Was tun, wenn El­tern nur noch strei­ten?

Kind­li­cher Schmerz prägt Hand­lungs­ver­mö­gen – Be­ra­tung ver­än­dert Blick­win­kel

Nordwest-Zeitung - - SPORT -

„Ei­gent­lich ha­be ich ei­ne gu­te Kind­heit … oder soll ich lie­ber sa­gen, ich be­kom­me re­gel­mä­ßi­ge Mahl­zei­ten, zwi­schen­durch auch Sü­ßes so viel ich will, ha­be ein ei­ge­nes Zim­mer und ei­nen Spiel­platz im Gar­ten, darf nach der Schu­le mei­ne Frei­zeit al­lei­ne ge­stal­ten, be­kom­me zum Ge­burts­tag und Weih­nach­ten al­le Ge­schen­ke mei­ner Wun­sch­lis­te, so­gar mein Wunsch-Haus­tier, ler­ne fast je­des Jahr in den Som­mer­fe­ri­en ei­nen Teil der Welt ken­nen und brau­che auch sonst nur zu sa­gen, was ich an Kla­mot­ten oder an­de­ren Din­gen ger­ne hät­te. So­fort wird dar­auf­hin für mich ein­ge­kauft oder er­le­digt. Auch mein Ta­schen­geld ist groß­zü­gig und ich muss sel­ten spa­ren. Es wird ge­macht und ge­tan, ich sol­le mich schließ­lich nicht be­kla­gen…! Doch trotz al­lem geht es mir nicht wirk­lich gut, denn mei­ne El­tern strei­ten im­mer. Sie schrei­en sich mit schlim­men Wor­ten an, knal­len die Tü­ren oder Sa­chen durch die Ge­gend oder schla­gen sich so­gar. Das tut mir so weh. Ich ha­be Angst um Ma­ma, ich ha­be Angst um Pa­pa. Wie kann ich Ma­ma hel­fen? Wie kann ich Pa­pa hel­fen? Was soll ich bloß tun da­mit sie sich ver­tra­gen? Was ha­be ich falsch ge­macht? Ich bin so trau­rig, aber das sa­ge ich lie­ber nicht, sonst geht es Ma­ma und Pa­pa viel­leicht noch schlech­ter. Sie ha­ben doch schon ge­nug Sor­gen und Kum­mer, wohl auch we­gen mir, je­den­falls hö­re ich oft mei­nen Na­men wenn sie strei­ten. Ich schaff das schon ir­gend­wie al­lei­ne. Ich mach mich ein­fach un­sicht­bar, dann fal­le ich Ma­ma und Pa­pa nicht auch noch zur Last. Und ich er­zäh­le es nie­man­dem, sonst kom­me ich viel­leicht ins Heim. Ich muss stark sein, so tun als wenn nichts ist. Ma­ma und Pa­pa ma­chen ja auch ein­fach wei­ter, so als wenn nichts war. Manch­mal ma­che ich die Mu­sik in mei­nem Zim­mer AU­TO­RIN DES BEITRAGS

Kers­tin Kle­ber

Heil­prak­ti­ke­rin für Psy­cho­the­ra­pie www.pra­xis-kerstinkle­ber.de ganz laut an, dann hö­re ich die bö­sen Be­schimp­fun­gen der bei­den nicht mehr. Ich ver­su­che mich ab­zu­len­ken, mich zu be­schäf­ti­gen – aber – meis­tens sit­ze ich nur da und wei­ne. Ganz lei­se. Nie­mand soll es hören, kei­ner soll es wis­sen. Ich schä­me mich. Ich ha­be Angst. Be­stimmt bin ich Schuld an al­lem. Viel­leicht hört es ja ir­gend­wann auf … ich wün­sche es mir so sehr. Mehr als al­les an­de­re.“

Er­leb­nis­se, die zu see­li­schen Ver­let­zun­gen des Kin­des füh­ren kön­nen. Er­in­ne­run­gen und Bil­der, die zeit­le­bens be­glei­ten kön­nen.

Kin­der ge­hen in Tran­ce wenn El­tern strei­ten

El­tern lie­ben ihr Kind, Kin­der lie­ben ih­re El­tern. Und doch sind sol­che oder ähn­lich be­las­ten­de, über Jah­re statt­fin­den­de Sze­na­ri­en, kei­ne Sel­ten­heit. Oh­ne es zu wis­sen, oh­ne Ab­sicht der El­tern noch der Kin­der pas­sie­ren Si­tua­tio­nen, die nach­hal­ti­ge Fol­gen ha­ben kön­nen. Ge­treu dem Wort­laut: „die Zel­le ver­gisst nichts“, wel­ches doch eher auf kör­per­li­cher Ebe­ne ein­zu­sor­tie­ren ist, gilt es eben­so für die Psy­che. So man­ches Er­leb­tes wird „in den Kel­ler“ver­bannt, aus psy­cho­lo­gi­scher Sicht im Un­be­wuss­ten ab­ge­spei­chert.

