Rheinische Post Erkelenz

„ Jetzt kann ich das Ding für uns entscheide­n“

- KARSTEN KELLERMANN FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Uwe Kamps und Christofer Heimeroth waren gegen Leverkusen schon mal Pokalhelde­n. Ein Gespräch über den Vorteil des Tormanns beim Elfmeter.

Herr Heimeroth, Hand aufs Herz: Als das Pokal-Los Leverkusen kam, haben Sie da gleich an den 27. Oktober 2010 gedacht? Damals spielte Borussia im Pokal gegen Bayer und Sie wurden im Elfmetersc­hießen zum Helden. HEIMEROTH Ehrlich gesagt war das nicht mein erster Gedanke. Ich habe gedacht: Heimspiel, gutes Los – und, dass wir nicht die besten Erinnerung­en an das letzte Heimspiel gegen Leverkusen haben und nun die Gelegenhei­t bekommen, ein bisschen was gerade zu biegen. Bayer ist ein attraktive­s Los. Na klar, im zweiten, dritten Gedankenga­ng kommt dann die Erinnerung an den Abend vor sieben Jahren. Es war ein tolles Spiel, daran erinnert man sich gern zurück. Wie war es bei Ihnen, Herr Kamps? Haben Sie an den 7. April 1992 gedacht? Es stand 2:2 nach 120 Minuten – und dann haben Sie alle vier Leverkusen­er Elfmeter gehalten. KAMPS Natürlich habe ich gleich daran gedacht. Es war ein sehr schöner Tag, es hat Spaß gemacht. Das Spiel an sich war ja auch schon spannend. Wir haben gegen zehn Leverkusen­er in der 120. Minute das 2:2 kassiert. Da hatte ich das Gefühl, dass es eng werden könnte im Elfmetersc­hießen, wegen der Dramaturgi­e, bei der wir mental nicht im Vorteil waren. Der Kopf spielt nun mal eine Rolle. Wie oft haben Sie schon über Ihre beiden Elfmeter-Taten gefachsimp­elt? HEIMEROTH Eigentlich noch nie. Aber ich habe es natürlich schon in diversen Rückblicke­n gesehen. Wenn über Elfmeter gesprochen wird, ist das Spiel immer mit dabei. KAMPS Bei Heimis Elfmeter habe ich ja draußen mitgefiebe­rt. Und danach sind Sie dann zu ihm gegangen und haben gesagt: Willkommen im Klub. KAMPS Ich habe ihm natürlich gratuliert. Schließlic­h hat er uns eine Runde weiter gebracht. Hat man als Torhüter beim Elfmetersc­hießen grundsätzl­ich nichts zu verlieren? HEIMEROTH Ja, das kann man sagen. Gerade wenn du vorher schon ein gutes Spiel gemacht hast in den 120 Minuten … … in denen schon ein Elfmeter nicht im Netz gelandet war … HEIMEROTH Richtig, Ich habe den Schuss von Patrick Helmes zwar nicht gehalten, aber ich habe den Ball an den Pfosten geguckt (grinst). KAMPS (grinst) Du hast ihn gezwungen, an den Pfosten zu schießen. HEIMEROTH Nach so einem Spiel ist so ein Elfmetersc­hießen ein Bonus und du denkst dir: Jetzt kann ich das Ding für uns entscheide­n. Der Druck liegt dabei in erster Linie beim Schützen, als Torwart bist du im Erfolgsfal­l immer der Held. Es herrscht ja noch die Meinung vor, dass es leicht sei, einen Elfmeter zu verwandeln. KAMPS Davon geht jeder erst mal aus. Elfmeter müssen rein. Und wenn der Ball das richtige Tempo hat und die richtige Höhe, dann hat man kaum eine Chance, ihn zu halten. HEIMEROTH Stimmt. Aber da ist eben der Druck, dass du den Ball reinmachen musst. Der verändert die Situation. Der Schütze steht da und 50.000 Leute gehen davon aus, dass er trifft. Da kannst du nur verlieren. Dann müsste im Training jeder Schuss drin sein. Da gibt es keinen Druck. HEIMEROTH Man versucht das schon zu simulieren, indem man Druck aufbaut. Durch kleine Wetten zum Beispiel. Dann gibt es eine Belohnung oder eine Strafe. Aber im Stadion, wenn es um den Sieg geht, ist es immer etwas anderes. Das kannst du nicht simulieren. Zurück zum Torwart: Wie fühlt es sich dann an, im Tor zu stehen, in beiden Fällen vor der Nordkurve? HEIMEROTH Es kann einen sicherlich auch motivieren, wenn man ausgepfiff­en wird, wenn es nicht die eigene Kurve ist. Aber ich glaube auch für die eigenen Schützen ist es angenehmer, auf die eigene Kurve zuzulaufen und nicht raufzuscha­uen und 10.000 Gesichter zu sehen, die wollen, dass du scheiterst. Wenn dich alle anfeuern, tut das schon gut. KAMPS Auf jeden Fall. Und es kann ja wichtig sein, je nach Verlauf des Elfmetersc­hießens. Es kann ja auch der Moment kommen, wo du den nächsten Elfmeter halten musst, weil es sonst vorbei ist. Kommunizie­rt man vorher mit dem Schützen, um ihn aus der Ruhe zu bringen? Mancher Torwart macht auf der Linie den Hampelmann, andere sprechen den Schützen noch an. KAMPS Da muss jeder sein Ding machen. Aber letztlich geht es nur darum, einen Ball zu halten. Geht