Nordwest-Zeitung

Gefährlich­er Trend an Schulen

0mmer wieder Pfefferspr­ay-Attacken – Lehrerverb­and für Verbot

- VON ANNE-SOPHIE GALLI

Immer wieder versprühen Jugendlich­e Reizgas in der Schule. Was ein Spaß sein soll, endet oft in ärztlicher Behandlung.

HANNOVER/FRIESOYTHE – Nun Pum Spaß ein Klassenzim­mer mit Pfefferspr­ay einnebeln – und dann mal sehen, was passiert. Immer häufiger hört der Präsident des Deutschen Lehrerverb­andes, Heinz-Peter Meidinger, von Zwischenfä­llen mit Reizgas in Schulen: „Die Schüler denken, dass das ein Jux ist, und wissen nicht, wie gefährlich Pfefferspr­ay wirklich ist.“

Noch vor fünf Jahren seien kaum Schüler auf diese Idee gekommen. Dieses Jahr hat Meidinger von mehr als 30 Fällen gehört, oft mit Verletzten. „Von Grundschul­en bis Gymnasien sind alle Stufen betroffen.“Der Verbandsch­ef rechnet mit einer hohen Dunkelziff­er, da manche Schüler das Reizgas nicht vor den Augen von Lehrern versprühen. Teils besprühten sich Schüler auch gegenseiti­g bei Raufereien – das sei zwar seltener, die Zahl solcher Fälle nehme aber auch zu. Der Lehrerverb­andsPräsid­ent fordert nun alle Schulen auf, Pfefferspr­ays auf ihren Arealen zu verbieten.

Atmen Menschen das Gas mit Chili-, Paprika- oder Cayenne-Pfeffer-Extrakten ein, ringen sie oft um Atem und

können im Extremfall sogar ersticken. Gelangt es in die Augen, kann es zu zeitweisem Erblinden kommen. Auf der Haut juckt das Gemisch stark.

Zu Hause fänden Jugendlich­e wohl immer häufiger Pfefferspr­ay, sagt Meidinger. Nach den Vergewalti­gungen und Übergriffe­n in der Silvestern­acht von Köln vor zwei Jahren hatten mehr Leute Reizgas zur Verteidigu­ng gekauft.

Weil die Spraydosen im Drogeriema­rkt oder OnlineHand­el als Tierabwehr­spray deklariert werden, gelten sie vor dem Gesetz nicht als Waffe. So kann sie jeder für rund fünf Euro kaufen.

Gegen Menschen darf das Gas nur bei Notwehr verwendet werden, und falls der Angriff nicht massiv genug ist, kann der Besprayte eine Strafanzei­ge wegen Körperverl­et- zung stellen. Der Sprayer kann dann mit einer Geldstrafe oder einer Gefängniss­trafe von mehreren Monaten bis zu zehn Jahren bestraft werden.

Die Polizei rät vom Gebrauch ab – auch in Notsituati­onen, wie ein Sprecher der Polizeigew­erkschaft sagt: „Beim Einsatz ist die Gefahr groß, sich mit dem Sprühnebel selbst zu treffen.“So prügelten sich in diesem Sommer zwei Männer in Lüneburg – einer setzte sich mit Pfefferspr­ay selbst außer Gefecht, weil der Wind ihm die scharfe Gaswolke direkt ins Gesicht blies.

Mit Pfefferspr­ay verletzen sich gelegentli­ch auch Leute, die gar nicht sprayen möchten. In einem Osnabrücke­r Kino etwa versuchte ein Mann kürzlich seine Bierflasch­e mit einer Pfefferspr­aydose zu öffnen. Dadurch beschädigt­e er die Spray-Kartusche – Gas trat aus, und alle Gäste flüchteten aus dem Saal. Ein Sechstkläs­sler löste Anfang Dezember an einer Realschule in Friesoythe einen Großalarm aus, als er im Fachraum für Chemie und Physik das Reizgas versprühte. 16 Mitschüler wurden dabei verletzt.

Ein Sprecher der Polizeigew­erkschaft sagt: „Pfefferspr­ays geben nur ein falsches Gefühl der Sicherheit.“Opfer sollten lieber laut auf sich aufmerksam machen und Passanten bitten, zu helfen. Auch rate die Polizei Opfern von Reizgas-Attacken, Anzeige zu erstatten.

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DPA-BILD: WAGNER Kein kleiner Schülerstr­eich: Immer wieder lösen Reizgas-Attacke an Schulen Großeinsät­ze aus.

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