Zu dritt und doch al­lei­ne

Je­des Kind lebt aus und mit sei­ner so­zia­len In­ter­ak­ti­on, in sei­nem in­di­vi­du­el­lem Emp­fin­den und Ver­ar­bei­ten sei­ner Er­leb­nis­se. So kommt es vor, dass in­ner­halb ei­ner Fa­mi­lie mit meh­re­ren Kin­dern und so­mit glei­chen Le­bens­um­stän­den un­ter­schied­li­che The­ma­ti­ken wäh­rend des Her­an­wach­sens ent­ste­hen. Man­geln­des Selbst­wert­ge­fühl, la­ten­te Ag­gres­sio­nen, Un­si­cher­heit, Angst­zu­stän­de oder an­de­re psy­chi­sche Stö­run­gen kön­nen nach­hal­tig fol­gen. Fehlt von Sei­ten des El­tern­hau­ses Si­cher­heit ist Ver­trau­en in Fra­ge ge­stellt. Für den Mo­ment des Er­le­bens, wenn es Ma­ma oder Pa­pa schlecht geht, fühlt je­des Kind durch Lie­be und Ver­bun­den­heit mit ih­nen. Ob es sich im Ein­zel­fall um ein ein­ma­li­ges Ge­sche­hen oder um ei­ne dau­er­haf­te fa­mi­liä­re Kri­sen­si­tua­ti­on han­delt, ist eben­falls ur­säch­lich re­le­vant. Ist das Kind mit sei­nem see­li­schen Schmerz auf sich al­lei­ne ge­stellt, be­nutzt es je nach sei­ner per­sön­li­chen Wi­der­stands­fä­hig­keit un­be­wusst ei­ge­ne in­ne­re Mecha­nis­men, die ein Be­wäl­ti­gen sei­nes Schmer­zes mög­lich ma­chen. Die­se wer­den als Mit­tel zum Zweck zu Weg­wei­sern sei­nes Le­bens.

Die Band­brei­te der fol­gen­den Sym­pto­ma­tik ist groß und bringt Fra­gen wie: „War­um ge­ra­te ich im­mer wie­der in die­se oder je­ne Le­bens­um­stän­de?“oder „Was ist mit mir los, ei­gent­lich muss es mir doch gut ge­hen?“mit sich. Jah­re der ein­ge­schränk­ten Le­bens­freu­de, Zei­ten der Su­che und des Zwei­felns, va­ge lässt sich er­ah­nen, dass es bei Strei­te­rei­en und Ener­gie­räu­be­rei we­der ei­nen Sie­ger noch Verlierer gibt. In Wahr­heit gibt es im­mer nur drei Sie­ger oder drei Verlierer: Ma­ma, Pa­pa und! Kind.

Den­ken Sie doch bit­te jetzt ein­mal an das Läu­ten ei­ner Kir­chen­glo­cke – kön­nen Sie sie hören? Wel­che Emo­tio­nen neh­men Sie bei sich wahr? Geht es Ih­rem Sitz­nach­barn eben­so? Si­cher­lich stel­len Sie Un­ter­schied­lich­kei­ten fest und dar­über hin­aus, dass es kein rich­tig oder falsch, son­dern nur die­ses „an­ders“gibt. Ei­nes aber ha­ben al­le: Er­in­ne­run­gen. Je­de Mut­ter, je­der Va­ter, je­de Toch­ter, je­der Sohn – je­der hat (s)ei­ne aus der sie/er heu­te denkt, fühlt und han­delt. Und wer sie mit je­man­dem teilt ist nicht mehr al­lei­ne. Sei es das El­tern­paar, das sich ih­rem mit­füh­len­den Kind lie­be­voll zu­wen­det und es da­durch (be)schützt oder sei­en es die El­tern­tei­le, die sich in ziel­füh­ren­de be­ra­ten­de Ge­sprä­che be­ge­ben. Zwar kön­nen wir nichts aus un­se­rem Le­ben lö­schen, je­doch im of­fe­nen Um­gang mit dem Er­leb­ten den Blick­win­kel dar­auf ver­än­dern. Ak­zep­tie­ren wir die Wahr­heit und er­ken­nen an was ist, kön­nen neue Mög­lich­kei­ten ent­ste­hen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.