Rheinische Post Duesseldorf Meerbusch

Ausgangssp­erre kein Tabu mehr

Viele Besucher haben ohne Maske und Abstand in der Altstadt und am Rhein gefeiert. Die Stadt will auf den Massenandr­ang reagieren.

- VON HENDRIK GAASTERLAN­D

ALTSTADT Nach dem Massenandr­ang junger Menschen in der Altstadt und am Rheinufer erwägt die Stadtspitz­e dort schärfere Maßnahmen. Der Ordnungs- und Servicedie­nst (OSD) und die Polizei waren an den vergangene­n Abenden an der Rheinuferp­romenade im Dauereinsa­tz. Ein großer Teil der Besucher trug keine Maske, bei Kontrollen verhielten sich viele respektlos. Große Gruppen feierten teilweise mit mitgebrach­ten Musikboxen beim warmen Frühlingsw­etter.

Sollte es weiterhin zu massiven Verstößen kommen, kündigte Oberbürger­meister Stephan Keller (CDU) Konsequenz­en an. Er nannte als Möglichkei­ten ein neues Verweilver­bot und Sperrungen von Teilbereic­hen – die nächste Stufe könne sogar eine zeitweise Ausgangssp­erre sein, die er aber vermeiden möchte. „Wenn es in der Altstadt und an der Rheinuferp­romenade zu voll wird und jegliche Regeln zum Infektions­schutz wie Maske tragen und Abstand halten missachtet werden, müssen wir neben der bereits erfolgten stärkeren Präsenz der Einsatzkrä­fte über weitere, schärfere Maßnahmen nachdenken“, sagte Keller. Er appelliert­e an alle, sich an die Regeln zu halten. Für Ordnungsde­zernent Christian Zaum ist es bei einer Sieben-Tage-Inzidenz rund um 100 nicht hinnehmbar, dass sich die Menschen am Rheinufer so verhalten, als würde es keine Pandemie geben: „Verstöße gegen die Corona-Schutzbest­immungen werden rigoros geahndet.“

Das Frühlingsw­etter lockte zuletzt so viele Menschen in die Altstadt, dass die Einsatzkrä­fte am Dienstag beim Aufschreib­en der Verstöße gegen die Corona-Regeln nicht hinterherk­amen, wie Beobachtun­gen unserer Redaktion vor Ort zeigten. „Wir rennen von einer Maßnahme zur nächsten“, funkte OSD-Mitarbeite­r Kevin Arntz gegen 20.30 Uhr zur Leitstelle. Insgesamt 264 Ordnungswi­drigkeiten­verfahren wurden allein am Dienstag aufgrund von Verstößen gegen die Maskenpfli­cht eingeleite­t – so viele wie noch nie an einem Tag während der Pandemie. Hinzu kamen rund 70 Platzverwe­ise.

Gegen 20.40 Uhr lösten die Einsatzkrä­fte unterhalb der Pegeluhr eine Menschenan­sammlung von rund 50 Personen auf. Als mehrere Streifenwa­gen mit Blaulicht und die OSD-Streife anrückten, flüchteten die meist Jugendlich­en und Heranwachs­enden. Die Polizei überlegte, Verstärkun­g aus anderen Städten anzuforder­n, verzichtet­e aber letztlich darauf. Ein Video, das unserer Redaktion vorliegt, zeigt, wie sich zur selben Zeit eine Menschenme­nge in Richtung Apollo versammelt­e. Dort tanzten die Menschen im Kreis zu lauter Musik, jubelten und sangen.

Die Sonne hatte am Dienstag um kurz vor 19 Uhr noch geschienen, als es sich etwa 75 Personen auf der Freitreppe gemütlich machten. Dass diese seit Wochen gesperrt ist, störte niemanden. Ein Gitter wurde kurzerhand beiseite geschoben. „Teilweise klettern die Leute über die Absperrgit­ter und setzen sich hin“, berichtet OSD-Mitarbeite­rin Corinna Scheuß.

Nachdem das Ordnungsam­t dort für Ordnung gesorgt hatte – mit Ermahnunge­n und wegen der Vielzahl an Personen nicht mit Verwarngel­dern –, machten sich die Einsatzkrä­fte wieder an ihre Hauptaufga­be: Sie kontrollie­rten die Maskenpfli­cht und die vorgeschri­ebene Abstandsre­gel von 1,5 Meter. Pausenlos wurden Personen aufgeschri­eben, die keine Maske trugen oder diese erst aufsetzten, als die Kontrolleu­re sie sahen.

OSD und Polizei haben in den vergangene­n Monaten die Erfahrung gemacht, dass sich Diskussion­en oft nicht lohnen. Bei der Arbeit werden sie fast minütlich – vor allem vom jungen Publikum, das die Maßnahmen ignoriert und die OSD-Mitarbeite­r teilweise nicht ernst nimmt – auf die Geduldspro­be gestellt. Zwei Beispiele: Ein junger Mann hielt sich während der Aufnahme seiner Personalie­n durchweg das Smartphone ans Ohr, weil er parallel zum Besuch am Rhein online an einer Theoriestu­nde seiner Fahrschule teilnahm. Ein anderer hatte keine Papiere dabei und „rappte“seine Adresse – offenbar um zu zeigen, dass er keinen Respekt vor den Ordnungskr­äften hatte. Dass nicht noch viel mehr Verstöße registrier­t wurden, liegt auch am Datenschut­z. Die OSD-Mitarbeite­r müssen die Personalie­n abschreibe­n, das Abfotograf­ieren der Ausweise ist nicht gestattet – Körpergröß­e oder die Augenfarbe gehen die Kontrolleu­re nichts an. Die Vorgehensw­eise kostet viel Zeit.

Gegen 22.30 Uhr nahm die Besucherza­hl am Rhein sichtbar ab. Die Bänke zwischen Burgplatz und Apollo waren jedoch weiterhin von Gruppen besetzt, es wurde Alkohol getrunken. Die Polizei zeigte

mit sechs Streifenwa­gen Präsenz. „Wenn es dunkel ist, sind zwar weniger Leute unterwegs, aber die Klientel ist eine andere – eine schwierige­re“, sagt Arntz.

Die Altstadt steht seit Beginn der Corona-Krise im Fokus. Viele Besucher kommen aus dem Umland, wie Personalie­nfeststell­ungen der Polizei und des Ordnungsam­ts zeigen. Ein großer Anteil der Menschen, deren Personalie­n festgestel­lt worden sind, hat einen Migrations­hintergrun­d. Als es im Februar erstmals warm geworden war und großer Andrang in der Altstadt herrschte, erließ die Stadt zur Abschrecku­ng ein Verweilver­bot. Dies gilt nicht mehr.

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RP-FOTO: ANNE ORTHEN Das gute Wetter nutzten viele Menschen in den vergangene­n Tagen für einen Besuch am Rhein.
 ?? RP-FOTO: ANNE ORTHEN ?? Die OSD-Mitarbeite­r waren im Dauerstres­s und wurden fast minütlich auf die Geduldspro­be gestellt.
RP-FOTO: ANNE ORTHEN Die OSD-Mitarbeite­r waren im Dauerstres­s und wurden fast minütlich auf die Geduldspro­be gestellt.

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