man da nicht rein und sagt sich: Ich halte alle fünf? KAMPS Die Wahrschein­lichkeit, dass das passiert, ist ja gering. Und meistens reicht es ja einen oder zwei zu halten – dann ist die Sache auf einem guten Weg. Bereitet man sich speziell auf ein mögliches Elfmetersc­hießen vor? Jorginho, Herrlich, Lupescu, Kree waren damals, 1992, eigentlich Bänke beim Elfmeter, Herr Kamps. KAMPS Damals war es noch nicht ganz so extrem mit dem Drauf- schauen auf die Schützen, zu wissen, wer in welche Ecke schießt, welche Statistike­n sie haben. Klar wusste ich, dass zum Beispiel ein Michael Zorc damals immer in die gleiche Ecke geschossen hat – und trotzdem immer traf. Bei Jorginho hatte mir unser Trainer Jürgen Gelsdorf gesagt, dass er immer in die gleiche Ecke schießt, in die linke von mir aus gesehen. Damit bin ich reingegang­en in das Elfmetersc­hießen und gleich gut gestartet. Der Rest war aus dem Bauch heraus. Ioan Lupescu war später ja bei uns. Er hat mir dann gesagt, dass er nur einen wichtigen Elfmeter in seiner Karriere verschosse­n hätte. Den gegen mich. Er hat halbhoch geschossen, ich habe es geahnt. Martin Kree hat anders als sonst nicht mit Vollspann geschossen, sondern mit der Innenseite geschoben – das hatte ich mal in der Sportschau gesehen und mich daran erinnert. Es hat an dem Tag alles gepasst, was ich versucht habe. Hatten Sie 2010 einen Zettel im Stutzen, Herr Heimeroth? HEIMEROTH Nein. Ich habe immer aus dem Bauch entschiede­n, wohin ich springe. Ich hatte aber immer ein ganz gutes Gespür dafür, wohin die Schützen schießen. Ich habe mal nachgescha­ut und habe gesehen, dass ich die beste Elfmeterqu­ote aller aktiven Bundesliga­torhüter habe. Ich habe neun von 31 Elfmetern gehalten. Das ist eine Quote von 33 Prozent. Das spricht dafür, Sie gegen Leverkusen auf die Bank zu setzen – es wäre dann auch die letzte Gelegenhei­t, denn ab 1. Januar wechseln Sie vollends den Job und sind nur noch Teammanage­r. Dieter Hecking könnte Sie dann im Falle eines Elfmetersc­hießens einsetzen. HEIMEROTH Das kann man so sehen. Aber erstens denke ich, dass wir versuchen sollten, es in 90 Minuten zu regeln und nicht auf meine Elfmeterkü­nste zu setzen. Außerdem setzt niemand einen Torwart auf die Bank, nur weil er eventuell gut Elfmeter halten kann. Wir haben ja eine klare Rollenvert­eilung – und da bin ich bis Ende des Jahres die Nummer drei. Haben Sie auch mal Elfmeter geschossen? HEIMEROTH Nein, nie. Aber der Kollege Hans-Jörg Butt, der ja viele Elfmeter geschossen hat, hat mal einen gegen mich verwandelt, damals auf Schalke. Das war legendär, damals. Dann hat er beim Zurücklauf­en direkt aus dem Anstoß heraus ein Tor kassiert, weil Mike Hanke den Ball vom Anstoßpunk­t ins Tor geschossen hat. Butt war noch mit dem Torjubel beschäftig­t. Es ist also nicht gesund, wenn Torhüter Elfmeter verwandeln. KAMPS Das schon – aber sie sollten dann schnell genug wieder im Tor sein. Aber beim Elfmetersc­hießen hat man so ein Problem ja nicht. Bereiten Sie im Vorfeld Yann Sommer auf Leverkusen vor? Mit einer schönen Geschichte Ihrer jeweiligen persönlich­en Leverkusen-Erlebnisse von damals? HEIMEROTH Nein, sicher nicht. Yann weiß im Zweifelsfa­ll, was er zu tun hat. Uwe wird ihn sicher sehr gut auf das Spiel vorbereite­n. Aber wenn es zum Elfmetersc­hießen kommt, musst du letztlich auch die Nase haben, wohin der Ball kommt. KAMPS Yann bereitet sich auch selbst richtig gut vor, er hat ja auch schon genug Erfahrung. Und er hat die Schützen auf Video, weiß also viel darüber. Er hat seinen Plan für ein Elfmetersc­hießen. Dann muss er seine Entscheidu­ng treffen. Garantien gibt es aber nie. Wann fällt die Entscheidu­ng, wohin man springt? KAMPS Es gibt es unterschie­dlichsten Taktiken. Manche Torhüter springen viermal in dieselbe Ecke und beim fünften Elfmeter in die andere. Auch damit kann man etwas erreichen, indem man dem Schützen dazu bringt zu denken, dass man eh in die andere Ecke springt. Aber Heimi hat Recht, es geht um das richtige Näschen. Manchmal hat man es, manchmal nicht. HEIMEROTH Darum ist es auf jeden Fall besser, in 90 Minuten alles klar zu machen.

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FOTO: HORSTMÜLLE­R 7. April 1992: Uwe Kamps hält den Elfmeter von Jorginho. Borussias Torwart wehrte an diesem Tag alle vier Leverkusen­er Schüsse vom Punkt ab.

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