be­ginn der kal­ten Jah­res­zeit schwin­den un­se­re Kaf­fee­vor­rä­te“, hat­te Kai Nie­mann vom Team der Bahn­hofs­mis­si­on am 4. Ok­to­ber im So­zia­len Netz­werk Face­book ge­schrie­ben, und: „Ein Be­cher Kaf­fee ist bei uns mehr, als man nun ver­mu­ten mag. Er ist um­sonst und je­der be­kommt ihn. Kaf­fee wärmt auf, es lässt sich leich­ter über Pro­ble­me re­den. Kaf­fee ist ein Tür­öff­ner.“

Dies rühr­te das bis da­to eher klei­ne Ge­fol­ge. Und zwar so sehr, dass der Auf­ruf wei­ter ge­teilt wur­de. Sat­te 700 Mal. Die Fol­ge: Lei­te­rin Do­ris Vo­gel-Gr­un­wald und ihr Team er­hal­ten seit dem spon­tan auf­ge­setz­ten Spen­den­auf­ruf plötz­lich nicht mehr nur pfund-, son­dern gleich pa­let­ten­wei­se Kaf­fee, Zu­cker und Milch. Die CDU war schon da, der Round Ta­ble eben­so, auch der VfB und die Um­bau­bar ha­ben reich­lich Nach­schub an­ge­kün­digt. „Und plötz­lich ste­hen dann noch klei­ne Fa­mi­li­en vor der Tür und brin­gen uns Pul­ver vor­bei“, sagt Vo­gel-Gr­un­wald, „ein­fach so.“

Die drei Haupt- und 18 Eh­ren­amt­li­chen (al­le zwi­schen 20 und 75 Jah­ren) sind über­wäl­tigt von solch ei­ner Re­so­nanz. Nicht nur, dass sie und ih­re „Kund­schaft“von der Ge­sell­schaft ge­se­hen wür­den, son­dern auch die Tat­sa­che, dass „wir of­fen­bar ein Stan­ding in der Stadt ha­ben“, rüh­re sie al­le an.

Micha­el Horst be­treibt mit Freun­den die Grup­pe „Face­book Ol­den­burg“, in der im­mer­hin 13000 Men­schen mehr oder min­der ak­tiv sind. Seit über ei­nem Jahr stel­len sie hier im­mer wie­der be­ein­dru­cken­de Spen­den­ak­tio­nen auf die Bei­ne. Am Sams­tag dürf­te die­se Se­rie wohl ei­nen neu­en Hö­he­punkt er­hal­ten: Ge­mein­sam mit Freun­din und Initia­to­rin Va­nes­sa Ha­se nimmt er an ver­schie­de­nen Or­ten der Stadt Spen­den ent­ge­gen, um die­se dann an die Bahn­hofs­mis­si­on wei­ter­zu­lei­ten – „aber nicht nur Kaf­fee, Zu­cker und Milch, son­dern auch Woll­de­cken und Hand­schu­he für die Ob­dach­lo­sen, die in der Bahn­hofs­mis­si­on zu Gast sind.“„Das ist ein­fach Wahn­sinn“, sagt da Vo­gel-Gr­un­wald über­glück­lich. Ob­wohl sie selbst ja gar kei­nen Kaf­fee mag und ent­spre­chend nur nach Hö­ren-Sa­gen und auf gut Glück an­rührt ... aber hier geht es ja auch nicht di­rekt um sie, son­dern um all die Men­schen, die sie hier am Auf­gang zu Gleis 1 be­treu­en.

Rund 90 Tas­sen wer­den täg­lich aus­ge­ge­ben. An Men­schen oh­ne Hei­mat, Men­schen oh­ne Woh­nung, Men­schen mit schwa­chen Le­bens­geis­tern und Men­schen oh­ne Men­schen. Sie al­le wer­den am Tisch be­dient. Wie Men­schen. Da­bei trin­ken vie­le nicht ein­mal Kaf­fee, son­dern wol­len nur mal sit­zen. Zu­hö­ren. Re­den. Sich auf­wär­men von der Welt au­ßer­halb des Bahn­hofs. „Und wir sind dann da“, sagt die Lei­te­rin, „weil wir ge­braucht wer­den.“

Das Mo­bi­li­ar ist ver­al­tet und schon ziem­lich an­ge­grif­fen, aus dem Mi­ni-Bud­get wer­den Fort­bil­dun­gen der eh­ren­amt­li­chen Mit­ar­bei­ter fi­nan­ziert. Geld fehlt hier zwar an vie­len Ecken und En­den, doch ge­ra­de am Kaf­fee soll­te es nicht man­geln. Dass jetzt schon die Re­ga­le wie­der gut ge­füllt sind, ist dem Team der Bahn­hofs­mis­si­on ein gro­ßes Glück. Was da aber noch in den nächs­ten Ta­gen kom­men mag? Das weiß hier nie­mand.

Was sie aber wis­sen, ist, wie nö­tig et­was Auf­merk­sam­keit, Ablen­kung und Hil­fe ist. Ge­ra­de Souad Re­zek. Die Sy­re­rin hat bis zum Früh­jahr noch in ei­ner Ol­den­bur­ger Flücht­lings­un­ter­kunft ge­lebt. Ge­ges­sen, ge­schla­fen, auf Wän­de ge­starrt. Nun en­ga­giert sie sich für an­de­re Hilfs­be­dürf­ti­ge. Aus Über­zeu­gung. Al­le für al­le al­so, je­der für je­den und mit dem, was er kann und hat. So funk­tio­niert nicht nur Face­book, son­dern ganz Ol­den­burg.

„Das ist ein­fach Wahn­sinn.“DO­RIS VOGELGRUNWALD

BILD: MARC GESCHONKE

Kaf­fee für mü­de Le­bens­geis­ter und den so­zia­len Aus­tausch: Die Sy­re­rin Souad Re­zek hilft wie vie­le an­de­re Eh­ren­amt­li­che tag­täg­lich in der Bahn­hofs­mis­si­on aus.

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